27. April 2010
Deutsche Oper Berlin

Drachentöter Reloaded!

Die Nibelungen-Filme Fritz Langs in orangefarbener Viragierung

Programm

Fritz Lang: Die Nibelungen
Musik: Gottfried Huppertz (1924)

Mitwirkende

Regie: Fritz Lang
Musikalische Leitung: Frank Strobel
hr-Sinfonieorchester / Frankfurt

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Drachentöter Reloaded!

Die Nibelungen-Filme Fritz Langs in orangefarbener Viragierung

Von Heiko Schon / Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung / Thomas Rafalzyk


Die Nibelungen - Premiere der restaurierten Fassung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Berlin
Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung / Thomas Rafalzyk

Den Anfang nahm dieses Stück Weltkulturerbe irgendwann um das spätantike Jahr 436, als die Burgunder von einem römischen Heermeister und den Hunnen überrannt wurden. Aus Geschichte wurde Sage, Nibelungensage. Von germanischen Völkerstämmen in allerlei Fassungen überliefert, entstand daraus im Mittelalter die deutscheste aller Heldendichtungen: das Nibelungenlied. Goethe las daraus vor, Hebbel inspirierte es zu einem Drama, Wagner zu seinem Ring. Und auch die Filmindustrie kam daran nicht vorbei. Der Stoff wurde schon einige Male für die große Leinwand adaptiert, doch der gewaltigste Zauber geht noch immer von den beiden Stummfilmen Fritz Langs aus. Da sich "Lied" hier von "Strophe" ableitet, wurde Siegfried und Kriemhilds Rache in jeweils sieben "Gesänge" gegliedert. Diese wurden jetzt von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung als bislang umfangreichstes Restaurierungsprojekt der Öffentlichkeit vorgestellt. Mögen beide Klassiker aufeinander folgend auch einen Kinoabend bilden, der dem Zuschauer gehörig Sitzfleisch abfordert: Die Belohnung fällt üppig aus.

Wer Metropolis gesehen hat, erkennt die Ästhetik Langs wieder: expressionistisch verkantete Kameraeinstellungen (Wormser Königshof), visuelle Effekte auf der Höhe der damaligen Zeit ("doppelter" Gunther), eine aufwändig-detailgenaue Ausstattung (der Drache natürlich), wilde Tanz-Einlagen sowie eine perfekte Maskerade. Alle Hauptdarsteller agieren umwerfend, allen voran Margarete Schön, deren Kriemhild nach dem Tod Siegfrieds sämtliche lieblich-weichen Gesichtszüge verliert. Selbst an Spannung mangelt es nicht und so sind diese beiden Juwelen viel mehr als nur ein hervorragend restauriertes Zeitdokument. Gottfried Huppert sortiert Figuren und Begriffen Melodien zu, arbeitet also ebenfalls mit Leitmotiven. Immer wieder glaubt man, einzelne Taktfolgen des großen Richard W. herauszuhören, aber die Komposition Hupperts geht eindeutig in die filmmusikalische Richtung. Klangliche Sogwirkung entfaltet die Eroberung der Brunhild (3. Gesang aus Siegfried) und der sich dramatisch zuspitzende Rachefeldzug Kriemhilds. Das (konditions)starke und schneidig-virtuose Spiel des hr-Sinfonieorchesters (unter der kompetenten Leitung Frank Strobels) ist über jede Kritik erhaben. Nach 6 Stunden: Langanhaltender, dankbarer Jubel im Saal der Deutschen Oper.

Der Fernsehsender ARTE war für eine Aufzeichnung vor Ort anwesend. Über die TV-Ausstrahlung hinaus ist eine Auswertung auf DVD und Neu-Einspielung der Filmmusik vorgesehen.



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