3. Mai 2010
Radialsystem V

Er war jung und brauchte das Geld

Die berliner operngruppe wagt sich an Giuseppe Verdis Oberto

Programm

Giuseppe Verdi
Oberto

Mitwirkende

berliner operngruppe
Musikalische Leitung: Felix Krieger
Chöre: Thomas Richter, Steffen Schubert

Obert: Francesco Ellero d'Artegna
Leonora: Christine Knorren
Cuniza: Katja Lytting
Imelda: Tanja Šimić Queiroz
Riccardo: Leonardo Gramegna

Chor und Orchester der Berliner Operngruppe

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Er war jung und brauchte das Geld

Die berliner operngruppe wagt sich an Giuseppe Verdis Oberto

Von Heiko Schon

Der Falstaff sollte erst noch kommen, da blickte Verdi bereits auf 50 (zumeist) glanzvolle Jahre als Komponist zurück. Aus diesem Grund sollte auf einem Festival genau der Zweiakter aufgeführt werden, mit dem Verdi 1839 die Opernbühne betreten hatte. Aber der Jubilar zeigte sich von dieser Idee alles andere als begeistert: Das heutige Publikum werde sich "in höflicher Stille langweilen" - so die abfällige Meinung Verdis über das eigne Erstlingswerk (welches bei der Uraufführung so erfolgreich war, dass Verdi einen Vertrag für drei weitere Opern erhielt). Apropos Erstling: Ob Oberto nun wirklich Verdis Numero Uno ist, darüber zanken sich die Historiker bis heute. Die einen halten Rocester für verschollen und das wahre erste Werk Verdis, andere meinen, dass Rocester ein paar Änderungen erhielt und sich fortan Oberto nannte. Der Künstler selbst äußerte sich dazu höchst widersprüchlich. Einig ist man sich aber in einem Punkt: Zur offiziellen Aufführung gelangte nur Oberto. Heute ist diese Jugendsünde Verdis nahezu vergessen, was an der schwachen Dramaturgie und einem wunderbar anspruchslosen Libretto (Antonio Piazza / Temistocle Solera) liegen mag. In der Partitur jedoch stößt man vereinzelt auf komplexe Muster, die schon an Spätwerke wie Don Carlo oder Otello erinnern (nachzuhören in der mitreißenden Aufnahme von Sir Neville Marriner).

Ist Oberto das passende Stück, um sich als berliner operngruppe der Öffentlichkeit vorzustellen? Oh ja! Dirigent Felix Krieger krempelt die Ärmel hoch, versammelt Profis und Laienmusiker (zum Lernen voneinander) und bringt mit ihnen - nach emsiger Probenarbeit - ein Kleinod zum Leuchten. Wer über Dissonanzen im Orchesterklang und inhomogene Chorstellen mosern würde, verkennt den Sinn dieses Projektes. Was sich hier vereint, ist die Leidenschaft am Musizieren. Und genau das steckt in diesem Abend: viel Idealismus. Krieger wacht hochkonzentriert über das Geschehen und hält den Apparat zusammen. Leonardo Gramegna ist ein waschechter Spinto in Macho-Manier. Sein Riccardo weist eine herrlich italienische Diktion, satten Schmelz und gehörig Volumen auf: Gut gebrüllt, Löwe! Ihre höhensichere, kraftvolle Leonore macht deutlich: Christine Knorren, eigentlich Mezzo, sollte unbedingt öfters den Ausflug ins hochdramatische Sopranfach wagen. Und auch die sanft orgelnde, gefühlvoll ausformende Katja Lytting (Cuniza) würde man gern einmal auf großer Hauptstadtbühne wiedersehen. Ausgerechnet der Sänger mit der beachtlichsten Biografie hat einen Hänger: Francesco Ellero d'Artegna kann charmant agieren, gekonnt phrasieren und ein kerniges Timbre sein eigen nennen, aber einmal ist er so richtig schön raus. Die semiszenische Umsetzung könnte dezenter von statten gehen (Ist es unbedingt notwendig, den toten Oberto reinzutragen und zwischen Sängerpulten abzulegen?) und das Radialsystem ist - so groovy die Location auch sein mag - für Oper eher ungeeignet. Und dennoch: Das große Ganze stimmt. Kommt bald wieder!



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