20. Februar 2009
Konzerthaus Berlin

Stürmische Dampferfahrt

Kapitän Zagrosek und das Konzerthausorchester auf musikalischer Reise

Programm

Felix Mendelssohn-Bartholdy
Die Hebriden - Konzertouvertüre h-Moll op. 26

Johannes Maria Staud
Segue - Musik für Violoncello und Orchester (UA der Neufassung)

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 (Eroica)

Mitwirkende

Konzerthausorchester Berlin
Lothar Zagrosek - Dirigent
Jean-Guihen Queyras - Cello

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Stürmische Dampferfahrt

Kapitän Zagrosek und das Konzerthausorchester auf musikalischer Reise

Von Beatrice Siering / Foto: Christian Nielinger

1829. Eine Studienreise nach Schottland. Der junge Komponist und Dirigent Felix Mendelssohn Bartholdy wagt dabei auch einen Abstecher auf die Hebrideninsel Staffa. Wild zerklüftete Felsformationen, schreiende Möwen und ein tobender Wind machen diese Dampferfahrt für den Komponisten und seinen Begleiter, den Dichter Karl Klingemann, zu einem eindrucksvollen Erlebnis. Besonders die Fingalshöhle, in der sich die grünen Wellen tosend brechen, hat es dem Tonmaler Mendelssohn angetan. Noch während der Reise schickt er den Eltern eine erste Kompositionsskizze seiner späteren Hebriden-Konzertouvertüre: eine Mischung aus weiterentwickelter Tradition und Innovation. Doch die aufkeimende Idee einer programmatischen Musik soll den Komponisten aus angesehenem, gut bürgerlichem Hause noch längere Zeit beschäftigen. Erst nach zwei Überarbeitungen und vier Jahre später ist der Künstler mit seinem Werk zufrieden.

Düster spiegeln die Celli, Bratschen und Fagotte des Konzerthausorchesters Berlin unter Lothar Zagrosek die schottische Landschaft wider. Ein seichter Wind weht über den Atlantik. Das Hauptthema im Wellengang und in h-Moll - einer Tonart, die im früheren Barock mit Dunkelheit und Tod assoziiert wurde. Bereits innerhalb der ersten acht Takte gelingt dem Orchester eine enorme Klangentfaltung - romantische Poetik versus klassische Sonatenhauptsatzform. Doch das vermeintliche Thema entpuppt sich als eintaktiges Mini-Motiv, das immerwährend weiterentwickelt wird. Schön auch der Dialog zwischen den Instrumentengruppen - die Celli übergeben an die Violinen und Violen, die Oboe an die Flöte. Und der Zuhörer ist fasziniert von den Naturgewalten und der unheimlichen Stimmung.


Lothar Zagrosek
Foto: Christian Nielinger

In der darauf folgenden kleinen Umbaupause greift Dirigent Lothar Zagrosek beherzt zum Mikrofon und stellt dem Publikum Johannes Maria Staud (*1974) vor, den Komponisten des Stückes Segue. Staud ist angereist, um die Uraufführung seines revidierten Werkes für Violoncello und Orchester live zu erleben. Er verrät, dass er mit der ursprünglichen Fassung seines Werkes - einer Auftragsproduktion zum 200. Todestag Mozarts - sehr unzufrieden war. Erst die Zusammenarbeit mit dem kanadischen Cellisten Jean-Guihen Queyras hat Staud inspiriert, sein Stück solistisch und dramaturgisch neu zu überarbeiten.

Ausgangspunkt des Stücks Segue (übersetzt: "Es geht weiter") war das Fragment eines Andantinos für Violoncello und Klavier B-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Dieses Fragment stellt Staud in seinem Werk als quasi um-instrumentiertes Zitat voran. Doch dann ein harter Schnitt: Plötzlich drängen sich mystische Klänge ans Ohr, unterbrochen von harten Schlagwerkakzenten, Flächen überlagern sich, Rhythmen kaum noch erkennbar. Dazu eine ungewöhnliche Orchestrierung mit Windmaschine, Bass-Saxophon, großem Orchester und Akkordeon. Und mittendrin Jean-Guihen Queyras' Violoncello, das an die Grenzen des Spiel- und Hörbaren geht. Ob liegende, geworfene oder springende Stricharten, gezupfte Flageoletts in extremsten Griffbrettlagen oder die Wahl von Tonhöhen mit Hilfe verstellbarer Wirbel - langweilig ist was anderes! Und so ist das Publikum nach gut einer Viertelstunde dieser ungewohnten Klänge ganz aus dem Häuschen. Für die einen klingt es wie Fiepen, Zischen, Kratzen - für die anderen wie das Landen eines UFOs. Das liefert genügend Gesprächsstoff für die Pause.

Letzter Programmpunkt: Beethovens Eroica. Die Heldenhafte. Die Heroische. Einst in tiefer Verehrung Bonapartes entstanden. Doch als sich der Feldherr zum Kaiser krönen lässt, wendet sich Beethovens glühende Verehrung in tiefe Verachtung. Sein Schüler Ferdinand Ries schildert Beethovens Wutausbruch: "Ist der auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!"

Auch wenn Beethoven seine Widmung an Napoleon ‚ausradiert', der Geist der Französischen Revolution und seiner Ideale bleibt - vom ersten bis zum letzten Takt. Das beginnt mit zwei kraftstrotzenden Fortissimo-Akkorden und endet in revolutionären Experimenten mit Rhythmus, Form und Verzahnung der vier Sätze. Beethoven sucht nach neuen musikalischen Ausdrucksformen und findet sie. Sein Botschaft denkbar einfach: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit."

Diesen Geist will auch Lothar Zagrosek am heutigen Abend aus seinem Orchester herauskitzeln. Und wählt dafür die historisch gewachsene "deutsche" Sitzordnung. Er setzt die 2. Violinen an die Stelle der Celli. Diese wandern neben die 1. Violinen und fungieren als Motor, der das Geschehen vorantreibt. Doch die 2. Violinen sind ängstlich. Sie fühlen sich nackt und müssen nun aus dem Schatten der 1. Violinen heraustreten. Sie haben ein völlig neues Klangerlebnis und finden sich nur schwer zurecht. Das von Zagrosek angestrebte dialogisierende Prinzip geht nicht auf. Das Orchester findet nur selten zu einem geschlossenen homogenen Klangbild. Der Klang zerfällt in seine Einzelteile. Erstmals auch größere Intonationsschwächen bei den Bläsern, vor allem beim Ansatz. Defizite zeigen sich auch im 2. Satz mit seiner lastenden Schwermütigkeit. Denn der musikalische Gedanke, der große Spannungsbogen, endet nicht am Taktstrich! Das Scherzo bewegter und besser. Aber im Finale kehren die Unstimmigkeiten zurück. Zu deutlich werden die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Violine I und II. Einziger Glanzpunkt: die 1. Oboistin mit einem wundervollen warmen Ton, intonationssicher und technisch souverän.

Alles in allem ein gemischter Abend. Doch die Uraufführung der Neuen Musik verlangt regelrecht nach einer Fortsetzung.



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