9. Dezember 2010
Komische Oper Berlin

Gruppenbild mit Don Giovanni

Wiederaufnahme von Mozarts Don Giovanni in der Inszenierung von Peter Konwitschny

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Don Giovanni



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Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ryusuke Numajiri
Inszenierung: Peter Konwitschny
Bühnenbild: Jörg Koßdorff
Kostüme: Michaela Mayer-Michnay
Dramaturgie: Bettina Bartz, Werner Hintze
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Franck Evin

Don Giovanni: Jochen Kupfer
Donna Anna: Erika Roos
Don Ottavio: Joska Lehtinen
Stadtkommandant: Hans-Peter Scheidegger
Donna Elvira: Elisabeth Starzinger
Leporello: Jens Larsen
Masetto: Ipca Ramanovic
Zerlina: Julia Giebel

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Gruppenbild mit Don Giovanni

Wiederaufnahme von Mozarts Don Giovanni in der Inszenierung von Peter Konwitschny

Von Hans Beckers / Fotos: Monika Ritterhaus


Don Giovanni - Komische Oper Berlin
Tom Eric Lie, Chorsolisten
Foto: Monika Ritterhaus

Eine dialektische Spannung, die jede menschliche Gesellschaft charakterisiert: Wie viel Vitalität, die ihrer Natur nach Übertretungen von Tabus und Regeln mit sich bringt, kann oder muss man innerhalb einer gesellschaftlichen Organisation zulassen? Peter Konwitschnys Blick auf Mozarts Don Giovanni ist, folgt man dem im Programmheft abgedruckten Interview, entscheidend geprägt von der Auseinandersetzung mit dieser zeitlosen Thematik. Das wiederum erhält der im Jahr 2003 entstandenen Inszenierung anlässlich ihrer Wiederaufnahme sieben Jahre später unverändert Brisanz und Aktualität.

Mozarts Genius konnten Tabus bekanntlich nicht einschränken, letztlich auch nicht der Rohrstock des gestrengen Vaters Leopold, der mit dem schneidenden d-moll Akkord des Anfangs maßregelnd auf das vom Sohn wild traktierte Cembalo herabfährt. Diese symbolische Szene bildet gleichsam eine Fußnote zur Geschichte der permanenten Grenzüberschreitungen Don Giovannis. Dabei ist die Gesellschaft, die diesem weltgewandten Verführer gegenüber steht, in Konwitschnys Deutung durchaus permissiv. Keinen Zweifel lässt er daran, dass Donna Anna die hinter milchig-blauem Plexiglas angedeuteten Verführungskünste durchaus genießt, dass der Komtur und sogar der zugleich mit ihm am Tatort auftretende Ottavio über den Vorfall und die handelnden Personen im Bilde sind. Der Tarnwert von aufgesetzten Sonnenbrillen ist schließlich grenzwertig. Aber Annas und Ottavios Beziehung hält offenbar ohnehin nur durch imaginäre Klammern der Konvention noch zusammen, zu groß ist bereits zu Beginn das unterschwellige beidseitig angelegte Aggressions- und Abneigungspotential.


Don Giovanni - Komische Oper Berlin
Olivia Vermeulen, Tom Eric Lie
Foto: Monika Ritterhaus

Wie diese Gesellschaft tickt, verdeutlicht auch der Polterabend von Masetto und Zerlina: Es genügt ein entsprechender Anlass und die Männer und Frauen im einheitlichen Grau der seriösen Geschäftswelt mutieren unvermittelt zu einer besinnungs- und hemmungslos feiernden Partygesellschaft. Man reißt sich die Kleider vom Leib und greift nach Herzenslust ins pralle Leben wie in den Wühltisch beim Schlussverkauf. Zerlina bildet da keine Ausnahme. Sie landet wie selbstverständlich und ohne Umschweife in den Umarmungen Don Giovannis, während ihr Brautschleier beiläufig in der Mülltonne entsorgt wird. Und noch in der Verkleidungsszene im zweiten Akt wird Don Giovanni durch verständnisvolles Schulterklopfen bestätigt, dass alle Beteiligten längst Mitwisser seines reizvollen Quid-pro-Quos sind. Dazu gestattet ihm die von Bettina Bartz und Werner Hinze hergestellte, geschickt aktualisierte und bisweilen auch sanft zurechtgebogene deutsche Textfassung per Rezitativ gleich zweimal, die Unverzichtbarkeit ständig wechselnder Liebesabenteuer zu propagieren. Warum also sollte diese Gesellschaft in Don Giovanni plötzlich einen Unhold sehen, dessen Treiben streng zu sanktionieren ist?


