15. Dezember 2009
Philharmonie

Der Lockruf der Sirene

Nina Stemme zu Gast beim DSO

Programm

Claude Debussy
Le martyre de Saint Sébastian
Paul Hindemith
Symphonie Mathis der Maler
Richard Strauss
Tanz der sieben Schleier und Schlussgesang aus Salome

Mitwirkende

Deutsches Symphonie Orchester Berlin
Ingo Metzmacher - Dirigent
Nina Stemme - Sopran

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Der Lockruf der Sirene

Nina Stemme zu Gast beim DSO

Von Heiko Schon / Foto: www.ninastemme.com


Nina Stemme
Foto: www.ninastemme.com

Nichts gegen Oscar Wilde. Aber was bedeutet der Spruch, dass man eine Versuchung am leichtesten loswird, indem man ihr nachgibt? Das klingt irgendwie negativ. So als ob es demjenigen, der in Versuchung geführt wird, lästig wäre. Soll er froh sein, die Versuchung los zu sein? Will man eine Versuchung wirklich loswerden? Also ich nicht. Lassen wir die Hosen runter und outen uns als genusssüchtig: Wir wollen mit Leidenschaft betört, mit Erotik umschwärmt und von der Welt losgelöst werden. Erst recht wenn das DSO Berlin auf einen programmatischen Höhepunkt seiner Saison, die den Titel Versuchung trägt, zusteuert. Mit Debussy, Hindemith und Strauss will uns Ingo Metzmacher den Don Juan der modernen Klänge machen. Und wir, die Zuhörer, sind nur allzu gern seine willigen Opfer...

Doch die Kunst der Verführung gestaltet sich diesmal schwieriger als angenommen. Der heilige Sebastian rauscht kreuzbrav und ohne dass viel von ihm hängen bliebe am Ohr vorbei und auch Mathis der Maler vermag kaum in Ekstase zu versetzen. Was fehlt sind scharfe Konturen, irgendeine Form von Greifbarkeit oder Aggression. Dass Metzmacher sonst gern mit neuen Tönen flirtet, sollte eigentlich ideal für diese Werke sein. Doch es klingt eher nach einer in Ehrfurcht erstarrten Heiligkeit. Der Tanz der sieben Schleier gerät da fesselnder, doch hier schwächelt's mal im Schlagwerk oder bei den Streichern.

Ausgerechnet die Gastsolistin Nina Stemme löst das Versprechen der Versuchung mit ihrer Interpretation der Salome dann doch noch ein. Mit welch grandioser Attacke Stemme den Schlussgesang bewältigt, wie sie über jeden orchestralen Ausbruch mühelos hinwegschwebt und dennoch jedes Wort verständlich artikulieren kann, ist von hoher magischer Anziehungskraft. Eine Sirene, die mit ihrem Reiz nicht geizt.



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