20. Januar 2008
Staatsoper

Tastenlöwe oder Tondichter?

Daniel Barenboim spielt Klavierwerke von Liszt

Programm

Franz Liszt
Sonetto 47 del Petrarca "Benedetto sia il giorno"
Sonetto 104 del Petrarca "Pace non trovo"
Sonetto 123 del Petrarca "I'vidi in terra"
(aus: Années de Pèlerinage - Deuxième Année - Italie)

St. Francois d'Assise: La prédication aux oiseaux (aus : Légendes)

Aprés une lecture du Dante (Fantasia quasi sonata) (aus : Années de Pèlerinage - Deuxième Année - Italie)

Paraphrasen aus Opern von Giuseppe Verdi
Aida: Danza sacra e duetto final
Miserere du Trovatore
Rigoletto: Paraphrase de concert

Mitwirkende

Daniel Barenboim - Klavier

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Tastenlöwe oder Tondichter?

Daniel Barenboim spielt Klavierwerke von Liszt

Von Leyla Jasper / Foto (Barenboim): Sheila Rock, Hand von Franz Liszt: Liszt-Museum Weimar

Liszt - Hand

Allzu oft wird Liszt falsch interpretiert: als Tastenlöwe und Virtuose - man erinnere sich an die herrliche Parodie solcher Interpreten bei Tom and Jerry. Dabei beteuerte sein Freund, der "Dichter des Klaviers" Frederic Chopin: "J'aime ma musique quand elle est jouée par Liszt". Diese Aussage Chopins ist durchaus ein Beweis dafür, dass Liszt keineswegs ein "reiner" Virtuose war, sondern ein großer Künstler, ein sensibler Tondichter, den die Natur großzügig mit einem besserem Werkzeug ausgestattet hatte als jeden anderen Pianisten in der Musikgeschichte: nämlich mit phänomenalen Händen. Dass Liszt mit Leichtigkeit jede Aufgabe auf dem Klavier bewältigte, wurde ihm gleichzeitig zum Verhängnis. Viele Pianisten sehen bei Liszt den Wald vor lauter Bäumen nicht: Passagen, Akkorde und Kaskaden von Oktaven in Liszts Werken ziehen deren gesamte Aufmerksamkeit auf sich - leider oft ohne die eigentliche künstlerische Absicht des Komponisten zum Vorschein zu bringen.

Einen anderen Liszt erlebte das Publikum bei der Sonntagsmatinee in der Berliner Staatsoper bei Daniel Barenboim. Allein schon der Aufbau des Programms stimmte auf das Poetisch-Erhabene ein. Petrarca, Dante, Franz von Assisi und Verdi inspirierten Liszt zum Komponieren der Werke, die Barenboim in sein "italienisches" Solo-Programm aufgenommen hatte. Gleich zum Beginn des Sonetto 47 del Petrarca zeigte der Pianist, welche Prioritäten er bei der Interpretation von Liszts Werken setzt. Die Melodie, biegsam und plastisch, klang wie von einer ausdrucksvollen menschlichen Stimme vorgetragen und hüllte sich in die sanften Harmonien. Es war ein dreidimensionales Klavierspiel, das dank des durchdachten Klangaufbaus in die Tiefe ging. Das perfekte Gleichgewicht zwischen Linie und Farbe erinnerte an die Bilder der Renaissance, die Liszt während seiner Italienreise bewunderte. Der poetische Gesang in den Sonetti 47, 104 und 123 erhob sich an bestimmten Stellen zum Rezitativ-Deklamatorischen, die Kulminationen erschienen als natürliche Steigerung der poetischen Stimmung - "Der Dichter spricht"! In dem folgenden Stück, St. Francois d'Assise: La prédication aux oiseaux, beeindruckte der Pianist ebenfalls mit einer wohlüberlegten Dramaturgie des Werkes und mit der vollkommenen Beherrschung der Tonmalerei auf dem Klavier.

Daniel Barenboim

Es ist interessant zu beobachten, wie der Pianist Barenboim von dem Dirigenten Barenboim profitiert. Es ist nicht nur, dass er das Klavier (ähnlich wie Liszt) wie ein Orchester behandelt und den verschiedenen Registern so viele Kontraste und Farben wie möglich abzugewinnen sucht. Es ist vor allem der künstlerische Wille, der bei Barenboim so faszinierend wirkt, ein klar vorhandenes Konzept, eine vollkommene Beherrschung des Inhaltes und der Form eines jeden Werkes - gleichsam ein übergeordneter Plan. Mit viel Temperament geht der Pianist dann an die Verwirklichung dessen, und alle dafür eingesetzten Mittel - wie schroffe Akzente und klapperndes Pedal - sind berechtigt und angebracht, wenn man gerade durch das Inferno fliegt, wie in der Dante-Sonate. Auch die Paraphrasen aus Opern von Verdi stellten nicht nur Themen, sondern verschiedene Charaktere dar - plastisch und ausdrucksvoll vorgetragen.

Das ganze Programm, das größte pianistische Herausforderungen stellt, wurde von Daniel Barenboim ohne Pause und mit nicht nachlassendem Elan gespielt. Damit zeigte er sich als Träger einer alten Tradition, die auf den legendären Arthur Rubinstein zurückführt - den ebenfalls sprachgewandten und Zigarren rauchenden Grandseigneur der pianistischen Kunst, der mit gleicher Begeisterung seine Konzerte spielte und immer das Poetische in der Musik betonte.



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