Don GIovanni - Komische Oper Berlin
Tom Eric Lie, Elisabeth Starzinger (Donna Elvira), Erika Roos (Donna Anna)
Foto: Monika Ritterhaus

Im 17. Jahrhundert war der Sachverhalt klar. Der Don Juan Tierso de Molinas büßte keineswegs für sein ausschweifendes Leben, vielmehr musste er als Strafe für die Störung der Totenruhe zur Hölle fahren. Fürs Hier und Heute steht die Hölle nicht mehr zur Verfügung, und auch Konwitschny bleibt letztlich eine plausible Erklärung schuldig. Da steht der Komtur während des finalen Abendessens auf und fordert von Don Giovanni, sich der Konvention zu beugen, indem er ihm auf der Degenspitze symbolisch eine graue Krawatte offeriert. Weil der sich weigert, normiert ihn die Gesellschaft zwangsweise. Vorsichtshalber wird er noch entmannt, um Rückfällen unwiderruflich vorzubeugen. Das Register mit der Aufzählung seiner Eroberungen geht in Flammen auf. Der so gezähmte Libertin darf sich am Ende im grauen Zwirn mit Freunden und Widersachern zum friedlichen Gruppenbild versammeln. Auf ihn wartet eine moderne Art der Hölle, über die schon Marlowe und später Brecht verlauten ließen, sie befinde sich im Diesseits. Das über Moral schwadronierende Schluss-Sextett (das schon Gustav Mahler ein Dorn im Auge war), ist nun so überflüssig wie ein Kropf und zerbröselt ins Nichts. Aber schon vorher ging es ja für Don Giovanni nicht mehr um Leben und Tod, sondern um gesellschaftliche Anpassung. Dafür allerdings wirkt Mozarts Musik heillos überdimensioniert.


Don GIovanni - Komische Oper Berlin
Jens Larsen (Leporello), Elisabeth Starzinger (Donna Elvira), Tom Eric Lie
Foto: Monika Ritterhaus

Es ist das große Glück dieser Aufführung, dass der schlaksig-jungenhaft wirkende Jochen Kupfer in der Titelpartie die Unwiderstehlichkeit dieses erfahrenen Frauenverführers bis in die Haarspitzen verkörpert, weil er sein galantes Auftreten mit einer viel versprechenden Stimme von weicher, geschmeidig-samtener Timbrierung kombinieren kann. Vom schmeichelnden Säuseln (etwa in der Canzonetta) bis zur heftigen Erregung, ja zur herrischen Attitüde trifft Kupfer den für die jeweilige Situation perfekten Tonfall. Das sichert ihm Respekt und mitunter auch einige Bewunderung seines Dieners Leporello. Den wiederum gibt Jens Larsen als widerwilligen Arbeitnehmervertreter, der sich halb widerstrebend zur Organisation der erotischen Abenteuer seines Herrn herangezogen sieht. Er kann mit dessen Opfern leiden, gelegentlich grob herumpoltern, aber auch hasenfüßig einknicken.

Opfer sind alle Frauen, die Giovannis Bahn kreuzen, insofern, als ihr Wunsch nach einer dauerhaften Beziehung Illusion bleibt. Das gilt - vollkommen unabhängig vom Typ - für die burschikose, handfeste Donna Anna, die Erika Roos mit blitzsauberer Intonation ausstattet, für die zur Hysterie neigende, hibbelige Elvira von Elisabeth Starzinger, in deren Höhen sich gelegentliche Schärfen mischen und die neugierige Zerlina, die Julia Giebel mit heller zielorientierter Vokalisation versieht. Opfer sind auch die Männer, auf die Giovannis Schatten fällt. So verkümmert Joska Lehtinens Ottavio zu einem zaudernden Bedenkenträger, dessen recht einförmiger, wenige Valeurs präsentierender Tenor insofern eine durchaus passende Wahl ist. Und der Masetto von Ipca Ramanovic hat trotz seines vitalen Baritons auf dem Weg zum Möchtegern-Giovanni noch eine ansehnliche Strecke vor sich.

Ryusuke Numajiri steht bei der Wiederaufnahme am Pult und hält das Orchester der Komischen Oper zu gut kalkulierten Akzenten (vor allem in den Blechbläsern) und straffen Tempi an. Die nehmen nicht alle Beteiligten immer gleichmäßig auf, so dass sich ein paar Ungenauigkeiten (z.B. 1. Akt, 3. Szene) einschleichen. Mancher Abschnitt könnte einen längeren Atem vertragen, manches gerät auch für die Sänger an den Rand des Machbaren. Schwerer wiegt, dass insbesondere der Tumult im ersten Finale, den Mozart in einer Art Überblendungstechnik der unterschiedlichen Metren hörbar macht, nicht hinreichend prägnant erkennbar wird, was wenigstens teilweise auch der ungünstigen Positionierung der Ensembles im Zuschauerraum zuzuschreiben ist.



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