23. August 2008
Waldbühne

Bonjour Tristesse!

Barenboims West-Eastern Divan Orchestra mit mittelmäßiger Spielspaßfreude vor pseudo-antiker Kulisse

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für drei Klaviere und Orchester Nr. 7 F-Dur KV 242, "Lodron-Konzert"

Richard Wagner
Die Walküre, Erster Aufzug (Konzertante Aufführung)

Mitwirkende

West-Eastern Divan Orchestra
Daniel Barenboim - Dirigent und Klavier
Yael Kareth - Klavier
Karim Said - Klavier
Waltraud Meier - Sopran (Sieglinde)
Simon O'Neill - Tenor (Siegmund)
René Pape - Bass (Hunding)

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Bonjour Tristesse!

Barenboims West-Eastern Divan Orchestra mit mittelmäßiger Spielspaßfreude vor pseudo-antiker Kulisse

Von Beatrice Siering / Foto: Luis Castilla

Samstag, kurz vor 20 Uhr. Es ist noch hell. Die Ränge der Berliner Waldbühne füllen sich. Auf dem Programm steht zunächst Mozarts Konzert für drei Klaviere und Orchester Nr. 7. Ein kleines, aber feines Stück. Am Klavier Yael Kareth, Karim Said und Daniel Barenboim. Daneben das West-Eastern Divan Orchestra - ein Musikprojekt für junge israelische, arabische und andalusische Musiker. Ein Projekt für Völkerverständigung, das verbindet.

Barenboim dirigiert vom Flügel aus. Der erste Satz: Allegro. Das Orchester beschwingt in der für Mozart so typisch leichten und unbeschwerten Art. Doch gerade darin trennt sich die Spreu vom Weizen. Denn es ist diese Leichtigkeit, die gnadenlos jeden Fehler hörbar macht: die Ungenauigkeit der Einsätze bei den Bläsern, die Asynchronität der drei Pianisten oder die zögerlichen Ritardandi der Orchestermusiker, wenn Barenboim mit seinen Händen am Flügel beschäftigt ist.

Im 2. Satz elegische, schöne Spannungsbögen. Hier spürt der Hörer, wie die Streicher mit den Bläsern diskutieren, sich die Oboe mit der Flöte einen kleinen Disput liefert und einzelne musikalische Gedanken der Solisten vom Orchester aufgenommen werden. Sehr diffizil und gut geprobt. Der 3. Satz dann die Symbiose. Auch hier sehr schöne Dialoge. Nach zirka einer halben Stunde ein eher unspektakulärer Schluss. Bedeckter Applaus.

WEDO, Barenboim

Zeit für ein Picknick. Die wärmenden Decken werden hervorgeholt, Kerzen angezündet und die Sitzplätze innerhalb der Kategorien getauscht. Mittlerweile ist es dunkel, auf der Bühne großer Umbau. In der zweiten Hälfte steht Wagner auf dem Programm. Genauer gesagt Die Walküre, 1. Akt, konzertant. Die Besetzung hochkarätig. Der vielfach gefeierte Simon O'Neill als Siegmund, die Mezzosopranistin und Wagner-Expertin Waltraud Meier als Sieglinde und der nicht weniger bekannte Bassist René Pape in der Rolle des Hunding. Das verspricht Hochgenuss vom Feinsten.

Schon nach kurzer Zeit betritt Siegmund die Szene. Er ist auf der Flucht und bittet die Hausherrin Sieglinde um ein Nachtlager. Diese fühlt sich magisch zu dem Fremden hingezogen. Wenig später tritt der Hausherr hinzu. Hunding erkennt in Siegmund den Mann, dem die eigene Sippe Rache geschworen hat. Er fordert ihn zum Duell. Doch Sieglinde identifiziert Siegmund als ihren geliebten Zwillingsbruder und mischt dem Anvermählten einen Schlaftrunk. Gemeinsam fliehen sie. Zentrales Motiv der Szene: das Schwert. Das bringt Siegmund in seine Gewalt und gelangt damit zu ungeheurer Kraft.

Schon in den ersten Takten: die Bläser ungewöhnlich unsauber. Es schmerzt fast in den Ohren. Doch Simon O'Neill in der Rolle des Siegmund reißt das Ruder herum. Äußerst souverän und ausdrucksstark bringt er die Geschichte voran. Die Anfangstakte sind vergessen. Auch die ersten Celli wunderbar satt und kraftstrotzend. Auftritt Sieglinde alias Waltraud Meier: intonationssicher und sonor. Doch irgend etwas fehlt. Die Ausstrahlung? Der Interpretationswille? Die Interaktion mit Siegmund und später auch Hunding, die Wagners Gesamtkunstwerk fordert? Oder ist es einfach die große Distanz zur Bühne, die den Funken einfach nicht überspringen lässt? Wo bleibt das Drama? Wo die Emotionen?

Einziger Lichtblick: René Papes Artikulationsvielfalt und sein unbedingter Wille, die Musik zum Leuchten zu bringen. Das gelingt ihm nur bedingt. Denn gerade sein Stimmvolumen mag für den Konzertsaal völlig ausreichen, aber für ein Open Air Spektakel der Waldbühne mit 22.000 Sitzplätzen? Auch die Interaktion mit den Kollegen - eher mittelmäßig. Dazu immer wieder die Bläser mit gravierenden Patzern.

Der heimliche Blick zur Uhr - noch eine halbe Stunde. Das kann nicht sein! Plan B muss her. Und der heißt: nicht ärgern, sondern sich über die Stärken freuen. Und die liegen eindeutig bei Barenboim, den Streichern und der ungewöhnlichen Kulisse.

Nach einer guten Stunde: stehende Ovationen. Huch! Hab ich da irgendwas verpasst? War ich im falschen Konzert? Eines aber muss man der Veranstaltung lassen. Die Akustik war einmalig - großes Lob und zum Nachahmen empfohlen!



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