8. März 2009
Komische Oper Berlin

Lustig sein und singen!

Andrej Hoteev bändigt seine fliegenden Notenblätter für Anja Silja

Programm

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Kein Wort, o mein Liebster op. 6 Nr. 2
Warte nur op. 16 Nr. 2
Wieder, wie immer, allein op. 73 Nr. 6
So schnell vergessen (1870) ohne op.
Sag' mir, wovon in der Schatten der Bäume op. 57 Nr. 1

Modest Petrowitsch Mussorgski
Bilder einer Ausstellung (Handschriftversion, 22.06.1874, St.Petersburg)

Alexander Nikolajewitsch Scriabin
Klaviersonate Nr. 9, op. 68 ("la messe noire")

Sergej Rachmaninow
Die Nacht ist traurig op. 26 Nr.12
Der Traum op. 8 Nr. 5
Ich warte auf Dich op. 14 Nr. 1
Singe mir nicht, du Schöne op. 4 Nr.4
Im Schweigen der heimlichen Nacht op. 4 Nr. 3
Der Flieder op. 21 Nr. 5
Einsamkeit (Fragment von Alfred de Musset), op. 21 Nr. 6

Mitwirkende

Anja Silja - Sopran
Andrej Hoteev - Klavier

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Lustig sein und singen!

Andrej Hoteev bändigt seine fliegenden Notenblätter für Anja Silja

Von Andre Sokolowski

Anja Silja singt, seitdem sie zehn ist. Als sie 20 war, holte sie Wieland Wagner nach Bayreuth. Sie hat eine beispiellose Karriere hinter sich und ist noch längst nicht fertig. 2002 feierte sie Triumphe als Jenufa-Küsterin; da kehrte sie an die Deutsche Oper Berlin, wo sie auch früher hin und wieder Spitzenrollen sang, zurück. Es folgten - wieder in Berlin - ihre Auftritte als Frau in der Erwartung und Emilia Marty in der Sache Makropulos (erneut an der Deutschen Oper). Dann debütierte sie - erstaunlich spät - 2006 an der Lindenoper. Hier gelang ihr, neben der erneuten Frau-Darbietung in Erwartung (unter Daniel Barenboim), ein schauspielerisches Glanzstück: An der Seite Robert Wilsons spielte sie, eine halbe Stunde lang, den gestischen Prolog Deafman Glance. Er gestaltete sich, von der Optik her, als eine Art von Elternspiel: Vater und Mutter (Wilson/Silja) beseitigen mit einem Riesenmesser ihre beiden Kinder. Nach dem Grunde, dieser Ursache jenes so allzeit wahren grauenhaften menschlichen Gehirn-Debakelchens zu fragen, hat und hatte sich total erübrigt; denn die Tat war wohl "vorherbestimmt" und schlichter Weise ausgeführt, nicht mehr, nicht weniger...

Jetzt hat sie an der Komischen Oper als Pique Dame sehr deutlich Fuß gefasst; die Rolle spielt und singt sie gern, das spürt man porentief. Als Draufgabe, und sicher auch in allergrößter Lust, gönnte sie jetzt dem kleinen Hause einen bunten Abend unterm weltfraulichen Titel Russian Romance; da singt und sang sie (an der Seite des sie hinreißend begleitend und auch mit zwei Soloauftritten nicht ungalant sekundiert habenden Andrej Hoteev; und er kämpfte wie ein Ilja Murumez gegen die sich mit einem Male selbständig gemacht habenden Notenblätter, die ein mysteriöser Höhenwind so urplötzlich vom Steinway blasen wollte) Lieder von Tschaikowski und Rachmaninow.

Ja, ihre Stimme ist für diese Art zu Singen absolut und ideal; sie lehnt und legt sich in die große Kantilene. Ihre Bögen, die sehr weitschweifig und ausladend geraten, zielen stets auf eine ausufernde Höhe, und die Spitzentöne packt sie ja fantastisch... also wenn sie richtig aus und hoch singt, hat man schon die leise Hörerfurcht, dass es das Dach des Hauses abzutragen droht, so spitz, so scharf, so kantig ist sie da (also "ganz oben"); aber auch die Mitte, und wovor ja nicht nur sie, sondern der Hörer ebenso, nicht wenig Furcht hat, sind geradezu gemütliche Momente und Bewegungen; Melancholien - wie bei Russens, wenn sie "so Gefühle" zeigen, üblich - sänge/singt man halt dann so und niemals anders.

Sie ist unsere Marlene Dietrich für den klassischen Gesang!



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