15. März 2008
Staatsoper Unter den Linden

Babuschkas, die Prosecco trinken

Prokofjews Spieler in einer Co-Produktion mit dem Teatro alla Scala di Milano an der Staatsoper

Programm

Sergej Prokofjew
Der Spieler

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Dmitri Tcherniakov
Mitarbeit Kostüme: Elena Zaitseva
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Francis Hüsers

General: Vladimir Ognovenko
Polina: Kristine Opolais
Alexej: Misha Didyk
Babulen'ka: Stefania Toczyska
Marquis: Stephan Rügamer
Blanche: Silvia de la Muela
Mr. Astley: Viktor Rud
Fürst Nilskij, Buckliger Spieler: Gian-Luca Pasolini
Baron Wurmerhelm, Alter Spieler: Alessandro Paliaga
Potapytsch: Plamen Kumpikov
Direktor des Casinos: Gleb Nikolsky
Erster Croupier: Gregory Bonfatti
Zweiter Croupier: Robert Hebenstreit
Dicker Engländer: Alexander Teliga
Langer Engländer: Gianfranco Montresor
Bunte Dame: Enas Massalha
Blasse Dame: Alisa Zinovjeva
Dame Comme-Ci, Comme-Ca: Elizabeth Laurence
Ehrwürdige Dame: Constance Heller
Verdächtige Alte: Borjana Mateewa
Hitziger Spieler: Ki Hyun Kim
Kränklicher Spieler: Otokar Klein
Erfolgloser Spieler: Ilya Kuzmin
Sechs Spieler: Juri Bogdanov, Dmitri Plotnikov, Jens-Eric Schulze, Andreas Neher, Bernd Grabowski, Peter Krumow

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Babuschkas, die Prosecco trinken

Prokofjews Spieler in einer Co-Produktion mit dem Teatro alla Scala di Milano an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

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Die Russen und das Glücksspiel. Wurde diese gefährliche Liebschaft bereits in Tschaikowskys Pique Dame thematisiert, bildet sie gleichfalls die Rahmenhandlung zu Prokofjews Der Spieler. Der Spieler? Noch nie gehört? Nun, es gibt auch hier die betagte Lebedame, der man an den Kragen will und die junge Romanze, die schlussendlich am schnöden Mammon zerbricht. Ansonsten aber haben beide Ursprungswerke - da die tragische Thriller-Novelle von Alexander Puschkin, dort die fiese, autobiographisch angehauchte Groteske von Fjodor Dostojewski - wenig gemeinsam. Dafür kitzelt Regisseur Dmitri Tcherniakov die sozialen Zusammenhänge umso deutlicher an die Oberfläche. Laut Roman ereignen sich die Geschehnisse um 1865 im fiktiven Roulettenburg, dessen Name sich aus dem französischen Kugelspiel und einer typisch deutschen Städtebezeichnung ableitet. Tatsächlich standen die hessischen Ortschaften Wiesbaden und Bad Homburg Dostojewski als Vorbild. Würde man sich nun heute auf den Weg dorthin machen, um sich in die Lobby eines kleinen Casino-Hotels zu setzen, könnte sich die Geschichte durchaus am Nebentisch abspielen.

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Genau mit diesem Bild eröffnet Tcherniakov seine zweite Inszenierung an der Staatsoper. Nun läge es nahe, einen dieser Schlagsätze zu verwenden, dass der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten werde oder der Stoff nichts von seiner Aktualität eingebüßt hätte. Das wäre untertrieben. In Zeiten wo Geld alles und Geiz geil ist, wird man das Gefühl nicht los, dass sich die Verhältnisse von anno dazumal eher ver- als entschärft haben. Manipulieren wir mehr und sind manipulierbarer geworden als noch vor 150 Jahren? Tcherniakov beantwortet diese Frage mit einem klaren JA! und bevölkert die Bühne mit verwöhnten Luxusweibchen und neureichen Yuppies, dekadenten Schachteln und gescheiterten Existenzen, Schicksen und Zockern. Ein General (köstlich: Vladimir Ognovenko) lebt, in freudiger Erwartung auf die Erbschaft einer gewissen Babulen'ka, auf Pump. Die Französin Blanche (frech funkelnd: Silvia de la Muela) lässt sich von dem alten Playboy aushalten, da der Marquis (solide Eleganz: Stephan Rügamer), der für die Stieftochter des Generals entbrannt ist, in finanzielle Vorleistung geht. Tcherniakov gelingt das Kunststück, die kleinen, bös zynischen Ereignisse in mehreren Räumen zu schachteln und dennoch als geschlossene Handlung zu verweben. Der Regisseur weiß: Schadenfreude ist die schönste Freude. Wenn etwa die schon so gut wie beerdigte Babuschka (mit Witz und Wehmut: Stefania Toczyska) höchst lebendig im Hotel eincheckt und mit den Sektkorken knallt oder der General seine Verwandte aufhalten, einweisen, verhaften lassen will, weil diese den ganzen Nachlass verjuxt, schnurrt das szenische Räderwerk auf Hochtouren. Zum Schluss gibt es nur Verlierer: Erbschaft, Liebe, Zukunft - alles verspielt. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger lässt Tcherniakov das einzig wirkliche Liebespaar auseinander laufen: Geld allein macht eben doch nicht glücklich.

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Das tenorale Leuchtfeuer Misha Didyk (Alexej) und die lyrisch auftrumpfende Kristine Opolais (Polina) bewältigen mit Aplomb und Einfühlungsvermögen ihre Partien. Kurzum: Die zusammengetrommelte Sängerschar beglückt - wenn auch leider nur diese beiden Male im Rahmen der Festtage. Bevor Prokofjews Opernerstling in der nächsten Spielzeit regulär wiederaufgenommen wird, reist die Co-Produktion mitsamt Daniel Barenboim nun erst einmal nach Mailand. Ohnehin geht diese Spielplanrarität auf die Initiative des Maestros zurück. Denn was Barenboim eine Herzensangelegenheit ist, das setzt er auch durch und Basta! Ebenso unbescheiden und anspruchsvoll, deutlich und charakterstark lässt der GMD seine Staatskapelle musizieren. Die herb metallischen Klangfarben (Barenboim ließ eigens auf amerikanischen Trompeten spielen) zielen direkt aufs Ohr und treiben dem Deklamationsstil jeden Anflug von Ermüdung gehörig aus - ein feines, scharfkantiges, orchestrales Wunder. Es dürfte erneut Auszeichnungen für Barenboim regnen. Zumindest der Titel "Ausgrabung des Jahres" dürfte ihm, respektive der Staatsoper, gebühren. Wenn nicht sogar mehr. Was setzen Sie?



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