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23. November 2008 Komische Oper Berlin Wie einen Stier bei den EiernHans Neuenfels und Carl St. Clair packen Verdis La Traviata an |
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ProgrammGiuseppe VerdiLa Traviata |
MitwirkendeKomische Oper BerlinMusikalische Leitung: Carl St. Clair Inszenierung: Hans Neuenfels Regiemitarbeit: Susann Øglænd Bühnenbild: Christof Hetzer Kostüme: Elina Schnizler Dramaturgie: Bettina Auer Chöre: Robert Heimann Licht: Franck Evin Violetta Valéry: Sinéad Mulhern Flora Bervoix: Karolina Gumos Annina: Christiane Oertel Alfredo Germont: Timothy Richards Giorgio Germont: Aris Argiris Gaston: Adrian Strooper Baron Douphol: Hans-Peter Scheidegger Marquis d'Obigny: Jan Martinik Doktor Grenvil: Carsten Sabrowski Der Zuhälter: Christian Natter Joseph: Christoph Schröter Ein Kommissionär: Matthias Spenke Drei Diener: Simon Berger, Piero von Jaduczynski, Matthias Schönijan Chorsolisten und Orchester der Komischen Oper Berlin |
Wie einen Stier bei den EiernHans Neuenfels und Carl St. Clair packen Verdis La Traviata anVon Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus Hoffentlich liegt er für Hans Neuenfels selbst noch in weiter Ferne: der Blick zurück. Er, der an der Welt des heutigen (Musik-)Theaters so liebevoll-unartig, so unartig-liebevoll, so entscheidend mitgebastelt hat, möge uns allen noch lange, lange erhalten bleiben. Und doch muss vielleicht jetzt ein Schlussstrich gezogen werden: nämlich der unter das Kapitel "Neuenfels trifft Verdi". Neuenfels betrat 1974 mit dem Troubadour in Nürnberg die Opernwelt, provozierte mit Aida nicht nur Frankfurts aristokratische Banken-Schickeria, konnte sich ganze viermal in dessen Werken an der Deutschen Oper Berlin austoben. Mag Neuenfels die Wiederaufnahmen unter der Intendanz von Kirsten Harms auch als - Zitat - Scheiße bezeichnen: Es ist immer noch das szenisch Spannendste, was an dem Hause überhaupt läuft. Kein Wunder also, dass Andreas Homoki dem Regisseur an der KOB eine neue Heimat bot und - mit Blick auf Verdi - womöglich sagte: Hans, mach uns noch einmal den Neuenfels. Und Neuenfels kommt dieser Bitte nach und lässt die Puppe aller Puppen tanzen: Verdis Violetta.
Das vorhersehbare Leben einer Frau führt sie von der Hochzeit zur Schwangerschaft, vom Mutti-Dasein zur Witwe. Die Entscheidung, von diesem rechten Wege abzukommen, befürwortet Neuenfels mit drastischen Worten im Programmheft und einer satirischen Abfolge während der Introduktion. Er sieht in der Geradlinigkeit einen - wieder Zitat - schnöden, öden, blöden und auch gefährlichen Weg. So oder so: Allein geht keiner gern. Also schickt Neuenfels seine Violetta mit einem "Zuhälter" über nachtschwarze Spiegelflächen. Und Christian Natter gibt eine gute (und gut aussehende) Figur ab - selbst dann, wenn er - als Violettas männliches Pendant - von Liebe und Libido, von Herz und Klöten lassen muss. Zu den typisch neuenfelschen Ingredienzien gehört freilich auch das Kuriositätenkabinett: Flora (quirlig: Karolina Gumos) eilt als Gemisch aus Partymaus und Ethno-Hexe heran, Gaston scheint einem Science-Fiction-Thriller entsprungen zu sein, Doktor Grenvil trägt als Mr. Sandman die tödlichen Träume direkt ans Kurtisanenbett und Papa Germont stellt auf klobigem Bocksfuß Violetta nach wie einst Pan der Nymphe Syrinx.
Rein führungstechnisch gelingen vor allem die Ensembleszenen, etwa wenn Violetta ihre Gäste zur Stretta nach Hause schickt. Neuenfels bringt die Szene der Zigeunerinnen und spanischen Stierkämpfer auf den Punkt. Mechanisch zappeln sich die Damen des Chores noch durch das kleinste musikalische Detail - Treffer! Versenkt! Und dennoch fügen sich diese vielen kleinen, feinen Nadelstiche nicht zu einem großen Ganzen, wirkt vieles halbherzig, ja fast unausgegoren. Mit welch heiß gelaufener Rübe verließ man dagegen die Produktionseinführung, als Regisseur und Dramaturgin den redseligen Bühnenbildner zurückpfeifen mussten. Dieser hatte über das Finale geplaudert, dass Alfredo ja zu spät käme und daher eine Exhumierung an der toten Violetta vornehme. Doch davon in der Praxis keine Spur mehr. Stattdessen das übliche Nichts eines dritten Traviata-Aktes inklusive Krankenlager. Woran lag es? Fehlte Neuenfels die Ausstattungsmuse Reinhard von der Thannen? Nichts gegen die Kostüme von Elina Schnizler, die haben ordentlich Raffinesse. Die Bühne indes schwächelt: Christof Hetzer ist außer einem strunzlangweiligen Schiebetürenapparat nichts eingefallen.
Die gesanglichen Ergebnisse fallen ähnlich gemischt aus. Sinéad Mulherns Violetta glänzt zwar in den lyrischen Passagen (gut für Akt 3), dafür mangelt es der Irin jedoch an virtuoser Koloraturtechnik (schlecht für Akt 1). Timothy Richards singt so wie sein Alfredo im zweiten Akt aussieht: offenherzig, naturburschenhaft - und leider vollkommen frei von zart schmelzender Tenorhöhe. Einzig Aris Agiris weiß mit beweglichem, volltönendem Stimmmaterial den Zuhörer auf seinen Giorgio einzuschwören und kassiert dafür verdientermaßen auch den meisten Applaus. Carl St. Clair sollte sich von einigen Buhs nicht einschüchtern lassen. Die kalte, analytische Lesart passt perfekt zur Inszenierung, die Abstimmung zwischen Graben und Chor - mit das Schwierigste der Traviata - verläuft fehlerlos und manche Einzelheit, wie z. B. die libellenflügelfeine Einleitung zum letzten Bild, erfreut ungemein. Dass St. Clair gelegentlich etwas zu schnell für die Sänger ist, mag der Premierennervosität geschuldet sein. Tja, schade, irgendwie. Vielleicht hat Neuenfels aber auch längst schon alles gesagt - also zu Verdi. Seine nächsten Haltestellen heißen Basel und Bayreuth. Und dort warten zwei Männer Richard Wagners auf ihn: Parsifal und Lohengrin. |