2. Dezember 2009
Deutsche Oper Berlin

Schau mal Mutti! Ein Esel!

Katharina Thalbach inszeniert den Barbier von Sevilla an der DOB

Programm

Gioacchino Rossini
Der Barbier von Sevilla

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Enrique Mazzola
Inszenierung: Katharina Thalbach
Spielleitung: Claudia Gotta
Bühne: Momme Röhrbein
Kostüme: Guido Maria Kretschmer
Dramaturgie: Angelika Maidowski
Chöre: Thomas Richter
Künstlerischer Produktionsleiter: Christian Baier

Graf Almaviva: Lawrence Brownlee
Bartolo: Maurizio Muraro
Rosina: Jana Kurucová
Figaro: Markus Brück
Basilio: Ante Jerkunica
Fiorello: Nathan De'Shon Myers
Berta: Hulkar Sabirova
Ein Offizier: Ben Wagner
Ein Notar: Antje Brameyer

Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin

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Schau mal Mutti! Ein Esel!

Katharina Thalbach inszeniert den Barbier von Sevilla an der DOB

Von Heiko Schon / Fotos: Matthias Horn im Auftrag der Deutschen Oper Berlin


Der Barbier von Sevilla - Deutsche Oper Berlin
Jana Kurucová (Rosina)
Foto: Matthias Horn im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Die Beschreibung zu einem neu inszenierten Stück Musiktheater auf einen Punkt zu bringen, ist ein schwieriges, wenn nicht sogar unmögliches Unterfangen. Aber vielleicht reichen drei davon - los geht's:

Punkt 1: Auch Katharina Thalbach kommt an Ruth Berghaus nicht vorbei! Das bedeutet zunächst, dass die Kult-Inszenierung, die noch immer an der Staatsoper läuft, ihre Pole Position unter den hauptstädtischen Barbieren weiterhin behaupten kann. Natürlich ist es nicht gut, etwas auf den Sockel zu stellen und immer wieder Vergleiche zwischen der neuen und der alten Freundin zu ziehen, aber - sorry, Kathi - es ist nun mal so. Mit dem "Nicht-Vorbeikommen" ist daneben auch das Bühnenbild der Neuproduktion gemeint. Denn ob das Thalbach nun bewusst gewollt hat oder nicht: Ihr Griff zum Element "Theater im Theater" zitiert die Regie ihrer verstorbenen Kollegin. Dass die Schiebegardinen von Momme Röhrbein etwas bunter ausfallen als die von Achim Freyer ändert daran nicht das Geringste.


Der Barbier von Sevilla - Deutsche Oper Berlin
Lawrence Brownlee (Alamaviva)
Foto: Matthias Horn im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Punkt 2: Rossinis komische Opern sind, gerade von der Handlung her, irgendwie immer das Gleiche. Es ist vollkommen schnurz, wer sich - gemäß des Titels - gerade in welcher Stadt oder welchem Land aufhält: Stets geben die Inhalte kultur- und geschlechtsspezifische Verwicklungen vor. Da verwirrt der eine den anderen. Und nach allerhand schweineulkigen Intrigen gewinnt der Tenor den Kampf um das weibliche Objekt der Begierde. Am Schluss also: Friede, Freude, Eierkuchen - und keine Toten. Aufgrund seiner kompositorischen Raffinesse hat es Der Barbier von Sevilla an die Spitze dieser Reihe geschafft. Zudem kann das Werk mit dem Fi-ga-ro (untermauert seinen Ruf als bester, vielseitigster DOB-Ensemblesänger: Markus Brück) einen echten "everybody's darling" aufbieten.


Der Barbier von Sevilla - Deutsche Oper Berlin
Markus Brück (Barbier)
Foto: Matthias Horn im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Punkt 3: Wer bei einer Inszenierung den tieferen Sinn sucht, sollte bei diesem Abend aufpassen, oder besser gesagt, nicht aufpassen. Einfach nur zurücklehnen und unterhalten lassen. Denn: Es gibt hier keinen tieferen Sinn, keine Logik. Ein Schabernack ist's, eine Narretei. Schon die Ouvertüre gerät zum Spaß am laufenden Band: Tippelnde Nonnen, ein Oldtimer, ein echtes Eselchen und ein Traktor (der besagte Theaterbühne hereinzieht) überqueren den Platz - ein temporeicher Start. Almaviva (leicht meckerndes Parlando, aber betörendes Timbre: Lawrence Brownlee) gesellt sich zu den Gypsy Kings, Figaro stellt seinen Salon vor und Bartolo (souverän: Maurizio Muraro) sollte mal zum Arzt gehen, sooft kratzt er sich am Sack. Mit der Auftrittsarie der Rosina (liebreizend, gute Koloratur, ausbaufähige Höhe: Jana Kurucová) startet nicht nur das Stück im Stück, sondern auch eine rückwärtsgewandte Kostümierung. Wer an der Stelle zu lange überlegt, was dieser Schnitt für einen Grund hat, versäumt die Scherze rechts, links, unten und vor allem oben. Die einfache Aussage lautet: Witzigkeit kennt keine Grenzen! Und keine Epoche. Genau genommen inszeniert Thalbach dieses Stück nicht, sie quetscht einfach so viel Schmiere in die Unterhaltungsmaschine, damit der Zuschauer bis zum Schlussvorhang bei Laune gehalten wird. Und in dem Punkt hat Thalbach ihren Job verdammt gut gemacht.

Dirigent Enrique Mazzola bevorzugt dagegen kontrollierte Eleganz und technische Genauigkeit. Lockere Zügel und ein paar Kapriolen hätten da besser gepasst. Von einem geringfügig dumpfen Klang abgesehen, spielte das Orchester der Deutschen Oper einen geschlossenen, formschönen Rossini auf.



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