23. August 2008
Kammermusiksaal

Mit Nachdruck und Leidenschaft

Packender Beginn der Kammermusikreihe von Spectrum Concerts Berlin

Programm

Dmitri Schostakowitsch
Klaviertrio Nr.1 C-Moll op.8

Antonín Dvořák
Klaviertrio f-Moll op.65

Franz Schubert
Quintett A-Dur op.114 D667 Forellenquintett

Mitwirkende

Spectrum Concerts Berlin
Janine Jansen - Violine
Julian Rachlin - Violine und Viola
Torleif Thedéen - Violoncello
Stacey Watton - Kontrabass
Itamar Golan - Klavier

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Mit Nachdruck und Leidenschaft

Packender Beginn der Kammermusikreihe von Spectrum Concerts Berlin

Von Beatrice Siering / Fotos: Spectrum Concerts

Janine Jansen

Die Eröffnung der 21. Saison von Spectrum Concerts Berlin. Ein Abend, der wenig Wünsche offen ließ - ein Kleinod der Kammermusik. Dazu eine überragende Janine Jansen (nicht nur im physischen Sinne) und ein unbändiger Interpretationswille, der den Vollblutmusikern aus der Seele sprach. Was will man mehr?

Auf dem Programm standen Schostakowitschs frühes Klaviertrio, Dvořák vor Dramatik strotzendes Klaviertrio f-Moll und die Krönung der romantischen Kammermusik: Schuberts Forellenquintett. Harmonisch kühn schwangen sich Julian Rachlin an der Violine, Torleif Thedéen am Violoncello und Itamar Golan am Flügel in die ersten Takte. Schnell wurde klar: die Akustik im Kammermusiksaal der Philharmonie - sagenhaft. Da würden technische Mängel sofort auffallen.

Julian Rachlin

Als Schostakowitsch 1923 das Klaviertrio komponierte, stand er am Beginn seiner Karriere. Gerade erst hatte er sich von einer schweren Tuberkulose erholt und bereitete sich am Petersburger Konservatorium auf sein Examen vor. Er fühlte sich beflügelt und frei, spürte keine künstlerische und politische Doktrin. In den 15 Abschnitten seines einsätzigen ersten Klaviertrios moduliert er frei zwischen den entferntesten Tonarten, setzt elegische neben gehetzte, atemlose Stimmungen und auch bei den Tempi schöpft er alle Möglichkeiten aus. Keine Spur mehr vom häuslich-intimen Charakter romantischer Kammermusik. Der schwelgerische Ton taucht nur noch selten auf. Und wenn, dann mit anderer Intention.

Gleichberechtigt virtuos agieren die Stimmen bei Schostakowitsch nebeneinander. Rachlin wollte das Trio zusammenhalten, suchte immer wieder Blickkontakt zu Thedéen und Golan. Doch gelegentlich wirkte das Ganze etwas unbeholfen, vielleicht sogar hölzern. Die Musiker atmeten selten zusammen, sodass die Einsätze nicht immer ganz klar waren. Die Zeit, die ich dem Stück an einer Stelle raube, muss ich ihm an anderer Stelle wieder zurückgeben. Doch wo das passiert, da waren sich die drei nicht immer ganz einig.

Torleif Thedéen

Auf jugendliche Experimentierfreude folgte nach einem kurzen Besetzungswechsel Dramatik in Reinform: Dvořák f-Moll Klaviertrio. Das dritte von vier erhaltenen Klaviertrios ist wohl unstreitig das ehrgeizigste und strukturell bedeutendste. Darin verarbeitete der tschechische Komponist einerseits den tragischen Verlust seiner Mutter (Trauertonart f-Moll), andererseits stellte er hier, mehr als sonst, sein dramatisches Talent unter Beweis. Das hatte man ihm erst kürzlich in Bezug auf seine Oper Dmitri abgesprochen. Statt der für Dvořák so typischen volkstümlichen Elemente hier starke Kontraste.

Janine Jansen übernahm den Violinpart. Thedéen am Cello und Golan am Flügel blieben. Bereits nach 10 Takten musste abgebrochen werden. Eine Saite von Jansens Violine hatte sich stark verstimmt. Inzwischen war auch der letzte Zuhörer wach. Nach kurzer Unterbrechung legte sich Jansen mit wippenden Haaren und großen Gesten ins Zeug. Souverän stand sie über den technischen Anforderungen und riss ihre Kollegen und das Publikum mit. Sie gab klar den Ton an, wirkte dabei aber keineswegs wie eine Übermutter. Schwelgerisch von einer Woge zur nächsten - einfach wunderbar! Und wie meinte Dvořák doch so schön: "Einen schönen Gedanken zu haben, ist nichts Besonderes. () Aber den Gedanken gut auszuführen und etwas Großes aus ihm zu schaffen, das ist das Schwerste, das ist Kunst."

Stacey Watton

Letzter Programmpunkt: Schuberts Forellenquintett mit der etwas ungewöhnlichen Besetzung Streichtrio, Kontrabass und Klavier. Silvester Paumgartner - Musikmäzen und Hobbycellist aus der österreichischen Provinzstadt Steyr - war in Schuberts "köstliches Liedchen" von der Forelle ganz vernarrt und gab dem Freund den Auftrag zur Komposition eines Quintetts ganz im Stile des Grande Quintuor von Johann Nepomuk Hummel. Das Lied von der Forelle wünschte er sich als Hauptmelodie. Schubert fügte die Liedvariationen zur Forelle als zusätzlichen Satz ein und gab ihm damit eine besondere Bedeutung.

An der Violine nach wie vor die niederländische Geigerin Janine Jansen, Klavier Itamar Golan, Violoncello Torleif Thedéen. Hinzu kamen, dieses Mal an der Viola, Julian Rachlin und am Kontrabass Stacey Watton. Die Herausforderung liegt nicht nur im anspruchsvollen und abwechslungsreichen Klavierpart, sondern vor allem auch darin, die Verbindung von Lied und großer Form herzustellen.

Itamar Golan

Obwohl sich Jansen neben Rachlin ungewöhnlich stark in ihrer Gestik zurückhielt, so gelang es den fünf Musikern doch den großen Bogen zu schlagen. Sie trafen zudem den gewollt ausdifferenzierten und heiteren Volkston. Denn Schubert war gar nicht daran gelegen, hier einen stilisierten Kammerton heraufzubeschwören.

Möglicherweise hätte sich im Anschluss an Dvořák ein weniger romantisches Werk zugunsten der Abwechslung im Programmplan angeboten. Dennoch tat das der Leistung der Musiker keinen Abbruch. Mein Fazit: Ganz großes Kino!



©www.klassik-in-berlin.de