31. Januar 2010
Komische Oper Berlin

Ich bin der Nagel, du der Sarg

Premiere von Donizettis Don Pasquale an der Komischen Oper

Programm

Gaetano Donizetti
Don Pasquale

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Maurizio Barbacini
Inszenierung: Jetske Mijnssen
Bühnenbild: Paul Zoller
Kostüme: Arien de Vries
Dramaturgie: Malte Krasting
Chöre: Robert Heimann
Licht: Franck Evin

Don Pasquale: Jens Larsen
Ernesto: Adrian Strooper
Doktor Malatesta: Günter Papendell
Norina: Christiane Karg
Ein Notar: Ingo Witzke

Chorsolisten, Komparserie und Orchester der Komischen Oper

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Ich bin der Nagel, du der Sarg

Premiere von Donizettis Don Pasquale an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Don Pasquale - Komische Oper Berlin
Ensemble, Kleindarsteller
Foto: Monika Ritterhaus

Den größten Lacher landet die Holländerin Jetske Mijnssen für den Einfall, in ihrem Don Pasquale eine Holländerin an die Rampe zu schicken. Denn wer beschließt die "Traumhochzeit" - Achtung: doppeltes Wortspiel - zwischen Don Pasquale und Norina? Keine andere als Moderationsimport Linda de Mol. Bewaffnet mit Puderquaste, Visitenkarte und Handtäschchen plumpst die frühere RTL-Heiratsterroristin in die Szene: Der Auftritt einer hoffnungslosen Romantikerin als Angriff der Drei-Meter-Frau, die natürlich ein Kerl ist. Doch Ingo Witzke scheint sich im Fummel nicht so richtig wohlzufühlen. Ob's nun an lampenfiebriger Premierennervosität liegt oder die Travestie generell nicht Witzkes Sache ist: Seine Notarin ist keine schillernde Illusion, keine Dragqueen sondern lediglich ein Bauer in einem Kleid. Nun ist die Idee der Transennummer bei Donizetti nicht wirklich neu, aber es wäre eine Chance gewesen. Vertan, wie leider so vieles an diesem Abend. Dabei bietet dieser zwei gelungene Ansätze.


Don Pasquale - Komische Oper Berlin
Jens Larsen (Don Pasquale), Chorsolisten
Foto: Monika Ritterhaus

Der erste: Ein alter Sack will's noch mal wissen und sucht spätes Glück bei junger Frau. Da hätten einige bittre Pillen verabreicht werden können. Mijnssen missachtet das schwarzhumorige Potenzial und entscheidet sich lieber für slapstickangereicherte Kukident-Comedy getreu dem Reim: "Erst läuft der Rollator heiß und etwas später dann der Greis." Nein, diese Zeile stammt jetzt nicht aus der Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze, aber sie würde gut dazu passen. Jens Larsen in der Titelrolle singt und spielt das alles mit bewundernswerter Tapferkeit, aber die gebellten Phrasen und sein grobkörniges Organ haben mit Belcantokunst nicht die Bohne zu tun. Ansatz Nummer Zwei, der Eingriff in die Figurenkonstellation, wird von der Inszenatorin deutlich konsequenter verfolgt. Bekannt ist: Die Heirat zwischen Don Pasquale und Norina (die dem vermeintlichen Bräutigam als Sofronia vorgestellt wird) ist ein von Malatesta eingefädelter Schwindel. Doch nun soll auch Pasquales Neffe Ernesto gefoppt werden, denn Norina und Malatesta sind diesmal ein Gaunerpärchen, welches ohnehin nur auf Kohle aus ist. Im Detail aber ist der Plot mit so heißer Nadel genäht, dass die Charaktere widersprüchlich, ja bald psychologisch unsinnig, agieren. Da liegen manchmal nur Minuten zwischen unbeschwertem Blättern im Tittenheft und angedrohtem Selbstmord (Ernesto), wird das Beziehungsgeflecht inmitten Geld, Sex und echter Liebe so undurchsichtig, dass man als Zuschauer früher oder später aufhört, die Motive der handelnden Personen zu hinterfragen. Im Schlussbild besteigt Don Pasquale dann endlich sein Totenbett. Ihm ist es egal geworden, wer seinen Nachlass erbt und was aus den Streithähnen wird. Und das ist dann doch irgendwie nachvollziehbar.


Don Pasquale - Komische Oper Berlin
Ensemble
Foto: Monika Ritterhaus

Zum Handwerklichen. Paul Zollers blau getünchter Bestattungsraum wirkt bemüht bis trivial, die Kostüme von Arien de Vries können getrost als pottenhässlich bezeichnet werden. Einzig die Hochhackigen von Norina und die riesige Diskokugel zu Beginn des 3. Aktes verzücken das Auge. Etwas abgegriffen dagegen: der Theater-Revolver. Doch dieses Requisit scheint für die Regie genauso unentbehrlich zu sein wie das Stilmittel der Bühnenrammelei, welche diesmal unter dem wackligen Sarg stattfindet. Apropos wacklig: Unter Maurizio Barbacini spielt das Orchester der Komischen Oper so unkonzentriert wie lange nicht mehr. Gefährlich die Ouvertüre, die für einen kurzen Moment auseinanderzufallen droht, bedenklich die Ensembles, wo manch ein Solist sich selbst überlassen bleibt. Letzteres sind Abstimmungsdefizite, die behebbar sind, aber dieser Donizetti könnte auch entschieden mehr Esprit vertragen. Adrian Strooper ist ein vokal verkrampfter Ernesto (hier liegt das Problem in der deutschen Übersetzung: Vom Parlando sind nicht einmal Bruchteile zu verstehen), Günter Papendell fühlt sich als schmieriger Malatesta sichtlich wohl, muss allerdings noch sein kräftiges Vibrato in Griff bekommen. Aber es gibt einen Grund, eine Eintrittskarte zu lösen. Und der heißt Christiane Karg. Ihre Norina ist reizend keck und erinnert vom Timbre her an Lucia Popp. Wenn Karg in ihrer Auftrittsarie eine formidable Koloraturkaskade nach der anderen abfeuert, dann kann man wahrlich von Schöngesang sprechen.



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