4. Januar 2009
Neuköllner Oper

Nebeneinander

Eine Türkenoper an der Neuköllner Oper

Program

Türkisch für Liebhaber
Mozart-Singspiel von Sinem Altan (Musik) und Dilek Güngör (Text) unter Verwendung der originalen Partitur des Singspiels
Der wohltätige Derwisch (1791) von Emanuel Schikaneder

Artists

Neuköllner Oper
Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg
Inszenierung: Søren Schuhmacher
Ausstattung: Norbert Bellen
Dramaturgie: Bernhard Glocksin

Kati: Nina Arens
Mahmut: Daniel Bonilla-Torres
Ercan: Kerem Can
Hasan: Vedat Erincin
Saliha: Tersia Potgieter
Sinem: Nina Reithmeier
Sängerin: Begüm Tüzemen
Mine: Aline Vogt

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Nebeneinander

Eine Türkenoper an der Neuköllner Oper

von Melanie Fritsch / Fotos: Matthias Heyde


Türkisch für Liebhaber - Neuköllner Oper
Aline Vogt (Mine), Nina Reithmeier (Sinem), Kerem Can (Ercan), Nina Arens (Kati)
Foto: Matthias Heyde

Neugierig betritt der Zuschauer an diesem Abend die fast komplett ausverkaufte Neuköllner Oper in der Karl-Marx-Straße, lockt doch nichts weniger als die Verheißung, Zeuge bei der Etablierung eines neuen Genres im Bereich des Musiktheaters zu werden: dem zeitgenössischen Singspiel aus dem Geist der Türkenoper des 18. Jahrhunderts. Türkisch für Liebhaber nimmt als Ausgangsmaterial das kaum bekannte Singspiel Der wohltätige Derwisch aus der Feder des umso bekannteren Emanuel Schikaneder, welches aufgrund seiner verworrenen Handlung kaum einen Platz in heutigen Spielplänen einnimmt und einnehmen wird. "Was tun?" liest man im Programmheft. "Wir finden: Warum das Werk nicht denen (zurück-)geben, über die es handelt? Eine éTürkenoper' wird nun also von türkischen Autoren neu erzählt - mit einer heutigen Geschichte, einer heutigen Musik und den schönsten Stellen, die die Partitur aus dem Mozart-Schikaneder-Kreis zu bieten hat." Das klingt gut. Mit noch größerer Neugier nimmt man also Platz und harrt der Dinge, die da kommen.

Was kommt, ist eine Geschichte in bester humoriger Vorabendserienmanier: Der umwerfend gut aussehende Ercan kommt für ein Praktikum in einem Architekturbüro nach Berlin und wird bei seinem Onkel Mahmut und seiner Tante Saliha einquartiert. Wohlmeinend haben sie ihm Deutschunterricht bei der nicht minder gut aussehenden Mine aufgebrummt, die den Verwandten aus der Türkei sofort mit dem Stereotyp rückständiger türkischer Machomänner assoziiert. Umgekehrt stuft er die nicht einmal Türkisch sprechende Deutsch-Türkin als Entwurzelte ein, die vom Türkischsein gar keine Ahnung haben könne. Das kann ja nur schief gehen, erstmal jedenfalls. Umso mehr interessiert sich Mines nicht minder gut aussehende Freundin Sinem für den Neuzugang und auch die nicht minder gut aussehende - aber natürlich blonde - deutsche Kollegin Kati aus dem Architekturbüro findet ihren Gefallen an ihm. Als herauskommt, dass - große Überraschung - Onkel Mahmut den Neffen mit Mine, also einer türkischstämmigen Frau mit deutschem Pass, verkuppeln will, kommt es zum Streit und Ercan zieht zu Kati. Mine und Sinem trifft er jedoch weiter in einem Club, es kommt zu zwei One-Night-Stands und einer vermuteten Schwangerschaft, doch am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf, das richtige Liebespaar findet sich und alle sind irgendwie zufrieden.


