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20. September 2009 Komische Oper Berlin Koskys kleiner HorrorladenPremiere von Verdis Rigoletto an der Komischen Oper |
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ProgrammGiuseppe VerdiRigoletto |
MitwirkendeKomische Oper BerlinMusikalische Leitung: Patrick Lange Inszenierung: Barrie Kosky Bühnenbild und Kostüme: Alice Babidge Dramaturgie: Ingo Gerlach Chöre: Robert Heimann Licht: Franck Evin Der Herzog von Mantua: Hector Sandoval Rigoletto: Bruno Caproni Gilda: Julia Novikova Sparafucile / Monterone: Dimitry Ivashchenko Graf von Ceprano / Gerichtsdiener: Ingo Witzke Die Gräfin von Ceprano / Maddalena / Giovanna / Page: Christiane Oertel Marullo: Mirko Janiska Borsa: Christoph Späth Chorsolisten, Komparserie und Orchester der Komischen Oper |
Koskys kleiner HorrorladenPremiere von Verdis Rigoletto an der Komischen OperVon Heiko Schon / Fotos: Iko Freese/drama-berlin.de
![]() Rigoletto - Komische Oper Berlin Bruno Caproni (Rigoletto), Christiane Oertel (Maddalena), Sparafucile / Dimitry Ivashchenko (Monterone) Foto: Iko Freese Manege schrei, äh, frei! Mit einem markerschütternden Dauerquieker (Monterones Tochter?) begrüsst Operndompteur Barrie Kosky seine Gäste zum Gruseltrip der Sonderklasse, zu seinem Rigoletto. Längst vergangen sind die Zeiten, als ein Narr noch ein Narr war, der brav Schellenkappe und Buckel trug und sich humpelnd durch sein Dasein als Buffone schleppte. Heute ist Rigoletto ein altes Zirkuspferd, das emsig seine Runden drehen und uns den Transvestiten machen muss, ist er die Inkarnation einer bunt glitzernden und doch so grausamen Unterhaltungswelt, ist er - wenn man so will - das fleischgewordene Grand Chapiteau. Daher trägt Rigoletto nun einen monströsen Reifrock, unter dem sie alle Platz haben, hervor purzeln und wieder begraben werden. Hübsch dieses Kostüm - und durchaus als bonjour in Richtung Victor Hugo und Französische Revolution zu verstehen. Aber im Kern geht es ums Bühnen-Leben: Sie, die Bühne, gebiert die Rolle - und verschluckt sie wieder. Kisten knallen auf und jedes Mal springt ein neues Kasperl raus...
![]() Rigoletto - Komische Oper Berlin Julia Novikova (Gilda), Herren-Chorsolisten der KOB Foto: Iko Freese Ach, hätte doch Koskys Personenführung nur annähernd die Doppelbödigkeit der Ausstattung von Alice Babidge, was hätte das für ein Abend werden können! Aber es bleibt das große Krabbeln. Oder die pure Langeweile. Hektische Clowns, ein bisschen Hokuspokus, Gerenne und Geschubse auf der einen Seite sowie Schritt hin, Arm hoch, Schritt her auf der anderen. Und dort, wo Kosky gut ist, ist er noch nicht mal originell. Angesichts einer im Verdi-Takt rhythmisch zappelnden Maddalena und des ironisch hoppelnden Männerchores dürfte Hans Neuenfels, der im Publikum saß, die rechte Augenbraue hoch gerutscht sein (vgl. Rigoletto / Deutsche Oper Berlin). Doch selbst vor dem Kopieren schlechter Einfälle schreckt Kosky nicht zurück und schickt ein Dutzend Affen an die Rampe, was schon Doris Dörrie in München zeigte und ihre Inszenierung ad absurdum führte (vgl. Rigoletto / Bayerische Staatsoper). Mögen kleinere Details wie Gildas Auftritt aus dem Kasten, das Kunststück der "Zersägten Jungfrau" oder die eingesprenkelte Zirkusmusik auch erhellen: Diese Produktion schleppt sich mühsam über die Runden. Wozu der Horror, dieses alptraumhafte Abrakadabra? Nicht für fünf Pfennig Spannung wird daraus gezogen. Auch die Zusammenlegung der Mezzo- sowie einiger Bariton- und Basspartien bleibt inszenatorisch völlig ohne Nutzen. Auf der Zielgeraden greift Barrie Kosky dann gar zur Verzweiflungstat und setzt auf Elemente des Splatter-Genres.
![]() Rigoletto - Komische Oper Berlin Bruno Caproni (Rigoletto), Ensemble Foto: Iko Freese Gleichwohl enttäuschend: Das Dreigestirn der Gastsänger. Am ehesten kann die Russin Julia Novikova den Ansprüchen ihrer Rolle gerecht werden. Sie besitzt den lieblichen Reiz und ein weich glimmendes Timbre für die Gilda. Auch die Koloraturen perlen solide aufgereiht. Aber für große Bögen und geschmeidige Registerübergänge ist die Stimme (noch) zu klein. Bruno Caproni gelingen im ersten Drittel stimmlich und darstellerisch mitreißende Momente. Doch spätestens beim ersten Vater-Tochter-Duett weiß Caproni nicht mehr so recht wohin mit seinem Rigoletto, lässt auch die Kondition hörbar nach. Immer wieder schleicht sich ein vibrierendes Zittern in die obere Lage, klingt sein Vortrag angestrengt. Zumindest versteht man bei Caproni den deutschen Text - im Gegensatz zu Hector Sandoval. Von der Undeutlichkeit seines Herzogs mal abgesehen, singt Sandoval reichlich matt auf der Brust und kommt spielerisch den ganzen Abend über mit nur einem einzigen Gesichtsausdruck aus. Wie vollmundig trumpfen dagegen Dimitry Ivashchenko und erst recht Christiane Oertel auf. Letztere liefert in vier Rollen (u. a. als erotische Zirkustänzerin Maddalena) wahre Kabinettstücke ab, stürzt sich heißhungrig und stimmgewaltig in ihre Charaktere und ist damit heimlicher Star dieser Aufführung. Patrick Lange am Pult des Orchesters der Komischen Oper bringt genau das zu Stande, was Barrie Kosky nicht gelang: ein packender Zugriff. Messerscharfe Streicher, schneidende Blechbläser und kräftige Trommelwirbel versetzen den Hörer in einen kälteschockähnlichen Zustand. Mit diesem Kapellmeister hat die Komische Oper das große Los gezogen. |