02. Dezember 2009
Komische Oper Berlin

Tödliche Liebschaften

Wiederaufnahme von Armida in der Inszenierung von Calixto Bieito an der KOB

Programm

Christoph Willibald Gluck
Armida

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Konrad Junghänel
Inszenierung: Calixto Bieito
Spielleitung: Sibylle Polster
Bühnenbild: Rebecca Ringst
Kostüme: Ingo Krügler
Dramaturgie: Bettina Auer
Chöre: Robert Heimann
Lichtgestaltung: Franck Evin

Armida: Caroline Melzer
Hidraot: Carsten Sabrowski
Rinaldo: Michael Smallwood
Artemidoro: Christoph Schröter
Ubaldo: Günter Papendell
Der dänische Ritter: Thomas Ebenstein
Phénice: Olivia Vermeulen
Sidonie: Julia Giebel
Aronte: Hans-Peter Scheidegger
Der Hass: Karolina Gumos
Ein Dämon in Gestalt der Melissa: Anna Borchers
Der Mann mit der Schlange: Carsten Wykrota

Chorsolisten und Komparserie der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin

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Tödliche Liebschaften

Wiederaufnahme von Armida in der Inszenierung von Calixto Bieito an der KOB

Von Hans Beckers / Fotos: David Baltzer


Armida - Komische Oper Berlin
Olivia Vermeulen (Phénice) - Michel Podwojski (Kreuzritter)
Foto: David Baltzer

"Von allen Dramen Glucks hat keines eine so wechselvolle, farbenreiche Handlung, so romantische Charaktere und Situationen, keines endlich gestattet eine so prunkvolle, die Phantasie zauberisch anregende Ausstattung wie Armida. Ohne alles dasjenige, was es in Armida zu schauen gibt, hätte diese, bloß auf ihre musikalische Wirkung gestellt, nur durch unvergleichliche Einzelheiten, aber schwerlich als Ganzes einen unbestrittenen Sieg erfochten. Wir konnten uns nicht verhehlen, dass Glucks Individualität und sein ganzes Stilprinzip einem eminent romantischen Stoffe wie Armida nicht günstig gewesen." So urteilte die Kritikerlegende Eduard Hanslick anlässlich einer Aufführung von Glucks heroischem Drama in Wien. Die Handlung: Hidraot, ein mächtiger heidnischer Zauberer regt seine ebenfalls in Zauberkünsten bewanderte Nichte Armida an, den kühnsten christlichen Ritter (Rinaldo) zu behexen und gefangen zu halten, um ihn so an der Kreuzzugsteilnahme zu hindern. Armida aber erlebt ein Wechselbad der Gefühle, ihr Hass wandelt sich in Liebe, die tragischerweise nicht erwidert wird.

Was Hanslick möglicherweise übersah: Die romantische Rittergeschichte, die von Torquato Tassos Befreitem Jerusalem inspiriert ist, diente Gluck bestenfalls als Appetitanreger für seine Zeitgenossen. Gluck interessierte eigentlich nur das psychologische Drama, das sich in einer Frau abspielt, die zugleich liebt und hasst. Deshalb gestaltete er die Figur der Armida so reich an Facetten wie kaum eine andere seiner Frauengestalten.

Es ist deshalb nur konsequent, wenn der katalanische Regisseur Calixto Bieito diesen Ansatzpunkt auch für seine Inszenierung an der Komischen Oper Berlin wählt. Dass er dafür sein spezielles Bilderrepertoire und exzessives Körpertheater bemühen würde, das drastische als auch stilisierte Phantasien von Erotik und Gewalt vorführt, überrascht nicht wirklich. Die Zeiten der Kreuzzüge oder des Rokoko (Uraufführung 1777) sind nur noch in rudimentären Kostümzitaten präsent. Armida ist eine Frau der Gegenwart und hat demzufolge auch deren verdrängte oder unausgesprochene Probleme, Wünsche und Begehrlichkeiten. Und die sind bei Bieito sexueller Natur.


