6. Mai 2009
Komische Oper Berlin

Ein echter Kuhbrodt

Cordula Däuper inszeniert den Vetter aus Dingsda an der Komischen Oper

Programm

Eduard Künneke
Der Vetter aus Dingsda

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Patrick Lange
Inszenierung: Cordula Däuper
Bühnenbild: Markus Karner
Kostüme: Justina Klimczyk
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Licht: Franck Evin
Video: Anna Henckel-Donnersmarck

Julia de Weert: Julia Kamenik
Hannchen: Anna Borchers
Josef Kuhbrodt: Uwe Schönbeck
Wilhelmine, genannt Wimpel: Christiane Oertel
Egon von Wildenhagen: Peter Renz
Ein Fremder: Christoph Späth
Ein zweiter Fremder: Thomas Ebenstein
Hans: Berthold Kogut
Karla: Verena Unbehaun

Orchester der Komischen Oper Berlin

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Ein echter Kuhbrodt

Cordula Däuper inszeniert den Vetter aus Dingsda an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Wolfgang Silveri


Der Vetter aus Dingsda - Komische Oper Berlin
Christiane Oertel (Wilhelmine), Uwe Schönbeck (Josef Kuhbrodt), Peter Renz (Egon von Wildenhagen),
Anna Borchers (Hannchen), Verena Unbehaun (Karla)
Foto: Wolfgang Silveri

Es hat sich im Grunde gar nichts getan: Der Patientin Operette geht's unverändert mies. Halbtot hängt sie am Tropf und wartet, wartet, wartet. Auf einen Halbgott in weiß, auf das rettende Medikament, auf frisches Blut. Kaum ein großes Haus, das sich traut, den Musenstücken zu vertrauen, kein regieführendes Zugpferd (von Peter Konwitschny einmal abgesehen), dem die Heiterkeit nicht eine bierernste Herzensangelegenheit wäre. Die Alten nehmen ihre verstaubten Formeln noch einmal aus dem Schrank (worüber höchstens noch der vom Klamotten-Virus Befallene lachen kann) und die Neuen schnippeln so lange am Zwerchfell herum, bis das Ganze als hohles Frankenstein-Drama wieder zusammen genäht werden kann. Und doch zeigte sich im letzten Oktober ein kleiner, feiner Hoffnungsstreifen am Horizont und zwar ausgerechnet dort, wo man es wohl am wenigsten vermutet hätte: im Berliner Hebbel-Theater. Cordula Däuper nahm sich Wiener Blut zur Brust und überraschte mit rasenden Dialogpassagen und punktgenaue Szenenwechsel - eine irrwitzige, durchgeknallte Produktion, die dennoch dem Operetten-Genre die Treue hielt und der Tradition auf liebevolle Weise zuzuwinken schien. Ihren Vertrag für eine weitere Operetten-Regie hatte die 32-Jährige da bereits in der Tasche: Eduard Künnekes Der Vetter aus Dingsda an der Komischen Oper Berlin...


Der Vetter aus Dingsda - Komische Oper Berlin
Verena Unbehaun (Karla), Christoph Späth (ein Fremder), Berthold Kogut (Hans), Julia Kamenik (Julia de Weert)
Foto: Wolfgang Silveri

Keine Ouvertüre (sondern nur eine zuckersüß-kurze Einleitungsmelodie, die am ersten Titel klebt), ganze drei Minuten, die während "Noch ein Gläschen Bordeaux? - Onkel und Tante, ja das sind Verwandte" vorüberziehen, und bereits danach ist klar: Dieser Abend kann überhaupt nicht in die Hose gehen. Allein schon Patrick Lange - der federnd am Pult wippt und feixend die Takte schnippst - rechtfertigt den Besuch, denn unter seiner Leitung musiziert das Orchester der Komischen Oper so schmissig und spritzig, dass auch aus jeder kalorienreich komponierten Schnulzennummer ein süchtig machender Ohrwurm entsteht. Zweiter Glücksfall: die Besetzung. Während Uwe Schönbeck dem Josse Kuhbrodt sogar ein klein bisschen Würde verleiht (und als Bassbuffo-Dickerchen dennoch zum Schlapplachen ist), serviert Christiane Oertel die Wimpel in einer selbstironischen Mixtur aus Mutter Beimer und (der sich frei tanzenden) Evelyn Hamann.

Mal kurz zwischendurch bemerkt: Für manche Requisiten müsste es eine Aufführungssperre geben! Der Rollstuhl - ein szenisches Hilfsmittel, welches noch immer übermäßig stark zum Einsatz kommt - müsste zweifelsohne auf dieser Verbotsliste stehen. Diesmal hat sich (natürlich vollkommen frei von dramaturgischer Relevanz) der Darsteller des Egon von Wildenhagen damit abzumühen. Doch Peter Renz - eben ein Profi von Spieltenor - kommt in jeder Hinsicht problemlos über die Runden. Christoph Späth kann gesanglich noch eins draufsetzen: Ihm liegt die Partie des falschen Roderich derart vortrefflich in der Kehle, dass er hier eine wahre Glanzleistung vollführt. Es klingt wohl bald nach Lobhudelei, aber auch Julia Kamenik (Julia de Weert), Thomas Ebenstein (der echte Roderich), ja sogar Opernstudio-Küken Anna Borchers (als Hannchen) singen und spielen mit viel Hingabe und liefern überzeugende Charaktere ab.


Der Vetter aus Dingsda - Komische Oper Berlin
Anna Borchers (Hannchen), Julia Kamenik (Julia de Weert), Uwe Schönbeck (Josef Kuhbrodt),
Christiane Oertel (Wilhelmine), Berthold Kogut (Hans), Verena Unbehaun (Karla)
Foto: Wolfgang Silveri

Cordula Däuper zaubert für ihre Vetter-Version kitschig-schönes Bollywood aus dem Hut und macht im Großen und Ganzen alles richtig. Gut, die eingeschobenen Video-Clips lenken dann doch ein wenig vom Bühnengeschehen ab, aber das ist auch das einzige Manko. Die reizenden Hausangestellten Hans und Karla (hießen früher mal Hans und Karl) sind für einige Lacher gut, Julia darf ihre Volljährigkeit als farbenfrohe Hindu-Party feiern, der Foxtrott "Sieben Jahre lebt' ich in Batavia" wird vom Ensemble auf indisch vertanzt - und plötzlich klingt selbst Künneke nach Multikulti. Ungeachtet der liebevollen Ausstattung: Däuper zeigt Respekt vor dem Genre - und haucht dem alten Tantchen wieder neues Leben ein.



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