6. Juni 2010
Radialsystem

Barockes Surround-System

Ein Kammerorchester mit DJ im Radialsystem

Programm

Arcangelo Corelli
Concerto grosso op. 6 Nr. 4, D-Dur für Streicher und Basso continuo

Georg Friedrich Händel
Sonata IV op. 5 Nr. 4, G-Dur
Sinfonia B-Dur HWV 338 für zwei Violinen und Basso continuo

Francesco Conti
Entrée-Minuet
Ballo degli Pagarellieri

Mitwirkende

Elbipolis Barockorchester Hamburg
Jürgen Groß - Violine
Albrecht Kühner -Violine
Jochen Grüner - Viola
Inka Döring - Violoncello
Ophira Zakai - Theorbe
Michael Metzler - Perkussion
Jörg Jacobi - Cembalo
Johannes Malfatti - DJ

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Barockes Surround-System

Ein Kammerorchester mit DJ im Radialsystem

Von Fabienne Krause / Fotos: Hans Scherhaufer


Elbipolis Barockorchester Hamburg
Foto: Hans Scherhaufer

Seit November 2008 spielt das Elbipolis Barockorchester gemeinsam mit wechselnden DJs in der Barock Lounge im Radialsystem V, am 06. Juni 2010 zusammen mit Johannes Malfatti, einem in Berlin lebendenden Komponisten. Mit einer vielseitigen Beschäftigung mit Musik, die er in klassischer Musikausbildung als Diplom-Tonmeister und Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg sammeln konnte, arbeitet Malfatti sowohl an elektronischen Musik-Kompositionen als auch an Arrangements für kleine Besetzungen oder großes Orchester. Das spricht an diesem Abend für eine interessante Konstellation mit dem seit 1999 bestehenden Barock-Ensemble aus Hamburg, das auf etlichen klassischen Musik-Festivals vertreten ist und mit ihrer konzeptuellen Debüt-CD "Don Quichotte in Hamburg" für positive Resonanz gesorgt hat. An diesem Abend stehen einige Stücke dieser CD des weniger bekannten Komponisten Francesco Conti auf dem Programm, die stilisierte Tanzsätze nach Art einer Suite enthalten. Vor allem bei diesen, aber auch bei den Kompositionen von Corelli (Concerto grosso op. 6 Nr. 4) und Händel (Sonata IV op. 5 Nr. 4 und Sinfonia B-Dur HWV 338 für zwei Violinen und Basso continuo) überzeugt das junge Ensemble durch seine mit Witz dargebotenen Interpretationen und natürliche Spielfreude.

Das Radialsystem bietet dabei eine ideale Plattform für Experimente dieser Art, die Klassik mit elektronischer Musik zu verbinden. Als ehemaliges Pumpwerk hat es sich zum Ziel gesetzt, Künstler, Kreative und Kulturbegeisterte in Kontakt zu bringen und entwickelt aus der Begegnung von Tradition und Innovation, alter Musik und zeitgenössischem Tanz, bildender Kunst und neuen Medien neue Formate und Genres. Mit diesem Vorhaben steht das Radialsystem aber nicht alleine in Berlin, denn die Klassik in die Clubszene Berlins zu holen, hat in der Vergangenheit an immer mehr Popularität gewonnen. Der allein schon geographisch nicht unweit gelegene Elektro-Schuppen "Berghain", der internationalen Kultstatus im Berliner Nachtleben schon längst erreicht hat, will mit seiner Yellow-Lounge ebenfalls die Klassik einem breiteren Publikum als den Philharmonie-Abonnenten zugänglich machen und hat damit auch einen hohen Beliebtheitsgrad erreicht. Gleichzeitig gibt es in Berlin immer mehr Musiker, DJs und Komponisten, die ihre elektronische Musik mit Klassik anreichern, oder eben umgekehrt. Erwähnt seien dabei neben Compilations wie "Reflections On Classical Music" oder der "Recomposed"-Reihe der Deutschen Grammophon, auch Künstler oder Ensembles wie Hauschka, Aufgang, Greg Haines oder Max Richter. Dennoch existiert hier immer noch der unüberwindbaren Graben zwischen den klassischen Instrumentalisten und den Elektro-Musikern. Erstere sprechen dem Computer den Status "Instrument" ab, letztere betrachten die Klassik als ein Feld mit abgeschlossenen Kompositionen, die nichts "Neues" mehr bieten.