Armida - Komische Oper Berlin
Maria Bengtsson (Armida) - Karolina Andersson (Sidonie)
Foto: David Baltzer

Beschrieb Tasso Armidas Palast als von prächtigen Gärten umgeben, deren Wonnen alle Sinne erfüllen und worin Blumen und Früchte in einem ewigen Frühling gedeihen, so setzt Rebecca Ringst einen nicht minder fabelhaften Bau dagegen, der eine polierte, kristalline Kälte ausstrahlt, die durch virtuosen Lichteinsatz noch potenziert wird. Selbst die aus dem Bühnenhimmel herabhängenden "bubble chairs" aus Acrylglas sind noch in Bieitos Sinn konnotiert, seit ein amerikanisches Model mit dem bezeichnenden Namen Carmen(!) Electra(!) vor Jahren in einem solchen Möbel auf dem Cover eines Männermagazins posierte. Armidas Reich der Verführung bevölkert ein gutes Dutzend textilfreier Lustknaben, die sich der Zauberin und ihrer weiblichen Gefolgschaft in den unterschiedlichsten sexuellen Praktiken bis hin zur Folter unterwerfen. Sie dienen im Übrigen auch als Staffage in der kurzen Szene im Trainingscamp Rinaldos, der sich boxend im Sparringskampf für große Aufgaben fit hält.

Dieser Rinaldo gewinnt nicht recht an Kontur. Michael Smallwood bleibt in seiner großen Arie, die von blühenden Landschaften schwärmt, aber im Grunde Armidas Schönheit beschreibt, zu verhalten, zu neutral. Man vermisst die lyrischen Emphase eines entflammten Liebhabers. Am Ende entlarven ihn seine pöbelnden Kumpane als charakterschwachen Karrieristen.

Gerade für die gefährliche Liebschaft zwischen Armida und Rinaldo greift Bieito zu gerne auf die schon zur Genüge vorgeführten Klischees zurück. Nicht zufällig wird daher die Begegnung Armidas mit der von ihr selbst evozierten allegorischen Figur des Hasses zu einem Höhepunkt des Abends. Hier feuert Karolina Gumos, im kleinen Schwarzen und mit einem Strauss roter Rosen bewaffnet, wahre Mezzo-Breitseiten ab, ohne der Versuchung zum Forcieren zu erliegen. Hier kann auch der Opernchor zur steigernden Wirkung kraftvoll beitragen. Das für Rinaldo tödliche Ende beginnt dagegen wie ein kleinbürgerliches Beziehungsdrama am Küchentisch (nach dem Motto: wir müssen jetzt mal reden) und mündet mit Armidas Fluch als großer theatralischer Operngeste auf der ins Nichts zurückfahrenden Balustrade. Zuvor hat sie aus lauter Wut und Verzweiflung den unwürdigen Geliebten mit einem Pistolenschuss niedergestreckt.


Armida - Komische Oper Berlin
Maria Bengtsson (Armida) - Maria Gortsevskaya (Der Hass)
Foto: David Baltzer

Die größten Herausforderungen, sowohl sängerisch als auch darstellerisch, stellen sich für die Sängerin der Titelpartie. Caroline Melzer singt in der Wiederaufnahme anstelle von Maria Bengtsson die Armida. Sie beginnt so verhalten, dass man ihr den alles beherrschenden Kontrollfreak nicht recht abnimmt. Den lyrischen und leisen Abschnitten der einsetzenden Unsicherheit und der bohrenden Selbstbefragung kommt dies gleichwohl an Verinnerlichung zu Gute. Dennoch fürchtet man bisweilen um die Tragfähigkeit der Stimme. Umso erstaunter ist man über die Kraftreserven für den von Gluck so grandios konzipierten Abgang. Die weiteren Aufführungen werden eine optimierte Einsetzung der stimmlichen Mittel ganz natürlich mit sich bringen.

Auch die kleineren Partien sind ansprechend besetzt. Olivia Vermeulen und Julia Giebel treffen als Armidas Vertraute deren liedhaft-geschwätzigen Tonfall zuverlässig, Carsten Sabrowski verkörpert den Hidraot mit barocker Wucht, der profunde Ubaldo von Günter Papendell läßt ebenfalls aufhorchen.

Gegen den von Bieito entfachten Bildersturm kann sich nur Musik behaupten, die mit adäquater Sogwirkung dagegen hält. Und die entfacht Konrad Junghänel unentwegt über die fünf Akte hinweg am Pult des mit viel Leidenschaft und in guter Form aufspielenden Orchesters der Komischen Oper (ein Sonderlob den Holzbläsern). Junghänel hat ein Gespür insbesondere für die Innovationen des Opernreformators Gluck. Wie die Figuren einander unmittelbar Rede und Antwort stehen, weil das Korsett der Nummernoper zum Wohl der dramatischen Zuspitzung weitgehend aufgebrochen ist, wie jähe Stimmungsumschwünge sich kontrastierend ablösen, wie die Musik die Psyche der Figuren aufschließt - das alles demonstriert er wie selbstverständlich. Kleinere Unebenheiten schmälern den Gesamteindruck nicht. Glucks großartige Musik ist die Anstrengung (und den Besuch der Aufführung) allemal wert.



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