4. April 2009
Staatsoper Unter den Linden

Am seidenen Faden

Stefan Herheims tagesaktueller Lohengrin an der Staatsoper

Programm

Richard Wagner
Lohengrin

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Stefan Herheim
Bühnenbild: Heike Scheele
Kostüme: Gesine Völlm
Licht: Olaf Freese
Video: fettFilm (Möller / Hinrichs)
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach

Heinrich der Vogler: Kwangchul Youn
Lohengrin: Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant: Dorothea Röschmann
Friedrich von Telramund: Gerd Grochowski
Ortrud, seine Gemahlin: Michaela Schuster
Der Heerrufer des Königs: Arttu Kataja

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Am seidenen Faden

Stefan Herheims tagesaktueller Lohengrin an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Karl Foster


Lohengrin - Staatsoper Berlin
Staatsopernchor, Komparsen
Foto: Karl Foster

Hereinspaziert, hereinspaziert! Zig Opern werden hier gezeigt! In drei Häusern, die alle zusammen nur ein Dach brauchen. Rollt den roten Teppich aus! Lasst den braunen Bären los! Brabant, ach nee, Berlin - the place to be. Es wäre müßig, nun wieder beim Urschleim anzufangen und über eine geteilte, dann wiedervereinigte Stadt, über die hohe Zahl von Kultursenatoren, Intendanten, Direktoren, die hier den Bettel verärgert hingeschmissen haben, über Sinn und Zweck einer Stiftung, die keiner wirklich liebt, zu berichten. Die sogenannte Opernkrise geht herum - ein Gespenst, welches mit seinen Zahlen, Statistiken, Namen, Fragen Angst und Schrecken verbreitet. Jeder, der hierzu was zu sagen hat, tat dies auch, tut dies weiterhin, doch ein wirksames Mittel weiß scheinbar keiner. Da enden ganze Podiumsdiskussionen mit einem Ergebnis, welches keines ist. Genug des Blablas, hat sich nun Stefan Herheim gedacht, und lässt den Hülsen Taten folgen - auf seine Art: mit Marionetten.


Lohengrin - Staatsoper Berlin
Arttu Kataja (Der Heerrufer des Königs), Klaus Florian Vogt (Lohengrin)
Foto: Karl Foster

Es treten auf: eine unschuldsweiße Intendantin in Bedrängnis namens Elsa von Brabant, der zum König Heinrich aufgestiegene Regierende Bürgermeister, der Opernstiftungsdirektor Friedrich von Telramund und, als Vertreter des ewig meckerköpprigen Feuilleton, die - „ich hab's ja immer gesagt“ - heidnische Kräuterhexe Ortrud. Der ganze Betrieb der hauptstädtischen Musiktheaterhäuser hängt also am seidenen Faden, ein Erlöser muss ran. Da hat Richard Wagner Mitleid und sendet einen seiner komponierten Gralsritter, Lohengrin as himself, aus dem Schnürboden. Und nun wird auf der Bühne zitiert, karikiert und philosophiert, was das Zeug hält. Die Brecht'sche Gardine kann zwischen Atompilz, heiligem Gral und Projektionsfläche für so ziemlich alles herhalten, die Kostüme sind mal zweite Haut, mal mittelalterliches Sackgewand, und immer wieder zeigt sich das Theater im Theater im Theater, sind's alles nur Hampelmänner, pardon, Marionetten in dieser Staats-Oper - hähä - wie deutsch, wie komisch.

Das Paradies und Eva mit dem Apfel hat Herheim integriert und die Kunstfigur Richard W. spielt nebenbei auch noch eine Rolle. Dass die Fantasie des Regisseurs keine Grenzen kennt, ist aber gleichfalls der Tatsache geschuldet, dass die Interpretation nie auf der Ebene der Kulturpolitik verweilen könnte, ohne sich in den Strippen des Librettos zu verfangen. Somit springt beim zweiten Aufzug nicht viel mehr als eine Parodie auf alten Lohengrin-Kitsch heraus. Und es gibt auch szenisch regelrechte Dürreperioden wie etwa die Brautgemach-Szene des dritten Aufzuges. Das finale Statement entschuldigt dafür vieles: Telramund, der von Klaus Wowereit als unbequem empfundene Stefan Rosinski, wird im Affekt getötet, das Bläserzwischenspiel erklingt als dessen Requiem, Bestürzung macht sich breit, Lohengrin hinterlässt keinen Gottfried (sondern stürzt als leblose Wagner-Puppe auf die Bühnenbretter) und Herheim schließt den Abend mit dem Zitat: „Kinder, schafft Neues!“ Mag der Satz in diesem Zusammenhang doch recht pauschal klingen, falsch ist er sicherlich nicht.


Lohengrin - Staatsoper Berlin
Kwangchul Youn (Heinrich der Vogler), Staatsopernchor
Foto: Karl Foster

Ohne Abstriche überzeugt einzig Klaus Florian Vogt als fast knabenhaft hell timbrierter Lohengrin. Bei so viel Glanz und Wonne in der Stimme, so genauer Artikulation der Phrasen, hätte man dem Tenor noch Stunden zuhören können. Weniger zu verstehen ist die Verpflichtung von Dorothea Röschmann, die als Elsa zu reif, zu dunkel und auch viel zu scharf klingt. Ähnlich vibratoreich schrillt sich Michaela Schuster durch den Part der Ortrud. Allerdings passt es unter dem stilistischen Deckmantel 'Mut zur Hässlichkeit' durchaus, denn Schuster ist die Lust anzumerken, mit der sie die Krawallschachtel vom Dienst mimt. Kwangchul Youn ist ein kräftig-sonorer König Heinrich, Arttu Kataja ein bärig brummender Heerrufer, Gerd Grochowski aber enttäuscht mit seinem steifen, spröde-trockenen, bald sprechgesanglichen Telramund auf ganzer Linie. Und leider zeigten sich auch Staatsopernchor und Staatskapelle nicht in Bestform. Da vermurksten vor allem die Blechbläser manchen Einsatz, klang der ganze Orchesterapparat merkwürdig angespannt, wurde das sonst übliche Niveau diesmal nicht erreicht. Alles in allem also ein zwiespältiger Auftakt der Festtage 2009. Die ausländischen Touristen dürften ihre Mühe mit der szenischen Anspielung auf die Lokalproblematik haben. Aber das ist Herheim genauso egal, wie die Tatsache, dass dieser Lohengrin aufgrund seiner Tagesaktualität ein kurzes Verfallsdatum haben wird. Trotz aller Brisanz: Ist dies eine Inszenierung zur Handlung von Lohengrin? „Nie sollst du mich befragen...“



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