Elbipolis Barockorchester Hamburg
Foto: Hans Scherhaufer

Umso gespannter ist man an diesem lauen Abend des ersten richtigen Sommer-Wochenendes, an dem nebenan von der Bar 25 Klänge elektronischer Musik auf das Gelände des Radialsystems wehen, ob sich die Musik, sei sie hand- oder computer-gemacht, gegenseitig erneuern kann. Schon das Publikum bildet eine interessante Mischung aus Hörern, die sich auf eine Mischung aus Vertrautem und neu Entstehendem einlassen wollen. Die einen fragen sich vielleicht, wartend auf loungigen weißen Leder-Würfeln, was für ein elektronischer Puls sich in der altbekannten Barock-Musik befinden könnte. Die anderen, doch lieber auf einem soliden Lehnstuhl sitzend, sind interessiert an der Bereicherung der zeitgenössischen durch die mehr als dreihundert Jahre ältere Musik. Ein dankbares Publikum, da es sich durch Offenheit und Neugierde auszeichnet.

Diese Einstellung wird dann auch belohnt, denn Klassik und Elektronik kommen sich an diesem Abend tatsächlich ein Stückchen näher. Der DJ greift immer wieder den charakteristischen Klang einzelner Instrumente auf und verfremdet diese Stück für Stück. Gleichzeitig versteht er es, den Puls der barocken Tanzsätze dezent aufzugreifen und dann in dominante Elektrobeats zu verwandeln. Die Barockmusik wird dabei nicht ständig unterbrochen, so dass der Zusammenhang der Sätze erhalten bleibt. Es entstehen aber auch keine Brüche, wenn Malfatti ohne Zeitverzögerung einzelne Motive, Klänge oder Rhythmen des gerade Gehörten nahtlos mit seinem elektronischen Instrument wiedergibt und daraus unter Drehen an Knöpfen und Tippen auf elektronischen Tastaturen neue Sounds anschwellen lässt. Beide musikalische Sprachen nehmen den Terminus an, so dass die Konstellation einen neuen musikalischen Sinn ergibt. Als Hörer fragt man sich, ob die eigenen Hörerwartungen Einfluss auf die Wahrnehmung des Erklingenden nehmen. Aber die Musiker schaffen es tatsächlich ebenso die unterschiedliche Musiksprache auf die geschichtlich weit auseinander liegende Musik zu übertragen. Sowohl die Motive der Musik als auch das Charakteristische der Instrumente füllen nun den Raum mit mehr Nachdruck und stoßen den Hörer auf Details des so reichhaltigen und wertvollen alten Musikgusses. Das Barock-Ensemble lässt sich merkbar inspirieren und stellt dezente Impulse und Motive der Kompositionen deutlicher heraus. Bei der ersten Aria von Francesco Conti tritt Albrecht Kühner in einen Dialog mit dem Ensemble und nutzt die Technik des Surroundsystems mit seiner Violine, in dem er sich auf verschiedene Positionen im Raum begibt und musikalisch antwortet, je nachdem wen er vor sich hat, oder wie er angesprochen wurde. Die Belohnung ist wohlwollendes Lachen aus dem Publikum. Was in Klassikkreisen und vor allem vor dem Hintergrund historischer Aufführpraxis als "unerhört" gelten würde, wird hier herausgefordert und sogar mit perkussiven Instrumenten verstärkt, die sich in das barocke Klangspektrum einfügen und auch den Impuls elektronischer Clubmusik wiedergeben. Am Ende schaut man in zufriedene Gesichter auf allen Stühlen und auch hinterm DJ-Pult.



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