16. Mai 2010
Staatsoper Unter den Linden

Von schwacher Leuchtkraft

Duesing und Rattle bringen Chabriers L'étoile an der Staatsoper heraus

Programm

Emmanuel Chabrier
L'étoile

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Sir Simon Rattle
Inszenierung: Dale Duesing
Bühnenbild: Boris Kudlička
Kostüme: Kaspar Glarner
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Klaus Bertisch

König Ouf I.: Jean-Paul Fouchécourt
Lazuli: Magdalena Kožená
Prinzessin Laoula: Juanita Lascarro
Siroco: Giovanni Furlanetto
Fürst Hérisson de Porc Épic: Douglas Nasrawi
Aloès: Stella Doufexis
Tapioca: Florian Hoffmann
Patacha: Jaroslaw Rogaczewski
Zalzal: Jens-Eric Schulze

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Von schwacher Leuchtkraft

Duesing und Rattle bringen Chabriers L'étoile an der Staatsoper heraus

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


L'étoile - Staatsoper Berlin
Giovanni Furlanetto (Siroco)
Foto: Monika Ritterhaus

Ticktack, ticktack! Die letzte Minute dieser letzten Premiere vor dem Umzug ins Schiller-Theater läuft, da wendet sich Prinzessin Laoula ans Publikum und stimmt das finale Couplet an: "Meine Herren, wir sind am Ende ..." Meine Dame - mit Verlaub - ich auch. Keine zwei Stunden dauert dieses Singspiel Emmanuel Chabriers, aber die Synapsen suggerieren, man hätte einen Abend in Tristan-Länge hinter sich gebracht. Das Kuriose dabei: L'étoile steht als französische Antwort auf die deutschsprachige Operette im Dienst der heiteren Muse. Und die hat vor allem eines im Sinn: pralles, kurzweiliges Entertainment. Merkwürd'ger Fall! Nun also der Versuch einer Erklärung, am besten ganz von vorn. Der Vorhang hebt sich, man denkt an gar nicht mal so alte Staatsopern-Produktionen wie Ein Maskenball oder Der Spieler und brummelt in sich hinein: Och nö, nicht schon wieder eine Hotelhalle. An linker Fassadenseite blinkert "L'étoile" (Der Stern). Gemessen an Hotelkategorien ist der Name für dieses geschmacksfade Etablissement durchaus passend gewählt. Zudem ist die angebrachte Leuchtschrift für spätere Wortspielereien ganz nützlich ("Ile" - Insel, "Toi" - Toi toi toi?).


L'étoile - Staatsoper Berlin
Magdalena Kožená (Lazuli), Juanita Lascarro (Prinzessin Laoula), Florian Hoffmann (Tapioca),
Stella Doufexis (Aloès)
Foto: Monika Ritterhaus

Auftritt König Ouf (erliegt dem Overacting: Jean-Paul Fouchécourt). Sein Namenstag steht an und dieser wird traditionell mit einer Hinrichtung gefeiert. Dumm ist nur, dass sich niemand eines Vergehens schuldig gemacht hat. Als Ouf von dem Straßenhändler Lazuli dann doch endlich zwei Backpfeifen kassiert, tritt sein Hofastrologe Siroco (grobkörnig: Giovanni Furlanetto) auf und warnt vor einer Exekution, da die Sterne Oufs und Lazulis untrennbar miteinander verbunden wären. Würde Lazuli sterben, so müsste der König einen Tag später ins Gras beißen. Dies würde - nach königlichem Testament - auch den Tod Sirocos bedeuten. Lazuli darf sich daraufhin wünschen, was sein Herz begehrt. Seine Wahl fällt auf die Prinzessin (schöne Mittellage, aber leicht nervöse Höhe: Juanita Lascarro), die eigentlich dem König versprochen ist …


L'étoile - Staatsoper Berlin
Staatsopernchor
Foto: Monika Ritterhaus

Eine höchst skurrile Geschichte, die von Dale Duesing als Aufmarsch von Cholerikern und Knalltüten inszeniert wird. Die viel tiefere Komik des Stücks kommt jedoch aus den historischen Bezugspunkten und der Musik. Chabrier lässt Verdi knallen, zitiert aus Wagners Tristan, bedient sich überwiegend aus der reichhaltigen Palette von Opéra comique (Rossini, Donizetti), Grand opéra (Gounod) und deren Parodien (Offenbach). So beinhaltet die Partitur einen turbulenten Cancan und mit dem Couplet aus dem 2. Akt (Krach! Rums! Plumps!) ein glattes Pendant zur "Kleinzack"-Ballade. Doch mit Inhalten dieser Art kann das Inszenierungsteam nichts anfangen. Stattdessen jagt ein Running Gag den nächsten, muss der (bestens präparierte) Chor alberne Hoppelschritte vertanzen, schrammt der Abend nur einen Millimeter an der Klamotte vorbei. Nächstes Ärgernis sind die Kostüme von Kaspar Glarner. Für diese hätte man nur mal den Altkleidersack im Fundus aufschnüren müssen: Von A wie "Anzug" (mal schwarz, mal altrosa, mal braun-kariert) über T wie "Trenchcoat" oder "Tarndress" bis hin zu Z wie "Zementgraue Bluse" wäre dort sicher alles vorrätig gewesen.


L'étoile - Staatsoper Berlin
Stella Doufexis (Aloès), Juanita Lascarro (Laoula), Douglas Nasrawi (Porc Épic), Florian Hoffmann (Tapioca)
Foto: Monika Ritterhaus

Bei der Besetzung stechen Magdalena Kožená und Stella Doufexis hervor. Nun ist der Lazuli eine heikle Partie, denn in dessen Hose kann so ziemlich jeder stecken, der hohe Töne erklimmen kann (Sopran, Mezzosopran, Tenor). Doch gerade bei diesen stößt Kožená an ihre Grenzen, kippt die sonst gut fokussierte Stimme aus der Gesangslinie. Dass selbst bei tiefer liegendem Stimmumfang eine glasklare Höhe möglich ist, stellt Doufexis mit ihrer lockerflockigen Aloès charmant unter Beweis. Damit stiehlt Doufexis dem eigentlichen Mezzo-Star Kožená ein wenig die Show. Sir Simon Rattle darf nach einer Pelleas-Wiederaufnahme seine erste Premiere an der Staatsoper dirigiereren. Zwischen Rattle und der Staatskapelle scheint es einen guten Draht zu geben: flüssig die Tempi, makellos der Klang. Für meine Begriffe hätte der Zugriff wagemutiger, pointierter, unverschämter ausfallen können.



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