10. Februar 2008
Komische Oper Berlin

Antikendrama als Fernsehsoap

Neuinszenierung von Händels Theseus an der Komischen Oper

Programm

Georg Friedrich Händel
Theseus

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Alessandro de Marchi
Inszenierung - Benedikt von Peter
Bühnenbild - Natascha von Steiger
Kostüme - Katrin Wittig
Dramaturgie - Werner Hintze
Licht - Franck Evin
Video - Superjeans

Theseus: Elisabeth Starzinger
Agilea: Marina Rebeka
Medea: Stella Doufexis
Egeus: Hagen Matzeit
Clizia: Karolina Andersson
Arcane: David DQ Lee

Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin

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Antikendrama als Fernsehsoap

Neuinszenierung von Händels Theseus an der Komischen Oper

Von Axel Göritz / Fotos: Monika Ritterhaus

Theseus: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Eigentlich sind wir bei den alten Griechen, den Helden, Dramen und Tragödien der griechischen Mythologie - doch denen traut Regisseur Benedikt von Peter in seiner Inszenierung von Georg Friedrich Händels Theseus offenbar nicht mehr über den Weg. Der große, siegreich nach Athen zurückkehrende Feldherr Theseus wird zu einem Guerillero mit Patronengurt und Sonnenbrille heruntergebrochen; sein König Egeus, der ihm seine Geliebte Agilea streitig machen will, hat nichts, aber auch gar nichts Königliches mehr an sich, sondern pinkelt mit dem Wasserschlauch vorm Unterleib gegen die Bühnenwand. Und Medea, die zentrale Figur, die mit ihrer vergeblichen Liebe nach Theseus die Handlung bestimmt und vorwärtstreibt, ist nur mehr eine intrigante Schlampe in ihrem Psycho-Wahn.

Man singt zwar von den großen Gefühlen, doch schon in ihrer ersten Arie greift Agilea wegen eines "Hustenanfalls" zur Plastik-Wasserflasche. Und im übrigen versammeln sich alle sowohl zu Beginn als auch am Schluss vor dem Vorhang am Kaffeeautomaten. Die neue deutsche Textfassung unterstreicht in ihrer lockeren, flapsigen Umgangssprache das radikale Austreiben jeglichen großen Gefühls. Dabei fallen der Regie unaufhörlich neue Bilder und Aktionen ein, sei es dass man mit überlebensgroßen Nudelhölzern aufeinander losgeht, sich im Matsch und Morast des Bühnenbodens unter Regenfluten wälzt und suhlt und mit Dreck bewirft, oder den Einzug von Theseus in den Palast - welcher eine offene Wohnwand mit Sofa und zwei Sesseln ist - als völlig überdrehte Fernsehsoap inszeniert. Die bis auf die Wohnecke leere Bühne (Natascha von Steiger) wird per Schriftband zum "Schlachtfeld" oder zur "Insel" erklärt, die Szene immer wieder per Video-Einspielung - aus der königlichen Medien-Leitzentrale - verdoppelt und schließlich nur noch per Video-Großbildwand übertragen, das reale Geschehen auf der Bühne bleibt per zugezogenem Rollo für den Zuschauer unsichtbar. Das Publikum wird bei einer herzzerreißenden Arie per Mikrofonaufruf zum Mitsingen animiert ("jetzt alle zusammen") und der Countertenor gibt mit Dirigiergesten den Chorleiter.

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Agiert wird meist heftig und mit drastisch überzogenen Bewegungen und Gesten, selbst einzelne Musiknummern werden völlig überdreht und damit ins Lächerliche gezogen. Die Liebestragödie zwischen Medea, Theseus, Agilea und dem König wird zur Trash-Soap mit grellen Perücken, falschen Pelzen und Plastikmüll. Das alles ist durchaus unterhaltsam, nie langweilig, es ist immer etwas los, wirkt aber in seinem übersteigerten und überzogenen Getue wie eine billige bunte Show, bei der es nur noch um irgendwelche Mätzchen geht. Der Gipfel der überbordenden Einfälle des Regisseurs ist dann erreicht, wenn Theseus gefesselt mit dem Tucholsky-Zitat "Soldaten sind Mörder" auf einem Pappschild drapiert wird.

Doch eine derartige De-Konstruktion bringt uns heutigen Zeitgenossen den händelschen Theseus von 1713 mit seinem Antiken-Stoff nicht näher - das quasi zeitlose oder überzeitliche der Fabel, der Kern der Geschichte mit seinem Konflikt um enttäuschte Liebe in kriegerischen Zeiten, um fürchterliche Kränkung und Rache aus abgewiesener Leidenschaft wird von den Gags, Slapsticks und klamottigen Einfällen bis zur Unkenntlichlichkeit überwuchert. Mit den Mitteln der Fernsehsoap lassen sich große Gefühle nicht auf die Bühne bringen. Wer die Barockkoloraturen für nicht mehr glaubhaft hält, wird mit einer derartigen Über-Inszenierung die Musik nicht retten, sondern lenkt davon ab.

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Und so fiel es rechtschaffen schwer, in diesem Aktions-Panoptikum noch die Musik zu erkennen und zu genießen. Denn gespielt und gesungen wurde auf hohem Niveau. Herausragend in dem sechsköpfigen Solistenensemble waren die sehr wandlungsfähige Medea von Stella Doufexis sowie Marina Rebeka als Agilea mit ihrer vollen, runden Stimme. Elisabeth Starzinger wusste als Theseus ebenso zu überzeugen wie der Countertenor Hagen Matzeit als König Egeus und in kleineren Rollen Karolina Andersson und David DQ Lee.

Alessandro de Marchi hatte den Orchestergraben neu platziert. Die erste Reihe der Musiker saß mit dem Rücken zum Publikum und damit gegenüber ihren restlichen Kollegen. Inmitten dieser Orchesterrunde dirigierte der Barockspezialist de Marchi vom Cembalo aus mit feinem Gespür für Händels Musik. Und das Orchester setzte seine zwangsläufig reduzierten Zeichen dennoch gekonnt um.

Einhelliger Beifall für alle, beim Regieteam vermischt mit Buhrufen.



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