2. Juni 2010
Deutsche Oper Berlin

Verdis Venus

Andreas Kriegenburg inszeniert Verdis Otello an der DOB

Programm

Giuseppe Verdi
Otello

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Patrick Summers
Inszenierung: Andreas Kriegenburg
Spielleitung: Claudia Gotta
Bühne: Harald Thor
Kostüme: Andrea Schraad
Choreographie: Zenta Haerter
Lichtgestaltung: Stefan Bolliger
Dramaturgie: Katharina John
Chor: William Spaulding
Kinderchor: Dagmar Fiebach
Künstlerischer Produktionsleiter: Christian Baier

Othello: José Cura
Jago: Zeljko Lucic
Cassio: Yosep Kang
Rodrigo: Gregory Warren
Lodovico: Hyung-Wook Lee
Montano: Jörn Schümann
Desdemona: Anja Harteros
Emilia: Liane Keegan
Ein Herold: Lucas Harbour

Chor, Kinderchor, Statisterie und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Verdis Venus

Andreas Kriegenburg inszeniert Verdis Otello an der DOB

Von Heiko Schon / Fotos: Barbara Aumüller im Auftrag der Deutschen Oper Berlin


Otello - Deutsche Oper Berlin
Anja Harteros (Desdemona), José Cura (Otello)
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Ob Händels Alcina, Puccinis Mimi, Wagners Elsa (München) oder Elisabeth (Mailand): Jedes heiße Sopran-Eisen, das Anja Harteros anpackt, verwandelt sie in pures Gold. Nach ihren Auftritten wird erst mit Füßen getrampelt, dann hagelt es Lobeshymnen, später folgen die Trophäen (Grammy-Nominierung, Bayerische Kammersängerin, Sängerin des Jahres 2009). Ach ja, ich gestehe: Auch der Schreiber dieser Zeilen ist ein erlegtes Opfer. Verfallen der Natürlichkeit und diesem Charme, geplättet von so viel authentischer Gestaltungskraft, süchtig nach dieser unsagbar virtuosen Stimme. Maßstäbe weiß Harteros derzeit vor allem bei Verdi zu setzen: als schier innerlich verbrennender Sopran in der Messa da Requiem, als selbstbewusst-frauliche Violetta (die bei Harteros kein zwitscherndes Koloraturvögelchen ist), als geschmeidige Bögen spinnende Amelia (Simon Boccanegra, zuletzt an der Seite Plácido Domingos). Und nun Desdemona. Da bahnen sich feinste Pianissimi in den Salce!-Rufen ihren Weg: empfindsam wie das sprichwörtliche zarte Pflänzchen, frei strömend und doch kontrolliert, differenziert. Im Saal ist es mucksmäuschenstill. Gerade weil Harteros jeden forcierten Ton vermeidet, die Desdemona von jeder Wehleidigkeit, Weinerlichkeit befreit, gelingen ihr Augenblicke, in denen jeder den Atem anhält, der eine oder andere sogar eine Träne verdrückt.


Otello - Deutsche Oper Berlin
Chor der Deutschen Oper Berlin
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Der Sänger des Othello hat es sowieso schon schwer genug: Das kraftmeierische Esultate! geht live bei den meisten Tenören daneben (so auch diesmal), superbe Technik ist gefragt und verdammt viel Kondition. José Cura tritt vor allem gegen sich selbst an: Der Argentinier singt diese Partie nicht erst seit gestern und muss sich Vergleiche gefallen lassen. Hat Curas Tenor nie durch sonderlich viel Italianitá bezaubert, so vernimmt man anfangs kaum einen Funken Glanz in der Stimme, stemmt er die Töne mit Stärke, aber ohne Strahlkraft. Doch Cura zeigt Nerven und einen langen Atem, steigert sich von Akt zu Akt, bis er an der Seite dieser Desdemona mit seinem Mohr von Venedig punkten kann. Zeljko Lucic macht als von der Regie immer wieder zurückgepfiffener Jago keine gute Figur. Sein Vortrag klingt mehr nach Brunst als nach Schwärze, das Spiel ist monoton, was fehlt ist die Lust am Teufelsdasein. Die übrige Besetzung (und erst der glorios schmetternde, rhythmisch präzise Chor) legt die Messlatte gewaltig hoch: Yosep Kang stellt sich als idealer Cassio mit Reinheitstimbre vor, ist Gregory Warren ein vornehmer Rodrigo, gibt Hyung-Wook Lee einen strammen Lodovico. Als Emilia hat sie zwar nicht viel zu tun, aber Liane Keegan nutzt jede Gelegenheit, um mezzo-dramatisch in die Vollen zu gehen.


Otello - Deutsche Oper Berlin
Anja Harteros (Desdemona), José Cura (Otello)
Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Dirigent Patrick Summers (der für den aufgrund einer Schulter-OP ausgefallenen Paolo Carignani einsprang) will viel - zu viel - unter einen Hut bekommen. Da wird (beabsichtigt?) viel hohles Pathos aus dem Graben geblasen, lässt Summers akustisch den Löwen raushängen, um sich dann Ruhe und Zeit für allerlei sorgfältig musizierte Details zu genehmigen. Zwischenzeitlich macht es sich der späte Verdi auch mal in der pauschalen Hängematte gemütlich. Am besten gerät noch der spannungsgeladene 3. Akt. Noch ernüchternder fällt die szenische Umsetzung aus. Wir sind Mohr! könnte Andreas Kriegenburg gemeint haben und verzettelt sich in einer ziemlich kruden, widersprüchlichen und leider auch wenig aufregenden Gesellschaftsanalyse. Vielleicht beginnt das Problem schon damit, dass Kriegenburg nicht, wie in seinen besten Sprechtheater-Inszenierungen, das Bühnenbild selbst entworfen hat. Der Chor ist in aufeinander getürmte Metallbetten gepfercht: eine passiv handelnde, ruhig gehaltene Masse, die an der Gewalt Anteil nimmt, aber nichts gegen sie ausrichtet. Wenn der Kinderchor agiert, wedelt die Moralkeule ordentlich über dem Geschehen, bei Jagos Credo wird unbeholfen mit Münzen geklimpert und so Heinrich Heine zitiert ("Das Geld ist der Gott unserer Zeit..."). Der Abend krankt an zu viel Sozialkritik - und zu wenig Shakespeare. Selbst wer bei Kriegenburg auf eine schauspielstarke Komponente hofft, guckt in die Röhre, kreiseln Charaktere an der Rampe, sind Sänger auf sich selbst gestellt. Egal, dieser Otello fesselt in stimmlicher Hinsicht.



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