9. März 2008
Staatsoper

Zum Kern der Musik

Daniel Barenboim mit der Orchesterakademie

Programm

Antonín Dvořák
Streicherserenade E-Dur op. 22.
Elliott Carter
March, Saëta, Recitative, Improvisation (aus: Eight Pieces for Timpani)
Richard Wagner
Siegfried-Idyll WWV 103
Wolfgang Amadeus Mozart
Klavierkonzert A-Dur KV 488

Mitwirkende

Orchesterakademie bei der Staatskapelle Berlin
Daniel Barenboim - Dirigent und Klavier
Futoshi Shimizu - Pauken

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Zum Kern der Musik

Daniel Barenboim mit der Orchesterakademie

Von Leyla Jasper

Wenn jede Tonart einen bestimmten Charakter hat, so ist die Tonart E-Dur sehr oft für das Himmlische in der Musik zuständig. Dies bewiesen die zwei Werke, die in dieser Sonntagsmatinee von den jungen Musikern der Orchesterakademie unter der Leitung von Daniel Barenboim aufgeführt wurden. Sowohl die Streicherserenade op. 22 von Antonin Dvořák als auch das Siegfried-Idyll von Richard Wagner wurden von den Komponisten in E-Dur verfasst. Sie bezauberten den Zuhörer mit ihrer wahrhaft himmlischen Schönheit. Es klang jedoch weder süßlich noch abgedroschen.

Wieder einmal bewies Daniel Barenboim, dass die Musik für ihn eine lebendige Klangmaterie ist, eine unerschöpfliche Quelle der Vitalität und Energie. "Am Anfang war die Bewegung", so könnte die Bibel des Musikers Barenboim beginnen. Kein Ton wird bei ihm mechanisch wiedergegeben, sondern erscheint als organischer Teil der vorangegangenen oder der anschließenden Bewegung. Insbesondere bei langsamen Tempi ist es bekanntlich schwierig, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Da aber Barenboim Musik immer als eine Art ununterbrochenen, in- und auseinander gehenden Bewegungsablauf empfindet, begegnet ihm diese Gefahr so gut wie nie. Er genoss es sichtlich, die jungen Musiker der Orchesterakademie zu leiten. Sie ließen sich bereitwillig von Barenboims feurigem Temperament anstecken und folgten seinen Anweisungen leidenschaftlich und engagiert. Sehr viel wurde dabei auf Kontraste geachtet. Abwechslung herrschte nicht nur unter den einzelnen Sätzen der Serenade, sondern auch innerhalb eines jeden Satzes. Besonders betont wurden dabei die Klangfarbe und die Ausdrucksmöglichkeiten der verschiedenen Instrumentengruppen.

Zwischen den beiden genannten Orchesterwerken in E-Dur wurde eine sehr originelle moderne Solokomposition eingeschoben. Ein Paukist als Solist? Diese Chance gab der Welt der amerikanische Komponist Elliott Carter, der in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiert. Das Publikum zeigte sich sehr interessiert, als ein junger Musiker aus Japan, Futoshi Shimizu, mit vier glänzenden Pauken auf der Bühne erschien. Es sah recht spektakulär aus, als er begann, mit den Schlegeln herumzuhantieren. Der Boden zitterte dabei unter den Füßen der Zuschauer. Bei der Lautstärke konnte man nicht umhin, an eine Art gefährlichen Mammuttanz aus Zeiten der Urmenschen zu denken. Der Musiker drehte zuweilen seine Schlegel um und paukte mit ihren nackten hölzernen Enden weiter. Dabei rasselte es so, als ob ein Soldatenbataillon gerade in die Schlacht zöge. Überhaupt schien die Grenze zwischen der Musik und Schauspiel bei den vier aufgeführten Stücken aus Eight Pieces for Timpani von Elliot Carter verschwunden zu sein. Der Paukist schlug die Pauken mal in der Mitte, mal am Rande, und dies war bereits interessant zu beobachten - faszinierend waren aber auch die dabei entstehenden Klangunterschiede. Shimizu machte beeindruckende Crescendi und Diminuendi und drehte die Schlegel mit solch einer erstaunlichen Geschwindigkeit um, dass es einem Zirkusartisten zur Ehre gereichen würde. Das Publikum rief den Solisten mehrmals auf die Bühne und zeigte sich von der modernen Paukenmusik durchaus angetan.

Nach der Pause wurde das Konzert A-Dur KV 488 von Mozart aufgeführt, wobei Barenboim als Dirigent und Pianist gleichzeitig wirkte. Man merkte sofort, dass er schon unzählige Male dieses Konzert gespielt hat. Die Musik ist Barenboim buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen. Alle Seiten des Mozartschen Genies kamen daher mit entzückender Nonchalance zur Geltung: schalkhaft und ernst, lyrisch und dramatisch. Der dritte Satz folgte dem zweiten fast ohne Unterbrechung - praktisch attacca. Das Allegro assai des Konzertes wurde mit perlender Virtuosität und Bravour, aber auch mit viel Humor vorgetragen. Mit diesem sehr bekannten, aber auch zeitlos schönen Werk Mozarts ging die fünfte Sonntagsmatinee unter brausendem Applaus zu Ende.



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