18. Oktober 2009
Deutsche Oper Berlin

Sie will! Sie will nicht!

Kirsten Harms inszeniert Die Frau ohne Schatten an der DOB

Programm

Richard Strauss
Die Frau ohne Schatten



Zweite Meinung?

Lesen Sie die Kritik von Andre Sokolowski:
Im Mausoleum ist's halt finster wie im Bärenarsch

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Kirsten Harms
Spielleitung: Lorenzo Nencini
Bühne, Kostüme: Bernd Damovsky
Dramaturgie: Andreas K. W. Meyer
Kinderchor: Dagmar Fiebach
Künstlerischer Produktionsleiter: Christian Baier
Chöre: William Spaulding

Der Kaiser: Robert Brubaker
Die Kaiserin: Manuela Uhl
Die Amme: Doris Soffel
Der Geisterbote: Stephen Bronk
Ein Hüter der Schwelle des Tempels, Die Stimme des Falken: Hulkar Sabirova, Erste Dienerin
Erscheinung eines Jünglings: Yosep Kang
Eine Stimme von oben: Liane Keegan
Barak, der Färber: Johan Reuter
Sein Weib: Eva Johansson
Der Einäugige: Simon Pauly
Der Einarmige: Hyung-Woo Lee
Der Bucklige: Paul Kaufmann

Chor, Kinderchor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Sie will! Sie will nicht!

Kirsten Harms inszeniert Die Frau ohne Schatten an der DOB

Von Heiko Schon / Fotos: AndreRival (Harms, Poster), Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin (Szene)


Kirsten Harms - Deutsche Oper Berlin
Foto: Andre Rival

Der finale Akt. Es dampft mächtig zwischen den sieben Mondbergen. Da richtet sie sich tapfer auf, die unschuldsweiße Kaiserin, und brüllt den Satz heraus, der ihr schließlich den lang ersehnten Schatten bringen wird: "Ich will nicht!" Als innerliche Zerreißprobe will Kirsten Harms ihr Konzept verstanden wissen - und meint damit nicht nur die Kaiserin in ihrer Frau ohne Schatten, sondern auch den eignen Job als DOB-Intendantin. Schon einen Tag nach der Premiere stellte Harms in einer Erklärung klar, dass sie "für eine Vertragsverlängerung ... nicht zur Verfügung stehe". Streng genommen hätte es "nicht mehr" heißen müssen, denn mehrfach hatte Harms Interviews gegeben, in denen sie kund tat, wie gern sie doch weitermachen würde. Aber die Kulturverwaltung ließ Harms zappeln. Nun also der eigens ausgerufene Rückzug, um mit gleicher Stärke dazustehen, wie eine selbstlos verzichtende Kaiserin. Im Feuilleton war das Echo darauf entsprechend groß. Einige sprachen von einem geschickt platzierten Affront gegen den Regierenden Bürgermeister, andere von einem ungünstig gewählten Zeitpunkt, gerade jetzt damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch die Wogen der Hauptstadtpresse waren schnell wieder geglättet. An der Deutschen Oper ist man Interimsintendanzen sowieso gewohnt (Götz Friedrichs Tod / Dezember 2000 und Udo Zimmermanns Entlassung / Juni 2003) und nun gibt es auch wieder einen starken Generalmusikdirektor, der künstlerisch eine klare Linie vorgibt. Es wird also Klaus Wowereit keine Sorgenfalten auf die Stirn treiben, sollte der Übergang 2011 nicht nahtlos erfolgen.


Die Frau ohne Schatten - Deutsche Oper Berlin
Foto: AndreRival

Immer wieder wird behauptet, dass es die mystisch-verschwurbelte Zauberoper aus der Künstlerschmiede Strauss/Hofmannsthal nicht ins Kernrepertoire geschafft hätte. Zumindest was den deutschsprachigen Raum betrifft, möchte man dem energisch widersprechen. Denn dort, wo entsprechende Anforderungen verfügbar sind, taucht "Frosch" in den letzten Jahren in schöner Regelmäßigkeit auf. So erst 1998 an der DOB, wo Philippe Arlaud das Werk in Szene setzte. Welche Gründe für Harms auch entscheidend waren, diese Produktion abzusetzen, den schlagenden Beweis bleibt sie letztlich schuldig. Sie tauscht die bonbonbunte Ausstattung gegen eine Schwarzweiß-Ästhetik aus, kratzt nur geringfügig tiefer an der Oberfläche als Arlaud und ersetzt die ungestrichene Fassung durch die gekürzte von Karl Böhm. Imposante Bilder (Kraterlandschaft) und eine kluge Nutzung des großen Bühnenraums (Kaiserpalast) wechseln sich ab mit Szenen, die nicht von der Stelle kommen und sich zusehends erschöpfen (Färberhaus). Auch die Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau, die Herabsetzung eines Menschen zur Gebärmaschine, bleibt reine Behauptung der Regisseurin. Bernd Damovsky grenzt die gesellschaftlichen Schichten klar voneinander ab. "Oben" heißt: Pelz und Seide (Kaiserin), Bleistiftrock und Lederstiefel (Amme). "Unten" heißt: Kartoffelsäcke. Die Mannen Keikobads (Vogelwesen? Gasmaskenträger?) stecken in Militärmänteln - ein Verweis auf den 1. Weltkrieg. Die Verlegung der Geschichte in die Entstehungszeit der Oper passt, wird jedoch eher subtil als radikal umgesetzt. Trotz aller Einwände: Diese Aufführung darf als wichtiger Stützpfeiler der Ära Harms angesehen werden.


Die Frau ohne Schatten - Deutsche Oper Berlin
Doris Soffel (Amme) - Manuela Uhl (Kaiserin)
Foto: Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Was nämlich das Orchester der Deutschen Oper unter Ulf Schirmer zustande bringt, ist Strauss in Formvollendung: mitreißend, gewaltig, drückend und bedrückend zugleich, kurzum, es erklingt die ganz breite Emotionspalette aus dem Graben. Wieder wählt Schirmer eher mäßige Tempi, doch die braucht diese geniale Partitur, um atmen, um sich entblättern zu können. Die üppig instrumentierten Passagen gelingen in gleichem Maße wie die Solo-Stellen (prächtig: Tomas Tomaszewski / Violine). Die Lautstärke tut ihr Übriges: Dieser Strauss funkelt. Und rockt! Dazu sieht dieses Stück ganze fünf Hammerpartien vor. Die schwächste Leistung des Abends kommt von Robert Brubaker, der mit seinem abgesungenen, glanzfreien Tenor am Kaiser vollends scheitert. Eva Johannson, die mit dieser Staffel ihr Debüt als Färberin gibt, überrascht dagegen mit lyrischer Intensität und gut fokussierter Attacke, die lediglich dann leidet, wenn sich die Dänin zum Forcieren verleiten lässt. Johan Reuter katapultiert sich mit seiner Leistung in die vorderste Reihe der aktuellen Barak-Interpreten, so kraftvoll und ausdrucksstark, textdeutlich und sanftmütig singt er den Färber. Die Kaiserin entwickelt sich stimmlich von Akt zu Akt, "reift" vom Koloratur- zum dramatischen Sopran, was Manuela Uhl auch bravourös meistert. Doch ihre gespielte Rehäugigkeit hat gegen den Power und die Präsenz dieser Dame keine Chance: Doris Soffel durchlebt die Amme bis in die kleinsten Nuancen, spielt alles und jeden an die Wand und beweist mit gesanglicher Perfektion, dass dieser Charakter ohne hässliche Keiftöne auskommt.



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