18. Oktober 2009
Philharmonie

Der Kaiserin neue Kleider

Cecilia Bartoli mit ihrem neuen Programm in der Berliner Philharmonie

Programm

Nicolò Porpora
Meride e Selinunte: Sinfonia, Siface: "Come nave in mezzo all'onde"
Semiramide riconosciuta: "In braccio a mille furie"
Germanico in Germania: Overtura; "Parto, ti lascio, o cara"
Siface: "Usignolo sventurato"
Il Gedeone; Overtura, Perdono, amata Nice; Overtura
Adelaide: "Nobil onda"

Antonio Caldara
Sedecia: "Profezie, di me diceste"
La morte d'Abel: "Quel buon pastor son io"

Francesco Maria Veracini
Ouvertüre Nr. 6 g-Moll

Leonardo Vinci Medeo
"Cervo in bosco se l'impiaga"
Alessandro nelle Indie: "Quanto invidio la sorte" - "Chi vive amante"

Leonardo Leo
Zenobia in Palmira: "Qual farfalla innamorata"

Francesco Araia
Berenice: "Cadrò, ma qual si mira"

Carl Heinrich Graun
Demofoonte: "Misero pargoletto"

Alessandro Scarlatti
Sinfonia di concerto grosso Nr. 5 d-Moll

Mitwirkende

Cecilia Bartoli - Mezzosopran
Orchestra La Scintilla an der Oper Zürich
Ada Pesch - Konzertmeisterin und Leitung

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Der Kaiserin neue Kleider

Cecilia Bartoli mit ihrem neuen Programm in der Berliner Philharmonie

Von Leyla Jasper / Foto: Decca / Uli Weber


Cecilia Bartoli
Foto: Decca / Uli Weber

Es ist wohl das amüsanteste Bild von Cecilia Bartoli: nicht als Frau, sondern als Mann! Der schöne, dunkellockige Kopf der Italienerin krönt den Körper eines nackten Marmorjünglings. Diese Fotocollage schmückt das Cover ihres neuen CD-Albums Sacrificium, das in diesem Herbst erschienen ist und mit dessen Programm die Sängerin jetzt quer durch Europa tourt.

Cecilia Bartoli überrascht gern mit unbekannten Werken. Sie hat sich das Image einer nicht nur temperamentvollen, sondern auch intellektuellen Sängerin verschafft, die gerne in den Archiven wühlt, vergessene musikalische Schätze entstaubt und sie stolz dem Publikum präsentiert. Mal fühlt sich die gebürtige Römerin von Vivaldi fasziniert, mal von Salieri, mal von Maria Malibran. In dieser Saison sind es eben die Kastraten, die ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Die armen verstümmelten Sänger der Vergangenheit tun Bartoli wirklich leid. "Sacrificed in the name of music", erklärt Cecilia sehr emotional in dem Videoblog auf ihrer Internetseite. Doch die für Verstümmelte geschriebene Musik ist schön. Die Sängerin scheint wirklich hingerissen zu sein von der Möglichkeit, die in Vergessenheit geratenen Kastratenarien dem Publikum nahe zu bringen.

Cecilia Bartoli stellte das neue Programm zusammen mit dem Orchester für Alte Musik La Scintilla in der Berliner Philharmonie vor und wurde vom Publikum frenetisch gefeiert. Warum auch nicht? Statt eines langweiligen Konzertes schuf Bartoli eine perfekt durchdachte Show - eine wahre Maskerade "in the name of music"!

Zuerst erschien die Sängerin schwarz-weiß-rot: ein schwarzer Umhang mit rotem Futter, darunter - ein schwarzer Gehrock, ein weißes Hemd mit üppigem Jabot und wehenden Volants an den Ärmeln, ein Dreispitz auf dem Kopf, blutrote Handschuhe. Am witzigsten sahen die schwarzen Stiefel mit den roten Sohlen aus. Dabei ging es in der ersten Arie von Porpora um "deine Gedanken, die sich verirren, wie ein Schiff inmitten der Wellen". Was hat das mit dem effektvollen Outfit zu tun? Darüber rätselte der Zuhörer. Praktischerweise war Cecilia Bartoli nach dem "Zwiebelprinzip" angezogen. Dies ermöglichte ihr, sich im Laufe des Abends nach und nach der Kleidungsstücke zu entledigen. Beim ersten Erscheinen warf Bartoli ihren Hut ab. Zur zweiten Arie zeigte sie sich ohne schwarz-roten Umhang und blutige Handschuhe; zur dritten ohne Gehrock; zur vierten ohne schwarzes Jackett; zur fünften ohne schwarze Weste. "Das kann ja heiter werden", dachte ich. "Wie weit wird sie es wohl mit dem Striptease treiben?" Doch Gott sei Dank besann sich die Sängerin und stoppte rechtzeitig ihre Entkleidungslust. Nun stand sie auf der Bühne - oben weiß, unten schwarz - und trug die Kastratenarien vor. Aber so langweilig schwarz-weiß blieb die temperamentvolle Römerin nicht lange. Zu den letzten zwei Arien des Programms gab es wieder eine Verwandlung. Bartoli behielt ihre schwarzgestiefelten Männerbeine, aber das weiße Jabot-Hemd tauschte sie gegen ein goldenes Korsett ein: oben Frau, unten Mann. Dazu drapierte die Sängerin eine rote Schleppe um die Taille: hinten Frau, vorne Mann. Was für ein Jubel im Publikum! Ja, Cecilia weiß, wie man die Herzen erobern soll. Zur Zugabe gab es schon wieder eine Erneuerung im Outfit: riesige rote Federn auf dem Kopf. Was für ein Geschrei der Entzückung unter den Zuhörern! Insbesondere, als Cecilia keck die Federn aus dem Haar herausriss und sie in die Luft schleuderte.

Aber der Gesang war leider enttäuschend. Der erste Eindruck: Was ist los mit der Stimme der Sängerin? Sie ist zwar sehr beweglich, aber kaum zu vernehmen in dem großen Saal der Philharmonie. Die Töne kommen aus der Kehle und nicht aus der Brust. Und das ausgerechnet bei den Kastratenarien, die einem Sänger viel Glanz und wahre Virtuosität abverlangen! Schönes pianissimo, piano, mezzopiano oder mezzoforte - doch kein einziges forte wurde im Laufe des Abends erreicht. Überhaupt schien Bartoli als Künstlerin gar nicht wirklich inspiriert zu sein von den Werken, die sie vortrug. Die Wahl des Programms war wohl eine reine Kopfentscheidung und nicht die Herzensangelegenheit.

Übrigens sind diese Mängel nicht den Aufnahmen der Sängerin anzumerken: Die moderne Tonaufnahmetechnik vollbringt wahre Wunder. Und im Live-Auftritt wird die Aufmerksamkeit der Zuhörer mit allen möglichen Tricks auf andere Dinge gelenkt: auf Kleidung, auf Geste, auf Mimik. Die Sängerin ist ja so lebendig! Sie singt nicht nur - sie kleidet sich um, dirigiert das Orchester, schlägt den Takt mit dem gestiefelten Bein, macht Runden auf der Bühne wie eine Zirkusartistin in der Manege… Wie kann man sie nicht lieben? Ja, man ist bereit, für eine Karte zwischen 60 und 110 Euro auszugeben - sogar in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Der Saal war komplett ausverkauft, und keiner hat es wohl bereut.



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