22. Februar 2009
Staatsoper Unter den Linden

Frag noch einmal, Gretchen

Karsten Wiegands Faust an der Staatsoper

Programm

Charles Gounod
Faust

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Inszenierung: Karsten Wiegand
Bühnenbild: Bärbl Hohmann
Kostüme: Ilse Welter
Licht: Olaf Freese
Choreographische Mitarbeit: Kathlyn Pope
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Jens Schroth

Faust: Charles Castronovo
Méphistophélès: René Pape
Valentin: Roman Trekel
Wagner: Andreas Bauer
Marguerite: Marina Poplavskaya
Siébel: Silvia de la Muela
Marthe: Rosemarie Lang

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Frag noch einmal, Gretchen

Karsten Wiegands Faust an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus


Faust - Staatsoper Berlin
Marina Poplavskaya (Marguerite), Staatsopernchor
Foto: Monika Ritterhaus

Der böse, böse Theaterzauber. Da setzt La Direction auf schöne französische Grande Opéra, bietet dafür die Crème de la Crème aus dem hauseigenen Ensemble auf, bringt vielversprechende Namen in der Gästeliste unter, lässt einen Regisseur ans Werk, der es eigentlich wissen müsste (Bayerischer Theaterpreis für Faust I) - und dieser hundsgemeine, hinterlistige Zauber will sich partout nicht einstellen. Stattdessen bekunden die Premierengäste ihr Missfallen schon während der Pause; einen Tag später stoßen die meisten Kritiker in dasselbe Horn. Alain Altinoglu musste auf Marina Poplavskaya, die mit einer abklingenden Grippe zu kämpfen hatte, Rücksicht nehmen und bei René Pape machte am Abend gar der Kreislauf schlapp. Ja, die erste Aufführung stand unter keinem guten Stern. Nun startete zwar auch die dritte Vorstellung mit einer negativen Nachricht (Pape und Castronovo wurden als indisponiert angesagt), im Ergebnis aber sollten sich diese Probleme als nahezu marginal herausstellen. Jedoch, eine Unpässlichkeit ist geblieben und diese wird sich wohl auch beim besten Willen nicht mehr auskurieren lassen: Karsten Wiegands Inszenierung. Die Erwartung ist ein schlechter Ratgeber, aber, mon Dieu, Wiegand selbst hatte mit einer fantasievollen, bös- wie neuartigen Sicht auf den Belcanto-Schinken Maria Stuarda die Neugier angestachelt, ein Versprechen abgegeben - und löst dieses nun mit einem lieb- wie wahllos zusammengeflickten Faust ein.


Faust - Staatoper Berlin
René Pape (Méphistophélès)
Foto: Monika Ritterhaus

Ein graues Etagenungeheuer für viel treppauf, treppab, Kostüme, als wär's Schick von KiK, Flipper, der Automat oder Flipper, der Delphin - das sind, neben ein paar Spritzern Theaterblut, die Zutaten, mit der man wohl jedes Bühnenstück servieren könnte. Aber nicht sollte. Die blinkernde Spielhalle, die Bärbl Hohmann auf die Plattform gewuchtet hat, verströmt nicht nur muffig-provinziellen Geruch vom Allerfeinsten, sie stellt sich zudem als Achillesferse für den sonst so großartig agierenden Staatsopernchor heraus, der hier, bedingt durch das Wandern zwischen Erd- und Dachgeschoss, immer wieder auseinander gerät. Wiegand zeichnet Marguerite als jungfräulich-weiße Unschuld, Valentin (stimmlich diesmal etwas arm, aber sexy: Roman Trekel) und Wagner als Vorstadtprollos, Faust gleich als Mr. No-Name und Méphistophélès steht im Zuhälter-Dress für die Laster Geld, Sex und Spiele - revolutionär, oder? Dass Siebel, der als Bill-Kaulitz-Kopie (Tokio Hotel) Graffiti-Blumen für Gretchen hinterlässt, nicht zur Lachnummer gerät, ist einzig der charmanten Silvia de la Muela anzurechnen. Und einmal mit diesem Konzept gestartet, gibt es, rien ne va plus, für Wiegand kein Zurück mehr... Zwar geht's nach der Pause in tiefere Gefühlsgefilde, verschwindet die Maisonette, gewinnen die Sänger mehr Raum fürs Darstellerische, doch der fahle Geschmack des Austauschbaren bleibt.


Faust - Staatsoper Berlin
Charles Castronovo (Faust), Marina Poplavskaya (Marguerite)
Foto: Monika Ritterhaus

Ist der Abend dadurch verloren? Nein. Denn René Pape rollt so wunderbar das R, haut mit seinem Balsam-Bass genüsslich auf die Pauke, gibt treffsicher den teuflischen Spielhallen- und Bordellbesitzer, dass er den schlechten Eindruck, den sein Mephisto-Debüt vor einer Woche hinterließ, mit links vom Tisch fegt. Charles Castronovo klingt zunächst so verhärtet, dass er tenorale Höhen nur mit größter Kraftanstrengung erklimmt. Doch dieser Makel verschwindet rasch und sein kultiviert-nobles Timbre leuchtet jugendlich-frisch und versprüht französische Eleganz. Ausbaufähig bleibt fraglos Castronovos schauspielerische Komponente - siehe Marina Poplavskaya. Ihre Margarete ist ein zerbrechlich schönes, emotional berührendes Wesen, ein Borderline-Geschöpf, deren Stimme sich rosenblütenartig auffächert, mal gehaucht, mal feurig tönt - magnifique. Gleichwohl: Die größte Überraschung dieser Neuproduktion heißt Alain Altinoglu. Denn wo die Ausstattung kläglich versagte, wo es ein Regisseur nicht verstand, eine über zweihundert Jahre alte Geschichte im Hier und Heute plausibel zu verankern, da triumphiert die Staatskapelle im Graben, zeigt Gounod denjenigen den Stinkefinger, die immer meinten, seine Musik wäre geschmäcklerisches Arrangement, ein Relikt aus längst vergangenen Opernzeiten. Bitte mehr von dieser tänzelnden Leichtfüßigkeit, diesem Schwung, der den Zuhörer in den Zustand des Taumels versetzt. Bitte mehr von Alain Altinoglu. Über das Schicksal von Karsten Wiegand sollen andere entscheiden.



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