09. Oktober 2009
Komische Oper Berlin

Von schlanker Figur

Das 1. Sinfoniekonzert der Saison an der Komischen Oper

Programm

Richard Wagner
Ouvertüre zur Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg

Franz Liszt
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1

Hector Berlioz
Symphonie fantastique

Mitwirkende

Orchester der Komischen Oper Berlin
Carl St. Clair - Dirigent
Mihaela Uruleasa - Klavier

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Von schlanker Figur

Das 1. Sinfoniekonzert der Saison an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Foto: Marco Borggreve


Carl St. Clair - Generalmusikdirektor der Komische Oper Berlin
Foto: Marco Borggreve

Bevor Carl St. Clair als GMD der Komischen Oper so richtig durchstarten konnte, hatte er noch einen Job bei seinem früheren Arbeitgeber, dem Nationaltheater Weimar, zu erledigen. Es galt, das gewaltigste deutsche Opernwerk in voller Pracht zu entfalten: Richard Wagners Ring des Nibelungen. Dieser Zyklus stellt höchste Anforderungen an ein Theater, erst recht an ein mittelgroßes Dreispartenhaus. Dass der Texaner die Mammutaufgabe mit erstaunlichem Ergebnis bewältigte, dokumentiert der Mitschnitt, den Arthaus gerade frisch in die DVD-Läden gebracht hat. Man kann es also schon als "kleine Feuerprobe" bezeichnen, wenn St. Clair das 1. Sinfoniekonzert dieser Saison mit Wagner eröffnet, denn schließlich soll es binnen eines Jahres neue Meistersinger an der KOB geben (Regie: Andreas Homoki).

Und die Tannhäuser-Ouvertüre weist den Weg dorthin: Dieser Wagner klingt nicht so hemdsärmelig wie an der Deutschen Oper. Er kommt mit weit weniger Pathos aus, als ihn die barenboimsche Staatskapelle serviert. Und er schmeckt auch nicht so sehr nach Seife, wie zuletzt bei den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle (Aix-en-Provence). Nein, die Spätromantik strömt entschlackt und beweglich, wartet mit liebevoll entfalteten Finessen und schlanker Natürlichkeit auf. Wie schon bei Puccinis Bohème und Verdi Traviata setzt St. Clair auf viel filigrane Handarbeit. Damit kann er unter den hauptstädtischen Orchestern (s)eine Nische gefunden haben.

Von sportlicher Eleganz ist gleichfalls das anschließende Spiel von Mihaela Uruleasa. Sie würzt Liszt mit aufgewecktem Schwung und gepfeffertem Anschlag, dass selbst St. Clair aufpassen muss, nicht den Anschluss an die sympathische Rumänin zu verlieren. Doch neben dem Gespür für temperamentvolle Passagen besitzt Uruleasa auch zwei bezaubernd zarte Händchen für die Ruheinseln der Sätze - Chapeau! Hector Berlioz' Sinfonie fantastique hat nach wie vor Hochkonjunktur in den Konzertsälen. Erst letzte Woche setzte sich das RSO unter Marek Janowski mit dem Werk auseinander. Das Orchester der Komischen Oper spielt aber - von einem Offenbach mal abgesehen - kaum französisches Repertoire. Hier rieselt St. Clair anfangs die Dramatik durch die feinen Finger. So gerät etwa die Szene auf dem Land zur extrem lahmen Ente. Dafür gelingt der Gang zum Schafott zupackender und spätestens beim Traum einer Sabbatnacht fletscht St. Clair genießerisch die Zähne.



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