24. Januar 2009
Philharmonie

Leuchten und Verdämmern

Isabelle Faust debütiert bei den Philharmonikern unter Sakari Oramo

Programm

Bernd Alois Zimmermann
Photoptosis

Robert Schumann
Violinkonzert d-moll WoO 1
Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Sakari Oramo - Dirigent
Isabelle Faust - Violine

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Leuchten und Verdämmern

Isabelle Faust debütiert bei den Philharmonikern unter Sakari Oramo

Von Hans Beckers / Foto: Marco Borggreve

Für das Orchesterprélude Photoptosis, das Ende 1968 als Auftragswerk entstand, ließ sich Bernd Alois Zimmermann durch die Foyergestaltung im Musiktheater Gelsenkirchen inspirieren. Dort hat der Franzose Yves Klein große Wandbereiche mit einem intensiven, aber je nach Lichteinfall changierenden Ultramarinblau ausgestaltet. Dabei reflektiert Zimmermann aber nicht nur das farbliche Wechselspiel, sondern verknüpft es mit seiner kuriosen Hypothese von der Kugelgestalt der Zeit, die in vielen seiner Werke eine Rolle spielt und der auch die Zitatensammlung von Bach bis Skrjabin in der Mitte des Werkes als einem Wiederkehrenden geschuldet ist. Photoptosis ist ein Stück für großes Orchester, eine knapp viertelstündige dynamische Expansion, in der die musikalische Struktur und Substanz enorm intensiviert und verdichtet wird. Und obwohl die Ereignisdichte pro Takt bei gleich bleibendem Tempo stetig zunimmt, bleibt das Klanggeschehen transparent, da sich die wiederholten Figuren in Bläsern und Streichern dem Ohr als Ganztonfläche darstellen. Unter der Stabführung des finnischen Dirigenten Sakari Oramo bereitete den Philharmonikern die Herstellung dieser Transparenz keine Probleme. Die Identifikation der Orchestergruppen und ihr spezifischer Klangbeitrag liess sich mühelos verfolgen und wirkte aufs Ganze gesehen wie eine Art akustischer Dispersion, vergleichbar der Zerlegung des Lichtes in seine Spektralfarben. Oramo verstand es zudem mit präziser Schlagtechnik, die immensen Energien der Klangschichten freizulegen.


Isabelle Faust
Foto: Marco Borggreve

Das Violinkonzert von Robert Schumann erfordert hingegen ganz andere Qualitäten. Die Stimmung des Konzertes ist überwiegend melancholisch, der Klang verschattet. Die Schwierigkeiten des Soloparts, seine Energien, verschwinden gleichsam im Leerlauf eines "In-sich-Kreisens". Schumann warnte nicht grundlos, das Stück könne durch zu schnelle Tempi ruiniert werden. In der Interpretation durch die junge Geigerin Isabelle Faust (bei ihrem Debüt mit den einfühlsam assistierenden Philharmonikern) erwiesen sich diesbezügliche Sorgen schnell als unbegründet. Mit dem dunklen, herben Ton ihrer "Dornröschen"-Stradivari spürte sie intensiv den Abgründen der Musik nach, versenkte sich in das knapp 40 Takte währende Verdämmern im ersten Satz (das Klarinette und Oboe - dolce - mit herzbewegenden Phrasen begleiteten) und bewies, wie organisch sich die zahlreichen Trillerfiguren in den Melodiefluss einfügen. Den immer wieder erlahmenden Polonaise-Rhythmus im Finalsatz (Joachim sprach von einer charakteristischen Starrheit des Themas, das in der Entwicklung monoton werde) traf sie mit wohldosierter Mischung aus Impulsen und Resignation. Das alles fügte sich zu einer atmosphärisch dichten Wiedergabe, die die Vernachlässigung dieses Konzerts im gängigen Repertoirebetrieb vollends unverständlich macht.

Den Abschluss des Konzertes bildete Schumanns 2. Sinfonie, die gut sieben Jahre vor dem Violinkonzert entstand. Oramo sieht sie weniger aus dem Blickwinkel der Beethoven-Nachfolge, sondern eher in der Tradition von Mendelssohns Sommernachtstraum-Musik: schlank und zügig das einleitende Sostenuto assai, beherzt, rhythmisch-federnd das Allegro vivace des Scherzos. Das Adagio, obschon im Zeitmaß nicht sehr verhalten, atmete dennoch die Sehnsucht nach Mystik und Frieden. Und das Ende geriet dann konsequenterweise weniger turbulent, als luftig und heiter, wie in das Licht eines südländischen Sommertages getaucht.



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