25. Februar 2008
Philharmonie

Fünf Freunde für ein Halleluja

Verdis Requiem mit der Staatskapelle unter Daniel Barenboim

Programm

Giuseppe Verdi
Messa da Requiem

Mitwirkende

Staatskapelle Berlin
Daniel Barenboim - Dirigent
Anja Harteros - Sopran
Sonia Ganassi - Mezzosopran
Rolando Villazón - Tenor
René Pape - Bass

Staatsopernchor
Einstudierung: Eberhard Friedrich

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Fünf Freunde für ein Halleluja

Verdis Requiem mit der Staatskapelle unter Daniel Barenboim

Von Heiko Schon / Foto: Sony BMG Masterworks

Schließen Sie die Augen! Sie hören nichts! Sie sehen nichts! Plötzlich ein Motiv, weit in der hintersten Ferne, aber näher kommend, den Raum erobernd. Streicherklänge steigen am Horizont auf, erste Strahlen einer noch schwachen Morgensonne. Nein, keine Hypnose, kein Kitschroman, sondern Verdi, wie er ergreifender wohl kaum sein kann. Klänge und Phrasen sprießen wie erste Frühblüher aus dem Erdboden; behutsam setzt der Staatsopernchor darauf seinen ersten Atemzug: Requiem…

Dieser Einzug ist die Ruhe vor dem Sturm. Daniel Barenboim entfesselt im Dies irae, der Sequenz über den Tag des Zornes, einen regelrechten Tornado, der so heftig über die Reihen hinweg braust, dass man sich vorsichtshalber an der Armlehne festkrallt. Paukenschläge gehen tief ins Mark, Posaunen schallen wie Ohrfeigen, und die Violinen spielen um ihr Leben. Zwar bringt Barenboim die Mauern der Philharmonie fast zum Einsturz, aber der Klang läuft nicht auseinander, stürzt nie ins Lärmende. Und auch wenn's sich makaber anhört: Es muss ein Hochgenuss sein, diese Totenmesse zu dirigieren. Zählt Barenboim nicht unbedingt zu den bewegungsarmen Maestros, so erlebt man ihn doch selten so exaltiert, ja fast aufgekratzt. Er springt auf, wippt und trippelt auf dem Podium, wirft die Arme nach oben, reißt mit dem Taktstock ganze Krater auf, atmet mit den Solisten, spornt und stachelt, ballt Crescendo-Fäuste, peitscht zur Höchstleistung. Da werden nicht nur Worte wieder wach, mit denen ein Generalmusikdirektor über diese, seine Staatskapelle äußerte, er habe zu Amtsantritt einen ungeschliffenen Rohdiamanten vorgefunden, sondern es leuchtet auch der Wunsch Barenboims ein, mit diesem traditionsreichen Klangkörper in der First Class der Konzertorchester anzukommen. Die dunkle Wärme, das schroffe Blech, die messerscharfen Streicher - eben all das, was die Staatskapelle heute auszeichnet - spricht an diesem Abend dafür.

Anja Harteros

Doch was wäre die Wiedergabe ohne Barenboims Fantastic Four? Während René Pape mit kühler Präsenz und vollendetem Ausdruck seinen Ruf als vorbildlicher Konzertsänger untermauert, betört Sonia Ganassi mit perfekt modulierten, expressiven Mezzo-Attacken. Rolando Villazón war die Anspannung, der ungeheure Druck nach der Zwangspause zwar deutlich anzusehen, aber - Puh! - nicht anzuhören. Leichte Nervosität am Anfang - geschenkt; Risiken vermeiden - ja, klar. Das leuchtende Timbre aber, der packende Schmelz: unverkennbar Villazón. Seine Bitten haben geholfen: Er ist wieder da! Anja Harteros ist jedoch die einzige in diesem Quartett, die über sich hinaus wächst und Momente erzeugt, die man mit der Schönheit verglühender Sterne vergleichen könnte. Harteros' kraftvoller, emotionsgeladener Sopran krönt Seit' an Seit' mit dem (von Eberhard Friedrich in qualitativer Erstklassigkeit einstudierten) Chor den finalen Psalmvers zum Gipfel der Aufführung. Ein sichtlich bewegter Daniel Barenboim klopft Schultern, schüttelt Hände und wirft dem minutenlang jubelnden Publikum sogar einige Küsschen zu.



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