30. November 2009
Konzerthaus Berlin

Kaleidoskop der Gefühle

Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle

Programm

Anton Webern
Sechs Stücke für Orchester op.6 (Fassung von 1928)

Richard Strauss
Vier letzte Lieder

Antonin Dvořák
Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70

Mitwirkende

Staatskapelle Berlin
Zubin Mehta - Dirigent
Anja Harteros - Sopran

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Kaleidoskop der Gefühle

Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle

Von Hans Beckers / Fotos: Wilfried Hösl (Mehta), Marco Borggrefe (Harteros)


Zubin Mehta - Dirigent
Foto: Wilfried Hösl

Vom Hörerlebnis her ist kaum ein größerer Kontrast denkbar, als der zwischen den beiden Werken, die die Staatskapelle Berlin in ihrem Abonnementskonzert vor der Pause präsentierte: Den Orchesterstücken op. 6 von Anton Webern und dem Zyklus der Vier letzten Lieder von Richard Strauss. Und doch gibt es eine Gemeinsamkeit. Beide reflektieren auf ihre Weise den Tod. Weberns Opus prägte der Tod der Mutter im Jahr 1906, Richard Strauss komponierte 1948 seinen eigenen Abschied von der Welt: Seelenruhe, Stille, Zärtlichkeit und Todesbereitschaft.

Bei Webern richtet sich die Aufmerksamkeit primär auf das vierte Stück, einen Trauermarsch, der mit gut drei Minuten die bei weitem längste Spieldauer aller sechs Stücke aufweist. Er zeigt die Schrecken des Krieges aus der Perspektive der Opfer. Nichts daran ist repräsentativ auskomponiert oder soldatisch gefasst. Es gibt nur ferne Klänge, fetzenhafte Aufschreie, brachiales Schlagwerk, am Ende grell-dissonantes Blech. Zubin Mehta, der die revidierte Fassung mit reduziertem Orchester dirigierte, die Webern erstellte, um Klangmittel und Effizienz zum Ausgleich zu bringen, brachte diesen Marsch in seinen dynamischen Extremen zu bedrückender Wirkung. Der schattenhafte Beginn und die Verdichtung am Ende gelangen beispielhaft. Zuvor schon hatte Mehta in den ersten beiden Stücken, die Weberns Unheilserwartung beschreiben, mit viel Klangsinn überrascht. Weil ihm offenbar weniger an der analytischen Durchdringung als vielmehr an der Verschränkung der winzigen Motivteile und ihrer Integration in einen logischen musikalischen Verlauf trotz ständig wechselnder Orchestrierung gelegen war, ließen die Sätze beinahe an echohaft verfremdeten, gebrochenen Impressionismus denken. Das Orchester prunkte mit entsprechendem Farbenreichtum - keine schlechten Vorzeichen für die Vier letzten Lieder von Richard Strauss.


Anja Harteros - Sopran
Foto: Marco Borggrefe

Hohe Erwartungen auch an Anja Harteros, eine ungemein vielseitige Sängerin. In München sang sie in einem Festspielmonat sowohl die Titelpartien in Traviata und Arabella als auch Eva (Meistersinger). Im Jahr zuvor hatte sie ebenso stilsicher Händels Alcina gegeben. Zuletzt war ihre Elsa das eigentliche Ereignis in einem szenisch leider verkorksten Lohengrin. Für Strauss bringt sie die Fähigkeit zu großen Legato-Bögen mit, die auf einer souveränen Atembeherrschung beruht. Auch exponierte Lagen bleiben stets in die musikalische Linie eingebunden. So führte im Frühling der Weg bruchlos aus den dämmrigen Grüften in das gleißende Licht, so konnte Beim Schlafengehen die Seele wirklich in freien Flügen schweben. Das Timbre zeigte sich durch alle Register ausgeglichen, die Ruhe des schwebenden Klanges war berückend. Dabei wirkte keine Phrase sentimental, vielmehr durchzog alle Lieder ein Ton nobler Wehmut. Gäbe es noch etwas zu wünschen, dann eine noch intensivere Ausleuchtung des Textes in Bezug auf die Klangwirkung von hellen und dunklen Vokalen.

Für das Gelingen unabdingbar aber muss sich auch im Orchester diese Stimmung spiegeln. Zubin Mehta bereitete der Singstimme einen opulent-weichen, fein gewebten Orchesterklangteppich. Die Partitur enthält kaum Fortestellen, alle Crescendi sinken durchweg nach wenigen Takten ins piano oder gar pianissimo zurück. Die Staatskapelle beachtete diese Nuancen feinfühlig, ohne die Grenze zur Selbstaufgabe zu überschreiten. Lediglich beim abschließenden Lied Im Abendrot, wo Strauss das Verdämmern und Erlöschen der Musik und des Lebens mit Vorgaben wie "calando" (d.h. an Tonstärke und Tempo gleichzeitig abnehmend), "immer langsamer" und "sehr langsam" verdeutlicht, stellte Mehta kein ausreichendes Tempogefälle her. Da fiel es dann auch einer vorzüglichen Gestalterin wie Anja Harteros nicht leicht, Gebrochenheit und Todesahnung berührend erfahrbar zu machen.

Mit einer vehementen Interpretation von Dvoraks 7. Sinfonie rückten dann die Qualitäten der Staatskapelle nach der Pause noch einmal in das vorteilhafteste Licht. Zubin Mehta gelang es mittels einer subtil ausgehörten Klangbalance der Orchestergruppen, den düster-leidenschaftlichen Ton dieses Folklore-fernen, dafür Brahms-nahen Werks in all seinen Schattierungen zu treffen. Weil Dvorak auch in dramatischen Ausdruckssteigerungen das Blech streckenweise nur als Füllstimme verwendet, wirkt ein gedeckter, sich grellen Effekten versagender Blechbläserklang, der üppig-saftigen Streichern beigemischt wird, wahre Ausdruckswunder. Dem düster trotzigen Scherzo und dem schroffen, wuchtigen Finale bekam diese Lesart vorzüglich, wie überhaupt das Pathos Dvoraks auf aufregende Weise gebändigt erschien. Großer Beifall im nahezu voll besetzten Konzerthaus.



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