26. März 2010
Deutsche Oper Berlin

(Aus)Grabung zur Oberfläche

Oberst Chabert als konzertante Premiere an der DOB

Programm

Hermann Wolfgang von Waltershausen
Oberst Chabert

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Jacques Lacombe
Szenische Einrichtung: Bernd Damovsky
Spielleitung: Søren Schuhmacher
Dramaturgie: Andreas K. W. Meyer

Graf Chabert: Bo Skovhus
Graf Ferraud: Raymond Very
Rosine: Manuela Uhl
Derville: Simon Pauly
Godeschal: Stephen Bronk
Boucard: Paul Kaufmann

Orchester der Deutschen Oper Berlin

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(Aus)Grabung zur Oberfläche

Oberst Chabert als konzertante Premiere an der DOB

Von Heiko Schon / Fotos: Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin


Oberst Chabert - Deutsche Oper Berlin
Bo Skovhus (Graf Chabert), Simon Pauly (Derwille)
Foto: Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Ist das noch Ironie des Schicksals? In Honoré de Balzacs Erzählung Comtesse à deux maris führt ein Oberst namens Chabert sein Regiment zum Sieg, aber er wird nach der Schlacht lebendig ins Massengrab geworfen. Man hält ihn für tot. Chabert gräbt sich zurück ins Leben, doch dort ist er nicht mehr willkommen: Der Reichtum gehört seiner Frau, welche inzwischen neu vermählt ist. Sein Name, die ganze Identität: weg. Mit ihm beerdigt, sozusagen. Der damals 29-jährige Komponist Hermann Wolfgang von Waltershausen stellte 1912 in Frankfurt/Main eine Musiktragödie namens Oberst Chabert der Opernwelt vor - und fuhr damit den größten Erfolg seiner Karriere ein. Dann kamen die Nazis und warfen Oberst Chabert erneut ins Grab. Zwar war von Waltershausen kein Jude (womit seine Musik nicht als "entartet" galt), aber dem Regime war der Ausgangspunkt der Handlung, der Sieg einer französischen Truppe, natürlich ein Dorn im Auge. Dass sich zu dieser Zeit eine deutschsprachige Oper im Ausland durchsetzen würde, war durch die politische Lage so gut wie ausgeschlossen. Das Werk geriet in Vergessenheit und heute gibt es kaum einen gängigen Opernführer, der überhaupt auf den Komponisten von Waltershausen aufmerksam macht.


Oberst Chabert - Deutsche Oper Berlin
Bo Skovhus (Graf Chabert), Manuela Uhl (Rosine)
Foto: Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Doch so wie der Advokat Derville dem Grafen Chabert Gehör und Glaube schenkt, ihm hilft, all das Verlorengegangene wieder zurückzuerlangen, so glaubt Kirsten Harms an von Waltershausen, verhilft ihm und seinem Vermächtnis zur Reputation. Bringen wir's auf den Punkt: Oberst Chabert hat unsere volle Aufmerksamkeit verdient. Erst recht, wenn man sich der Partitur so beherzt annimmt wie Jacques Lacombe. Mit straff gespannten Zügeln findet Lacombe genau die richtige Balance zwischen feinem Kammerspiel und groben Forte-Schnitzern, verbindet er spätromantische Inseln zur großartigen Charakterstudie, was den Hörer gehörig auf die Folter spannt. Das Orchester der Deutschen Oper scheint seit einiger Zeit die Lust aufs Musikmachen neu entdeckt zu haben, so auch an diesem Abend. Keine Gruppe gehört eigens hervorgehoben, der Klangkörper landet einen einheitlich geschlossenen Volltreffer. Und doch seien kurz die Holzbläser gelobt, die es auf so fesselnde Weise verstehen, ein Gefühl des Innehaltens in Töne zu verwandeln.

Einen weiteren Verbündeten findet Harms in dem Star-Bariton Bo Skovhus, der dem schnöden Klassik-Mammon immer wieder mit kassengiftigen CDs entgegentritt und ein bekennender Freund von Raritäten ist. Skovhus zeichnet ein sattfarbenes, beklemmendes Porträt des Chabert, singt "mit offner Wunde". Für Manuela Uhl stellt die Rosine gewiss eine Grenzpartie dar, denn die ein oder andere Höhe muss Uhl schon mit Gewalt aus der Kehle schleudern. Und dennoch gelingt es ihr, eine unglaublich vielschichtige Figur auf die Bühne zu zaubern. Raymond Very meistert den Wandel seines Ferrauds vom liebenden Gatte zum egoistischen Scheusal und auch Simon Pauly, Stephen Bronk und Paul Kaufmann stehen souverän ihren Mann.


Oberst Chabert - Deutsche Oper Berlin
Manuela Uhl (Rosine)
Foto: Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Fehlt eine Inszenierung? Nun, wenn man sich mit Projektionen, Collagen, einer klugen Personenführung und viel Beleuchtung zu helfen weiß, dann nicht. Oberst Chabert steht im Licht.

Deutschlandradio Kultur sendet einen Mitschnitt der Aufführungen vom 26. und 28. März am 17. April 2010 ab 19.05 Uhr.



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