Türkisch für Liebhaber - Neuköllner Oper
Vedat Erincin (Hasan), Kerem Can (Ercan)
Foto: Matthias Heyde

Für sich genommen funktioniert die Geschichte der Autorin und Kolumnistin Dilek Güngör, es wird deutlich, worauf abgezielt wird und was eigentlich erzählt werden soll: Fragen nach Selbstbestimmung, Vorurteilen und Stereotypen, Identität, kultureller Ver- und Entwurzelung warten hinter der oberflächlich luftig-seichten Story nur darauf, vom Zuschauer wahrgenommen oder ignoriert, zu ihrem Recht zu kommen. Beide Verhaltensweisen würden dem Betrachter auch etwas über ihn selbst erzählen.

Dennoch kommt dies nicht über den Bühnenrand hinaus und all der gute Wille verschmachtet auf dem grünen Kunstrasen, der den vorderen unteren Teil der dreistufigen Bühne bedeckt. Die Crux liegt darin, dass Text und Inszenierung genau so wenig miteinander können wie Ercan und Mine zu Beginn. Dabei ist das größte Problem der Inszenierung, dass sie sich nicht entscheiden kann, ob sie sich selbst, den Text und die Figuren ernst nehmen will oder nicht, ob sie ironisieren will oder nicht und an welchen Stellen sie was tun will - oder nicht. Statt den Zuschauer schlingern zu lassen, schlingert die Inszenierung selbst. Oft macht der Abend dennoch tatsächlich Spaß und nimmt an Fahrt auf, bremst sich jedoch immer wieder durch vorgenannte Unentschlossenheit aus, so dass es schlicht unmöglich wird, eine der Figuren mit ihren trotz aller überzogenen Komik ernsten Fragen und Schwierigkeiten auch entsprechend ernst zu nehmen. Zudem setzt sie nichts gegen die gelegentlich aufblitzenden, gesetzten Platitüden im Text, die geradezu nach einem Kontrapunkt verlangen, auf diese Weise aber nur noch für ein unangenehm berührtes Lachen sorgen. Symptomatisch für dieses Grundproblem sind die mit Fragezeichen versehenen Stereotypen-Schildchen, die der Regisseur den Figuren am Ende des Abends in die Hand drückt, und die mehr wie ein "tja, ich weiß auch nicht so recht" wirken, als tatsächlich etwas zu erzählen oder zu hinterfragen. So fällt der Abend leider auseinander und ist auch durch einzelne witzige Einfälle nicht mehr zusammenzuhalten.


Türkisch für Liebhaber - Neuköllner Oper
Nina Reithmeier (Sinem), Aline Vogt (Mine)
Foto: Matthias Heyde

Aus einem Guss erscheint lediglich die Musik der jungen Komponistin Sinem Altan, die sowohl das Mozarthafte als auch Elemente volkstümlicher türkischer Musik aufgegriffen und mit eigenen Kompositionen, die sich nahtlos einfügen, kombiniert hat. Dem kleinen Orchester zuzuhören, das am Rande der Bühne sitzt, ist das durchgängige Vergnügen des Abends, so dass man beginnt, sich von Musiknummer zu Musiknummer zu hangeln. Ein Ohrenschmaus sind insbesondere die Parts, welche Begüm Tüzemen mit kraftvoller Stimme präsentiert, die übrigen Sängerinnen und Sänger stehen ihr darin - wenn sie denn mal singen dürfen, da die gesprochenen Passagen weit überwiegen - wenig nach. Einzig Kerem Can und Verdat Erincin hatten an diesem Abend mit dem klassischen Gesang der mozarthaften Singspielpassagen ihr Tun. Darstellerisch überzeugen sie hingegen allesamt durch eine große Energie und Spielfreude und spielen nach Kräften gegen die Lücke zwischen Text und Inszenierung an, was zwar nicht zu deren Schließung führt, aber wenigstens ein bisschen darüber hinwegzutrösten vermag.

Am Ende kommt beim Zuschauer, bei allem Wohlwollen, das man dem Experiment entgegenzubringen geneigt ist, leider weniger an, als das ambitionierte Programmheft an Erwartungen geweckt hat, so dass man sich fast selbst mit einem Schildchen um den Hals aus den Räumlichkeiten der Neuköllner Oper wieder in die Kälte des Januarabends entlassen möchte: zeitgenössisches Singspiel aus dem Geist der Türkenoper des 18. Jahrhunderts?



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