25. Januar 2009
Komische Oper Berlin

Die Oper zur Weltwirtschaftskrise?

Thilo Rheinhars inszeniert Pique Dame an der Komischen Oper

Programm

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Pique Dame



Lesen Sie zu dieser Aufführung auch unsere Kritik von Heiko Schon

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Alexander Vedernikov
Inszenierung: Thilo Reinhardt
Bühne: Paul Zoller
Kostüme: Katharina Gault
Dramaturgie: Ingo Gerlach, Werner Hintze
Chöre: Robert Heimann
Licht: Franck Evin

Hermann: Kor-Jan Dusseljee
Graf Tomski: Philip Horst
Fürst Jeletski: Mirko Janiska
Tschekalinski: Thomas Ebenstein
Surin: Jan Martinik
Tschaplitzki: Christoph Schröter
Narumow: Hans-Peter Scheidegger
Gräfin: Anja Silja
Lisa: Orla Boylan
Polina, Gouvernante: Karolina Gumos
Mascha: Anna Borchers
Plutus: Ingo Witzke
Chloë: Karolina Andersson
Daphnis: Olivia Vermeulen

Chorsolisten und Orchester der Komischen Oper Berlin

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Die Oper zur Weltwirtschaftskrise?

Thilo Rheinhars inszeniert Pique Dame an der Komischen Oper

Von Hans Beckers / Fotos: Monika Ritterhaus


Pique Dame - Komische Oper Berlin
Orla Boylan (Lisa), Karolina Gumos (Polina), Chorsolisten
Foto: Monika Ritterhaus

Vollmundiger kann man eine Premiere kaum ankündigen. Der Newsletter der Komischen Oper bewirbt Peter Tschaikowskys Pique Dame als ein Stück, das auf fast unheimliche Weise am Puls unserer Zeit sei, mit einem Protagonisten (Hermann), der seine Moral opfert, um Geld zu machen und dessen "Formel" dafür wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Lassen da aktuelle Finanzschurken wie Jérome Kerviel oder Bernard Maduff grüßen? Gelingt vielleicht die Studie einer Gesellschaft im Abbruch, so wie etwa David Alden in seiner Münchner Inszenierung auf eine heruntergekommene Klischee-Sowjetunion abhob, die trotz Perestroika noch in ihren alten Ritualen gefesselt ist?

Bildlich und im Wirtschaftsjargon gesprochen: Nach gut drei Stunden als Stillhalter verstärkte sich in mir der Verdacht, dass der Scheck, den der Regisseur Thilo Reinhardt und sein Team auf das emotionale Erlebnis Theaterabend ausgestellt haben, nicht gedeckt ist. Das liegt weniger daran, dass auch hier Glasnost-Russland als Schauplatz gewählt wurde. Paul Zoller hat dazu ein Einheitsbühnenbild geschaffen, eine Hotellobby mit dem leicht muffigen Charme von DDR-Schick, verströmt von grünen Sesseln und Stehlampen, die gedämpftes Licht verbreiten. An der Kopfseite befinden sich die Aufzugstüren. Man liest, spielt Karten, legt eine Patience. Sechs Bilder weiter ist der Raum im Chaos versunken, nur der Spieltisch für die finale Runde "Pharao" steht noch an seinem Platz. Der Verzicht auf Schauplätze mit Symbolkraft aber birgt eine lähmende Hypothek. Keine Sommergartenatmosphäre, in der die Bande zwischen Hermann und Lisa geknüpft werden, keine Pracht, die das Gewinnstreben Hermanns und seine Aufstiegsambitionen beflügelt, keine tödliche Tragödie in eiskalter Winternacht. Die besteht im Übrigen hier nicht im selbstmörderischen Sprung Lisas in die Newa, sondern in seelischer Zerstörung, weil sie am Ende im Spielcasino unter eine notgeile Männerclique gerät. Auch der Tod Hermanns ist nur ein Unglücksfall. Im Gerangel mit Lisa, die seine Selbsttötung verhindern will, löst sich versehentlich der tödliche Schuss aus der Pistole.


