8. Oktober 2009
Philharmonie

Ein Philharmoniker auf Solo-Pfaden

Guy Braunstein brilliert mit Schostakowitschs 1. Violinkonzert

Programm

Igor Strawinsky
Symphonies d'instruments à vent (Sinfonien für Bläser), Fassung von 1947

Arnold Schönberg
Verklärte Nacht op.4, Streichsextett nach dem gleichnamigen Gedicht von Richard Demel, 2. Fassung für Streichorchester von 1943

Dmitri Schostakowitsch
Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op.77

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Semyon Bychkov, Dirigent
Guy Braunstein - Violine

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Ein Philharmoniker auf Solo-Pfaden

Guy Braunstein brilliert mit Schostakowitschs 1. Violinkonzert

Von Beatrice Siering / Foto: www.guybraunstein.com

Schon zu Beginn raunt mir meine Nachbarin - eine über 80-jährige ältere Dame - zu: "Das ist er! Der Braunstein. Den hab ich schon so oft als 1. Geiger hier erlebt, aber noch nie als Solisten." Unprätentiös, im schlichten schwarzen Hemd, betritt Guy Braunstein - 1. Konzertmeister der Berliner Philharmoniker - heute als Solist zusammen mit Semyon Bychkov die Bühne. Es wurde ein Heimsieg.

Schwermütig und tief in die Lyrik des ersten Satzes versunken, intoniert Braunstein inbrünstig die wenig eingängige Melodie des ersten Violinkonzertes von Schostakowitsch. Hier sind gedankliche Tiefe und düstere Hingabe gefragt. Der zweite Satz, ein temperamentvolles Scherzo mit grotesken Zügen und vielstimmiger Anlage, liefert Raum für höchste spielerische Anforderungen und Dämonisches. Braunstein entpuppt sich dabei als Zeremonienmeister. Souverän thront er selbst bei den wildesten Läufen und schwersten Griffen über den technischen Klippen und konzentriert sich dabei ganz auf seine Interpretation. Doch das Unterfangen ist schweißtreibend und Kräfte zehrend. In kurzen Orchesterpassagen greift er zum Taschentuch. Stürmisch und mit Bravour nimmt der 38-jährige Solist auch die teils chaotisch anmutenden Takt- und Harmoniewechsel, während das Orchester nicht immer ganz Schritt halten kann.


Guy-Braunsteint
Foto: www.guybraunstein.com

Seinen Höhepunkt findet das technische Raffinement in der 119-taktigen Kadenz des dritten Satzes, quasi als "Widerhall vergangener Erregungen und Reminiszenz an die Gestalten der drei vergangenen Sätze" (David Oistrach). Dabei gelingt Braunstein ein kleiner Geniestreich - im Publikum ist es mucksmäuschenstill, kein Hüsteln, kein Füße scharren - man traut sich kaum zu atmen. Ganz in dem Bewusstsein, hier wird ein neuer Star geboren. Denn das ist sicher. Braunstein hat das Zeug zu einem gefeierten Solisten à la Anne-Sophie Mutter oder Gidon Kremer. Doch bislang hat er den endgültigen Sprung ins kalte Wasser nicht gewagt.

Nach einem fulminanten Tutti-Schluss des vierten Satzes gibt es Standing Ovations. Über 2400 Besucher sind völlig aus dem Häuschen. Und nur für eine Zugabe ebbt der tosende Beifall ab. Braunstein spielt Ysaÿes 3. Sonate (Ballade) für Violine Solo. Und hier wird noch einmal deutlich, warum die Musik-Liebhaber Braunstein ins Herz geschlossen haben. Der Geiger, der gelegentlich auch gerne mal beim Basketball einen Korb wirft, scheut sich nicht, ordentlich in die Saiten zu langen. Er lässt es, wenn es sein muss, auch ordentlich krachen und erwischt bisweilen andere Saiten als die gewünschten. Ganz zugunsten eines unbändigen Gestaltungswillens.

Fast wären Strawinskys Bläsersinfonien und Schönbergs Verklärte Nacht aus dem ersten Teil des Abends vergessen. Doch angesichts solcher Brillanz und dem bescheidenen Auftreten Braunsteins geraten diese Werke für kleinere Besetzung beinahe ins Hintertreffen. Dabei überzeugten vor allem die Streicher in Schönbergs Verklärter Nacht mit einer unglaublichen Farbenvielfalt und wilden Tremolo-Passagen in extremen Lagen. Von schwermütig bis stolz, von verzweifelt bis überschwänglich, von gezupft bis verklärt war alles dabei - und dazu obendrein sehr gut gearbeitet. Strawinsky wirkte dagegen auf den ersten Eindruck zu sperrig und bisweilen unsauber in den Bläsern. Unnötig auch die verspäteten Einsätze der Hörner. Das reflektierte auch der verhaltene Applaus.



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