21. November 2009
Staatsoper Unter den Linden

Feiern bis der Arzt kommt

Die Fledermaus in einer Inszenierung von Christian Pade an der Staatsoper

Programm

Johann Strauß (Sohn)
Die Fledermaus

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Zubin Mehta
Inszenierung: Christian Pade
Bühnenbild und Kostüme: Alexander Lintl
Choreographie: Martin Stiefermann
Licht: Olaf Freese
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Oliver Binder, Katharina Winkler

Gabriel von Eisenstein: Martin Gantner
Rosalinde: Silvana Dussmann
Frank: Jochen Schmeckenbecher
Prinz Orlofsky: Stella Grigorian
Alfred: Stephan Rügamer
Dr. Falke: Roman Trekel
Dr. Blind: Florian Hoffmann
Adele: Christine Schäfer
Ida: Helene Grass
Frosch: Michael Maertens

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor
Tänzer der Kompanie "MS Schrittmacher"

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Feiern bis der Arzt kommt

Die Fledermaus in einer Inszenierung von Christian Pade an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Ruth Walz


Die Fledermaus - Staatsoper Berlin
Zubin Mehta (musikalische Leitung)
Foto: Ruth Walz

Der Mann hat's eilig. Zubin Mehta fährt seinem Auftrittsapplaus so richtig schön in die Parade. Ein frecher Startschuss, ganz nach Berliner Art, der mit seinem lautem Peng! zu fordern scheint: Jetzt haltet einfach mal die Schnauze und hört zu! Was dann in die gespitzten Fledermausohren dringt, kann unmöglich Wiener Operette sein. So messerscharf und pfiffig, so (vor)laut und militärisch hat Johann Strauß wohl noch nie geklungen. Als hätte der Dreivierteltakt den Zuckermantel in die Ecke geschmissen und sich eine schneidige Uniform zugelegt. Übermut tut selten gut? Pah! Dieses preußische Zackzack, die knalligen Fanfaren und Walzerwirbelwinde: Unter Mehtas Dirigat schwingt sich die Berliner Staatskapelle zu einem temperamentvoll-frischen Höhenflug auf. Wie sehr hätte man dieser musikalischen Gloria den szenischen Glanz, den Partner auf Augenhöhe, zur Seite gewünscht. Doch was Regisseur Christian Pade hier abgeliefert hat, ist - gelinde gesagt - eine primitive Peinlichkeit in Formvollendung.


Die Fledermaus - Staatsoper Berlin
Michael Maertens (Frosch)
Foto: Ruth Walz

Wieso mussten Eisensteins ihre Koffer packen und von der Donau an die Spree ziehen? Warum stöckelt ein Stubenmädchen (ach nee, Adele ist ja jetzt "Putze") in trendy Petticoat und schwarzen Highheels durch ihren Arbeitsplatz? Und wie zum Teufel kommt Alfred eigentlich vom Balkon in den Kühlschrank? Der Fragebogen ließe sich ohne Weiteres ausbauen, aber, egal, lassen wir das. Wer wird denn auf Ungereimtheiten herumreiten, wenn das Ganze Spaß macht? Nun, es macht aber keinen Spaß. Kalauer sind's, ein Hangeln von Botox-Mätzchen zu DDR-Witzen. Es ist schon erstaunlich, dass der Frosch nur die Namen "Erich Mielke" oder "Margot Honecker" fallen lassen muss und schon gibt es vereinzeltes Gekicher im Saal. Dem zum Trotz macht Michael Maertens aus seinem Hausmeester-Kalle-Verschnitt (einschließlich Vokuhila) eine ganz passable, urige Type.


Die Fledermaus - Staatsoper Berlin
Martin Gantner (Gabriel von Eisenstein) - Silvana Dussmann (Rosalinde) - Florian Hoffmann (Dr. Blind)
Foto: Ruth Walz

Das Bühnenbild vom ersten Akt, eine IKEA-Einbauküche, wird im dritten Akt kopfüber an die Decke genagelt - ein fideles (aber nichtssagendes) Gefängnis. Für den Mittelteil hat sich Alexander Lintl einen schummrigen Diskoschuppen ausgedacht. Dort findet er ein Bild, welches böswillig missverstanden werden könnte: Lauter leere Flaschen. Gabriel, Falke & Co mischen sich unters Party-Volk - und wirken in ihrer Abendgarderobe entsprechend deplatziert. So kostümiert soll's auf hauptstädtischen Tanzflächen zugehen? Na wohl kaum. Aber es kommt noch besser. Martin Stiefermann hat ein Ballett choreographiert, welches zeigen soll, wie man sich heute bewegt. Zu Accelerationen-Walzer und ungarischer Polka hoppeln und hampeln sich die Tänzer aus der Finanzkrise - Au Backe! Es sieht ein wenig wie ein Madonna-Konzert oder Barrie Koskys Kiss me, Kate! aus. Jeweils schlecht kopiert, versteht sich.


Die Fledermaus - Staatsoper Berlin
Silvana Dussmann (Rosalinde) - Martin Gantner (Gabriel von Eisenstein) - Christine Schäfer (Adele)
Staatsopernchor, Tänzer. Komparsen
Foto: Ruth Walz

Silvana Dussmann kann - so professionell sie auch spielen mag - nicht an ihre früheren Rosalinden anknüpfen. Beim Übergang von Brust- zu Kopfstimme wird's eng - und später schrill. Martin Gantner ist dagegen ein Eisenstein im Vollbesitz aller Kräfte. Die übrigen Herren Jochen Schmeckenbecher, Stephan Rügamer, Roman Trekel und Florian Hoffmann vermeiden es tunlichst, sich in den Vordergrund zu drängeln. Stattdessen versuchen sie unauffällig, sprich unbeschadet durch diesen Abend zu kommen. Wer könnte es ihnen verdenken? Am besten zieht sich noch Christine Schäfer aus der Affäre, der man so viel Operettenfeuer im Blut gar nicht zugetraut hätte. Ihr zum Vergleich macht Helene Grass aus der Ida eine ziemlich anstrengende Knalltüte. Der Orlofsky erlebt die Transformation zur Punklesbe, womit sich Stella Grigorian so herumquält, dass selbst ihr Gesang darunter leidet. Mehrere Male stöhnt Grigorian entnervt auf, wie langweilig ihr sei. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man dahinter glatt ein Zitat Christian Pades vermuten. Kann es sein, lieber Herr Pade, dass Die Fledermaus Sie langweilt? Dann sei Ihnen - gerade in diesen kriselnden Zeiten - ein Besuch in einem guten Club ans Herz gelegt. Berlin ist voll davon. Aber vergessen Sie nicht, Ihren Ausstatter und den Choreographen mitzunehmen.



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