Pique Dame - Komische Oper Berlin
Orla Boylan (Lisa), Anja Silja (Gräfin), Mirko Janiska (Jeletski), Chorsolisten
Foto: Monika Ritterhaus

Man könnte nun einwenden, dies alles sei ohne Folgen, wenn die Dramaturgie stattdessen auf eine Art Kammerspiel Ibsenscher Prägung hinausläuft. Dazu aber bedürfen die handelnden Figuren einer Bühnenpräsenz wie sie leider nur Anja Siljas großartige Gräfin aufbringt. Sie zieht allein schon durch ihre Körpersprache alle Aufmerksamkeit auf sich. Ihre Reminiszenz an vergangene glorreiche Pariser Zeiten, die sie mit der Arie "Je crains de lui parler" aus Grètrys Oper Richard Coeur de Lion heraufbeschwört, erhebt sie in den Rang eines fahlen Totentanzes. Sie verkörpert ein Stück historisches Russland, von dem ansonsten nur noch die unter einer Glasvitrine ausgestellten Gebeine der Zarin künden, die man zum Ende des Maskenspiels herein trägt.

Ansonsten bevölkern lauter Neureiche die Szene. Lisas Freundinnen, alle offenbar eingekleidet vom selben Designer, sind entschlossen, ausgelassen Party zu machen, auf die nur kurz der Schatten der von Karolina Gumos klangschön und gefühlvoll vorgetragenen Romanze der Polina fällt. Auch das männliche Personal verharrt im üblichen Rollenspiel, gibt sich machohaft-kraftmeierisch. In diesem Umfeld ist der zu cholerischen Ausfällen fähige, meist aber verdruckste, mit Hornbrille und beigem Trenchcoat ausstaffierte Hermann ein veritabler Fremdkörper. Kor-Jan Dusseljee bleibt dies auch gesanglich, weil er seiner Partie fast durchgehend über ein zwar kraftvolles aber wenig flexibles, manchmal enges Dauer-Forte beikommen möchte. Um eine Beziehung zu der anfangs mondän im weißen Pelz auftretenden Lisa auch musikalisch zu beglaubigen, wäre eine stärkere Besinnung auf lyrische Zwischentöne, auf Farben und dynamische Nuancierungen überaus hilfreich. Olga Boylans Lisa verfügt immerhin über eine gut entwickelte Mittellage, die schöne lyrische Passagen zulässt. In der Höhe verliert die Stimme jedoch an Rundung, einhergehend mit einem sie verschärfenden Tremolo. Das begrenzt beiderseits die Ausdrucksmöglichkeiten und offenbart sich beispielhaft beim Duett im ersten Akt, das bezüglich Emotionalität - schmachtendes Drängen auf seiner, bebende Verunsicherung auf ihrer Seite - reichlich unterkühlt, um nicht zu sagen geschäftsmäßig daherkommt. Da hätte auch eine deutlichere Tempozuspitzung am Ende helfen können. Beide können indes nichts für die hölzern-spröde, poetisch kaum inspirierte, und deshalb dem musikalischen Ausdruck nicht sonderlich zuträgliche deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze.


Pique Dame - Komische Oper Berlin
Anja Silja (Gräfin), Karolina Andersson (Chloë), Ingo Witzke (Plutus), Olivia Vermeulen (Daphnis), Chorsolisten
Foto: Monika Ritterhaus

An darstellerischer Statur und sängerischem Profil könnten auch die solide besetzten Randfiguren noch zulegen. Mirko Janiska verkauft den Jeletzki unter Wert, weil er den Zwiespalt zwischen nobler Zurückhaltung und der unterschwelligen Intensität der Gefühle, die der Fürst für Lisa hegt und für die mehr stimmliche Wärme aufgebracht werden müsste, nicht hinreichend verdeutlicht. Philip Horst als Graf Tomski hilft niemand, über eine allzu klischeehafte Verkörperung seiner Figur hinauszukommen.

So gesehen bleibt der Versuch einer Psychologisierung der Handlung, wie sie insbesondere das erste Bild des dritten Aktes anstrebt, das Hermann geschminkt und im Paillettenkleid als Spiegelbild der geisterhaft erscheinenden Gräfin zeigt, im Oberflächlichen stecken.

Bliebe noch die musikalische Option zu ziehen. Im Bestreben Tschaikowskys Partitur zum Höchstpreis anzubieten, einen saft- und kraftvollen, leidenschaftlichen Ton anzuschlagen, schießt Alexander Vedernikov am Pult des Orchesters der Komischen Oper gelegentlich über das Ziel hinaus. Die dynamische Bandbreite ließe sich insbesondere zum Leisen, Zarten hin, noch erweitern, Bläser und Streicher könnten dazu angehalten werden, noch mehr aufeinander zu hören. Dass der Kurs der Komischen Oper an der Berliner Opernbörse dennoch nicht eingeknickt ist, beweist der herzliche, aber nicht stürmische Beifall des ausverkauften Hauses.



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