26. September 2010
Komische Oper Berlin

So'n ganz frisches Steingrau

Premiere der Meistersinger in der Inszenierung von Andreas Homoki an der Komischen Oper

Programm

Richard Wagner
Die Meistersinger von Nürnberg

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Patrick Lange
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühne: Frank Philipp Schlößmann
Kostüme: Christine Mayer
Dramaturgie: Werner Hintze
Chöre: Robert Heimann
Licht: Franck Evin

Hans Sachs: Tómas Tómasson
Veit Pogner: Dimitry Ivashchenko
Kunz Vogelgesang: Christoph Schröter
Konrad Nachtigall: Carsten Sabrowski
Sixtus Beckmesser: Tom Erik Lie
Fritz Kothner: Günter Papendell
Balthasar Zorn: Peter Renz
Ulrich Eißlinger: Stephan Spiewok
Augustin Moser: Thomas Scheler
Hermann Ortel: Karsten Küsters
Hans Schwarz: Hans-Peter Scheidegger
Hans Foltz: Hans-Martin Nau
Walther von Stolzing: Marco Jentzsch
David: Thomas Ebenstein
Eva: Ina Kringelborn
Magdalene: Karolina Gumos
Der Nachtwächter: Jan Martinik

Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Mitglieder des Ernst Senff Chores Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin

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So'n ganz frisches Steingrau

Premiere der Meistersinger in der Inszenierung von Andreas Homoki an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Die Meistersinger - Komische Oper Berlin
Chorsolisten
Foto: Monika Ritterhaus

Gerade beim Inszenieren von Standardrepertoire tun sich viele Regisseure schwer. Ein ganz neuer Ansatz wäre nicht schlecht, vielleicht eine Seite, die bislang unbeleuchtet blieb, na also zumindest eine noch nie da gewesene optische Aufmachung sollte schon drin sein. Da wird im Vorbereitungsgespräch schnell mal ein Vorschlag mit den Worten " ist viel zu abgegriffen" vom Tisch gefegt. Sorgen solcher Art kennt Andreas Homoki offenbar nicht. Seine Version der Meistersinger von Nürnberg enthält genau jene stilistischen Merkmale, die man von Homoki-Inzenierungen kennt: Wuselnde Solisten, rennende Chöre und wenige, aber große Kulissen, die irgendwann einmal kippen oder auf dem Kopf stehen.


Die Meistersinger - Komische Oper Berlin
Peter Renz (Balthasar Zorn), Hans-Martin Nau (Hans Foltz), Stephan Spiewok (Ulrich Eißlinger),
Christoph Schröter (Kunz Vogelgesang), Hans-Peter Scheidegger (Hans Schwarz),
Tamas Tamasson (Hans Sachs), Günter Papendell (Fritz Kothner), Thomas Scheler (Augustin Moser),
Dimitry Ivashchenko (Veit Pogner), Carsten Sabrowski (Konrad Nachigall), Karsten Küsters (Herman Ortel)
Foto: Monika Ritterhaus

Das Nürnberg, welches Frank Philipp Schlößmann da aufgebaut hat, besteht aus einem Dutzend farbloser, beweglicher, verschieden großer Häuschen und einem Kirchturm, was symbolisch für so ziemlich jede Stadt stehen kann. Dieses Nürnberg also, zeigt sich verschlossen. Als Ort und als Gemeinschaft. Soll Neuankömmling Stolzing doch um Aufnahme in der Sängerzunft bitten - viel lieber möchte man unter sich bleiben. Die Meister verziehen sich in ihre Häuschen und - Klapp! - die Türen zu. Nur Hans Sachs tritt heraus und gibt dem Ritter eine Chance - ein stimmiges, klar herausgearbeitetes Bild. Im zweiten Akt fallen zum Ende der Prügelfuge Häuschen und Kirchturm um, was ein subtiler, sicher nicht verkehrter Einfall ist, aber eben so abgegriffen wie vorhersehbar. Die Festwiese im dritten Akt steht dann unter dem Motto "Unser Dorf soll schöner werden" und die davor wieder aufstellten Häuschen drehen sich nun - inzwischen hübsch bemalt - zum Orchesterspiel im Kreis. Schienen die Meistersinger aus einem schwarzweiß-gräulichen Märchenbuch gefallen zu sein (Wilhelm Busch lässt grüßen), erscheinen auch sie jetzt - wie alle anderen Einwohner - farbig aufgeschickt.


Die Meistersinger - Komische Oper Berlin
Chorsolisten
Foto: Monika Ritterhaus

Wo ist er nur geblieben, der einst so große Ideenreichtum des Chefregisseurs der Komischen Oper? Nicht nur, dass Homoki vergessen hat, was uns seine Meistersinger eigentlich sagen sollen, dass er diesem komplexen Stück nur vordergründig gerecht wird, dass er das komische Potenzial größtenteils links liegen lässt (obwohl er tapfer im Programmheft das Gegenteil behauptet), nein, Homoki begeht einen Kardinalfehler: er langweilt! Beckmesser fuchtelt, Eva und Stolzing spielen Verstecken und auch das übrige Bühnenpersonal wandert entweder um die Häuschen oder verharrt zum Singen an der Rampe: eine Regie, wie Arbeit vom Fließband. Und weil das den ganzen Abend über so bleibt, kann der einem entsprechend lang vorkommen. Kein anderes Werk Wagners verbinden wir so sehr mit dem Begriff der Tradition wie dieses. Wie heißt es bei Gustav Mahler so schön? "Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche!" Homoki hat sich leider für die Asche entschieden. Auch wenn sie zum Schluss schön bunt ist...


Die Meistersinger - Komische Oper Berlin
Tómas Tómasson (Hans Sachs), Ina Kringelborn (Eva), Marco Jentzsch (Walther von Stolzing)
Foto: Monika Ritterhaus

Die Sänger haben da deutlich mehr drauf. Karolina Gumos triumphiert als jugendlich-frische Magdalene, Tómas Tómasson singt den Sachs kerniger und konditionsstärker als mancher Bayreuth-Interpret und Tom Erik Lie kämpft sich mit Bravour durch diese zapplige Beckmesser-Karikatur. Während die schönste Stimme des Abends Dimitry Ivashchenko (Veit Pogner) gehört, erfüllt Ina Kringelborn nicht alle Anforderungen an die Eva, bleibt Marco Jentzsch ein zu eindimensionaler Stolzing, gerät Thomas Ebenstein (David) immer wieder an seine Grenzen. Die von Robert Heimann einstudierten Chöre (Chorsolisten der Komischen Oper und Mitglieder des Ernst Senff Chores) gehören gebührend gelobt: ein dickes Plus der Aufführung. Und der neue Chefdirigent? Patrick Lange dirigiert flink und hemdsärmelig, was dem Charakter des Stückes sehr entgegen kommt. Da Wagner in Berlin aber keine Seltenheit ist, muss sich das Orchester der Komischen Oper Vergleiche gefallen lassen. Ein paar kleine instrumentale Patzer stören kaum, aber vieles wirkt nebeneinander, das Klangbild ist nicht immer geschlossen.



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