27. September 2009
Deutsche Oper Berlin

Im Mausoleum ist's halt finster wie im Bärenarsch

Kirsten Harms inszeniert Die Frau ohne Schatten an der DOB

Programm

Richard Strauss
Die Frau ohne Schatten



Zweite Meinung?

Lesen Sie die Kritik von Heiko Schon:
Sie will! Sie will nicht!

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Kirsten Harms
Spielleitung: Frauke Meyer
Bühne, Kostüme: Bernd Damovsky
Chöre: William Spaulding

Der Kaiser: Robert Brubaker
Die Kaiserin: Manuela Uhl
Die Amme: Doris Soffel
Der Geisterbote: Stephen Bronk
Ein Hüter der Schwelle des Tempels / Die Stimme des Falken: Hulkar Sabirova
Erscheinung eines Jünglings: Yosep Kang
Eine Stimme von oben: Katharine Tier
Barak, der Färber: Johan Reuter
Sein Weib: Eva Johansson
Der Einäugige: Simon Pauly
Der Einarmige: Hyung-Woo Lee
Der Bucklige: Paul Kaufmann

Chor, Kinderchor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Im Mausoleum ist's halt finster wie im Bärenarsch

Kirsten Harms inszeniert Die Frau ohne Schatten an der DOB

Von Andre Sokolowski / Fotos: Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Kirsten Harms, die hausbackene Künstlerintendantin, wird nun also nicht über 2011 hinaus die nach dem Mauerbau so kurzerhand errichtete und anfangs ja zu Weltruhm hoch gestylte (Geld spielte nach 1961, jedenfalls in Westberlin, wohl keine Rolle) Deutsche Oper Berlin leiten - stand nun heute überall zu lesen. Das ist gut so, und vor allem auch für sie, die ich als Opernregisseurin nicht und niemals der "Verdammung" preisgegeben haben würde ... Mit Germania oder dem Rossini oder jenem sehr geglückten Doppel von Cassandra/Elektra hatte sie bewiesen, dass sie inszenieren kann. Und dass nicht immer alles glückte oder glückt: mein Gott! was soll's?

Jetzt wird sie sich dann, hoffentlich, wieder was mehr mit sich und ihren Inszenierungen beschäftigen und also nicht mehr in den grauenhaften Machtmühlen des Apparates stehen müssen; Mädchen, sei bloß froh!!


Die Frau ohne Schatten - Deutsche Oper Berlin
Doris Soffel (Amme) - Manuela Uhl (Kaiserin)
Foto: Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Warum sie freilich allen Ernstes zu dem Riesenschinken um Die Frau ohne Schatten greifen musste, bleibt ein Rätsel sondergleichen. Es wird ihre letzte Inszenierung hier an diesem Haus gewesen sein; und sie wird - hoffentlich - baldigst wieder vom Spielplan weg verschwinden, denn:

Die Inszenierung sagt uns einfach nichts!!!

Das Stück vom guten alten Hofmannsthal ist derart artifiziell und kompliziert, dass auch der gut'ste Wille nix an der Vergeblichkeit des intellektuellen Mühens für bzw. gegen dieses kompliziert-artifizielle Hirnprodukt zu ändern in der Lage ist.

Schatten hin und Schatten her, Menschlichkeit hin und Menschlichkeit her ... ich weiß nicht, was mir Hofmannsthal mit diesem Schinken letztlich sagen will. Dabei - ich gebe es hier unumwunden zu - war Frau ohne Schatten bis zu diesem Tag (ich lüge nicht) meine Lieblingsoper von Richard Strauss. Und ich verwechselte "sie" immer mit der separat existierenden Kunstmärchen-Erzählung Hofmannsthals, die ich als Jugendlicher immer wieder süchtig las; ich zog mir immer wieder diese Wahnsinnsmusik vom Strauss hierzu herein; das Libretto zu der Oper, also diesen O-Text, kannte ich bis da noch nicht... Nun lief der übertitelt während der vier Stunden mit, ja und ich las und las und las - und stellte fest: Es ist ein krampfiges Gesülze um des Kaisers Bart; o Gott o Gott, was hat sich Hofmannthal nur bloß dabei gedacht?

Egal.


Die Frau ohne Schatten - Deutsche Oper Berlin
Eva Johansson (Färberin) - Stephen Bronk (Der Geisterbote)
Foto: Marcus Lieberenz im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Harms jedenfalls lässt ihren Ausstatter Damovsky so ein Riesenmausoleum bauen, und zwei Riesenfalken (sozusagen das verdoppelte Wappentier des Kaisers aus der merkwürdigen Handlung) zieren und bewachen es. Hinein in es gelangt dann diese kleine Stumpfsinnswelt des Färbers, die in Braun und Dunkel, sowieso dann alles furchtbar dunkel, eingehalten wird. Kaum Licht auch. Wenigstens lassen sich beide, Regisseurin und Ausstatter, im Dritten Akt dann diese schöne Mondlandschaft einfallen; ist zwar auch nicht viel heller dort als sonstwo, aber halt was anders als zuvor ...

Nur Manuela Uhl kann, was das irrwitzig Verlangte in den Stimmen dieser Oper anbetrifft, weltstädtisch mithalten. Nach ihrer so grandiosen Salome vom letzten Sommer ist die Kaiserin der schlagende und schlagendste Beweis dafür, dass sie auf ihrem Weltweg nicht mehr aufzuhalten ist; ich habe solch ein Wunderwerk an stimmlicher Finesse (als die Kaiserin) noch nie erlebt!!

Die andern haben es dagegen schwer. Frau ohne Schatten hat fünf große Rollen, alle an die Schmerzgrenze des Möglichen gelegt. Unsingbar eigentlich. Wer sich das antut, weiß, dass es der eignen Stimme nicht sehr gut bekommen kann - vielleicht nennen wir Doris Soffel noch, die zwar als darstellende Amme höchst grandios und über alle Maßen witzig rüberkommt, doch mit der Stimme muss sie - wie die andern drei mit ihr - sehr kämpfen.

Ulf Schirmer leitet das Hausorchester: Es ist wieder da, wo es früher einmal war! Strauss, Wagner, Verdi - seine absoluten Stärken. Klang und klingt voller Charakter!! Absolutes Musizieren!!!

Kleines Fazit: Hättet ihr doch einfach die "alte" Arlaud-Inszenierung gelassen und 'nen andern Strauss hinzugefügt? Capriccio oder Friedenstag?

Egal auch, wie gesagt.



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