24. Februar 2008
Staatsoper

Im Land der Dichtung

Liedmatinee mit Christine Schäfer und Daniel Barenboim

Programm

Franz Schubert
Nähe des Geliebten D 162, Die Mondnacht D 238, An die Nachtigall D 196, Schwestergruß D 762, An den Mond in einer Herbstnacht D 614, Der blinde Knabe D 833, Lied der Anna Lyle D 830, Ellens Gesang I: Raste, Krieger! D 837, Ellens Gesang II: Jäger, ruhe von der Jagd D 838, Ellens Gesang III: Ave Maria D 839

Claude Debussy
Ariettes oubliées: I. C'est l'extase, II. Il pleure dans mon coeur, III. L'ombre des arbres, IV. Chevaux de bois, V. Green, VI. Spleen

Hugo Wolf
Lieder nach Texten von Eduard Mörike: Im Frühling, Lied vom Winde, Auf ein altes Bild, Zitronenfalter im April, In der Frühe, Erstes Liebeslied eines Mädchens

Franz Schubert
Nacht und Träume D 827

Mitwirkende

Christine Schäfer - Sopran
Daniel Barenboim - Klavier

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Im Land der Dichtung

Liedmatinee mit Christine Schäfer und Daniel Barenboim

Von Leyla Jasper / Foto: Oliver Hermann

Um sehr ernste Dinge ging es in der vierten Matinee des Barenboim-Zyklus an der Staatsoper Unter den Linden: Leben und Tod, Liebe und Liebesschmerz, Träume und Sehnsucht mit ihren ewigen Begleitern wie Mond und Grab, Nachtigall und Blüte, Wind und Wasser. 25 Gedichte aus dem 19. Jahrhundert, von Franz Schubert, Claude Debussy und Hugo Wolf vertont, wurden von der Sängerin Christine Schäfer vorgetragen - mit einer ernsten, strengen und zeitlosen Schönheit.

Christine Schäfer

Ihr Erscheinen war beeindruckend. Wie eine Nemesis, die griechische Göttin der Gerechtigkeit, bestieg sie die Bühne in ihrem niederwallenden schwarzen Gewand, der blonde Kopf streng glatt frisiert, das Kleid herrlich ungeschmückt, und nur noch mit glänzend beringten Fingern Aufmerksamkeit auf sich ziehend. Mit exzellenter Artikulation und durchdachter Phrasierung war ihr Schubert sicherlich einer der besten, den man jemals hörte. Dieser Komponist, der sich an der Schwelle zwischen der Klassik und der Romantik befand, schrieb Werke, die zwar lyrisch oder dramatisch, jedoch stilistisch noch sehr mit den Wiener Klassikern verbunden sind. Die Expressivität ist hier niemals so überschäumend wie bei den Spätromantikern. Und genauso interpretierte Christine Schäfer "ihren" Schubert: streng aber ausdrucksvoll, in der Stimmung und Expressivität immer plastisch dem Text folgend. Im düsteren Lied Schwestergruß schuf die Sängerin meisterhaft den Dialog zwischen dem Erzähler und dem mit ihm kommunizierenden Geist. Die Engelsstimme setzte mit den Worten "Ich wandre schon im reinen Licht" entrückt ein und klang sehr durchdringend. Bei An den Mond in einer Herbstnacht, das freilich fast den Maßstab einer Ballade erreicht, hielten die beiden Künstler das Publikum die ganze Zeit in Atem - so spannend waren Komposition und Vortrag. Die Sängerin befreite das berühmte Ave Maria von dem inzwischen dem Stück anhaftendem Kitsch; es erklang in seiner ursprünglichen jungfräulichen Frische und Schönheit.

Die Lieder von Claude Debussy und Hugo Wolf gestaltete die Sängerin zwar immer noch schön und überzeugend, aber etwas zu "klassisch": wenig Abwechslung in der Farbe und dem Grundton nach Schubert, auch die Phrasierung blieb klassisch abgerundet. Ihrem Temperament nach würde man Christiane Schäfer als "apollinisch" bezeichnet. Bei diesen Künstlern spielt die Harmonie, das Maß und die Ausgewogenheit - mit anderen Worten das Ideal - immer die wichtigste Rolle. Das Rauschhafte und Wilde dagegen bleibt immer etwas fremd.

Da alle drei Komponisten der Matinee mit viel Liebe den Klavierpart gestalteten, hatte Barenboim ein sehr dankbares Tätigkeitsfeld und konnte seine pianistische Kunst voll entfalten. Er spielte diesmal auf einem nur schmal geöffnetem Flügel, was zumindest für die Zuhörer in den ersten Reihen eine perfekte Balance zwischen den beiden Künstlern schuf. Die Klavierbegleitung unterstützte und ergänzte den Gesang und war durchaus programmatisch. Es entstanden Klangbilder des ewig schreitenden Mondes (An den Mond in einer Herbstnacht), des stampfenden Pferdes (Raste, Krieger!), des Regens (Il pleure dans mon coeur), des sausenden Windes (Lied vom Winde), des Schmetterlings (Zitronenfalter im April) oder der Schlange (Erstes Liebeslied eines Mädchens). Im Lied Auf ein altes Bild gehen im Vorspiel zwei Akkorde aus- und gleich wieder zueinander. Sie wurden vom Pianisten mit solch einer Intensität vorgetragen, dass ein fast visuelles Bild des Kreuzes dabei entstand! Das Choreografische in der Musik ist dem Pianisten Daniel Barenboim besonders zugänglich. Oft tänzelt er beim Spiel mit dem ganzen Körper. Wie ein Bildhauer modelliert er dabei beeindruckende Klangbinder.

Das Publikum bedankte sich bei den Künstlern mit trommelnden Füßen. Nach der ruhigen Zugabe (Schubert, Nacht und Träume) machte Barenboim die Klappe des Flügels zu und schob die Klavierbank darunter - Ade, meine Herrschaften, und bis zum nächsten Mal.



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