30. März 2008
Kammermusiksaal

Lausbube und Tastenlöwe

Berlin-Debüt des litauischen Pianisten Kasparas Uinskas

Programm

Sergei Rachmaninow
Étude-Tableau c-Moll op. 33 Nr. 3

Joseph Haydn
Sonate in F-Dur Nr. 38, Hob. XVI:23

Frédéric Chopin
Nocturne f-Moll op. 55 Nr. 1

Alexander Skrjabin
Fantasie h-moll op. 28

Frédéric Chopin
Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39

Balys Dvarionas
Drei Stücke aus "Winterskizzen" für Klavier

Sergei Rachmaninow
Sonate Nr. 2 b-Moll op. 36

Mitwirkende

Kasparas Uinskas - Klavier

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Lausbube und Tastenlöwe

Berlin-Debüt des litauischen Pianisten Kasparas Uinskas

Von Antje Rößler

Mal wieder ein Klavierabend im Kammermusiksaal - das ist wirklich nichts Besonderes im reichhaltigen Berliner Musikleben. Und dennoch: Der Auftritt des litauischen Pianisten Kasparas Uinskas lässt sich nicht einfach unter "ferner liefen" verbuchen.

Kasparas Uinskas

Es war das Berliner Debüt eines 29-jährigen aus Vilnius stammenden Pianisten, dem man zunächst einmal eine souveräne Klaviertechnik attestieren kann: Kasparas Uinskas beherrscht das kräftige zupackende Spiel ebenso wie leichthändig perlendes Leggiero und transparente Pianissimo-Kantilenen. Dabei bot der Musiker ein selten ehrgeiziges und vielfältiges Programm: von Haydn und Chopin über die Russen Skrjabin und Rachmaninow bis zu dem litauischen Komponisten Balys Dvarionas. Nur auf den ersten Blick wirkt dieser Ablauf wie ein Potpourri. Uinskas hat eine ausgefeilte Dramaturgie entworfen, in der Tonarten und Stimmungen Sinnzusammenhänge stifteten.

Los ging es mit Rachmaninows Étude-Tableau c-Moll, die mit ihren breitgefächerten Akkordbrechungen eine Art Vorhang bildete, eine Ouvertüre für die folgende Haydn-Sonate. Uinskas kleidete das Haydnsche Sturm-und-Drang-Stück in ein romantisches Gewand. Historisch korrekt ist das nicht, dennoch vermochte man seiner Interpretation in den ungestüm daherpreschenden und gleichzeitig durchsichtigen Ecksätzen durchaus etwas abzugewinnen. Im langsamen Mittelsatz war jedoch der Einsatz des Pedals zu gewagt, so dass sich die Artikulation in Nebel auflöste.

Von Haydns F-Dur-Sonate zu Chopins Nocturne f-Moll - mit dieser Folge gestaltete Uinskas einen effektvollen Tonarten-Wechsel. Zu Chopin hat der Pianist eine besonders enge Beziehung, und der polnische Komponist steht auch im Mittelpunkt seiner 2006 in Litauen erschienenen Debüt-CD. Im Nocturne gelang Uinskas ein lebhafter Kontrast zwischen dem elegischen Beginn und dem temperamentvollen Mittelteil. Das Scherzo Nr. 3 ging er jedoch zu rasant an; darunter litt die Nuancierung. Skrjabins archaisch-wilde Fantasie h-Moll bildete den Höhepunkt an emotionaler Intensität. Der zuvor eher introvertiert agierende Pianist bewies hier, dass ihm auch die kräftigen, nahezu ekstatischen Akkordballungen gut in den Fingern liegen.

Nach der Pause gab es eine besondere Rarität: Ein Werk des hierzulande unbekannten litauischen Komponisten Balys Dvarionas. Der 1904 Geborene war der spätromantischen Tonsprache verpflichtet, die er jedoch mit Elementen litauischer Folklore einfärbte. Solcherart bekam er mit den staatlichen Vorgaben des Sozialistischen Realismus keine Probleme; er erhielt sogar Stalinpreis und Leninorden. Die 1953 entstandenen Winterskizzen sind jedoch gänzlich unpolitisch; Dvarionas schrieb den Zyklus als Unterrichtswerk für die eigene Tochter. Hier ließ Kasparas Uinskas ein kindlich verschmitztes, fast lausbubenhaftes Wesen aufblitzen. Auch sonst scheint sich der Pianist in kindliche Welten gut einfühlen zu können: Er hat ein Unterrichtsprogramm entworfen, mit dem er der Jugend die klassische Musik nahebringen will; 30 Schulen in Vilnius hat er damit bereits besucht.

Schließlich - und das bewies abermals seine pianistische Wandlungsfähigkeit - wurde Uinskas zum Tastenlöwen: Er beschloss den Abend mit Rachmaninows halsbrecherisch fingerakrobatischer b-Moll-Sonate. Das kräftezehrende und mit technischen Finessen gespickte Stück bewältigte er virtuos: von den schwierigen Akkordrepetitionen des Beginns über quasi-orchestrale Klangkaskaden bis zur rasanten Stretta im fortissimo. Hier merkte man, dass Uinskas den großen Wladimir Horowitz als Vorbild auserkoren hat.

Kurzum, Kasparas Uinskas lässt aufhorchen. Auch wenn dies sein Debüt in Berlin war, am Anfang seiner künstlerischen Entwicklung steht dieser Pianist nicht mehr. Die Technik lässt wenig zu wünschen übrig; auch interpretatorisch ist das Spiel über große Strecken bereits ausgereift. Zwar wünschte man sich in Zukunft eine weitere Ausdifferenzierung und Abschattierung des mittleren Lautstärkebereichs - die Aufmerksamkeit des internationalen Publikums hat dieser Pianist gleichwohl verdient.



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