12. Oktober 2008
Staatsoper Unter den Linden

Tränen trägt man nicht!

Achim Freyer inszeniert Eugen Onegin an der Staatsoper

Programm

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Eugen Onegin

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung, Bühnenbild und Lichtkonzeption: Achim Freyer
Regiemitarbeit: Tilman Hecker
Kostüme: Lena Lukjanova, Amanda Freyer
Licht: Olaf Freese
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Julia Lukjanova, Katharina Winkler

Larina: Katharina Kammerloher
Tatjana: Anna Samuil
Olga: Maria Gortsevskaya
Filipjewna: Margarita Nekrasova
Eugen Onegin: Roman Trekel
Lenski: Rolando Villazón
Fürst Gremin: René Pape
Triquet: Stephan Rügamer
Saretzki: Viktor Rud
Ein Hauptmann: Fernando Javier Radó

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor
Freyer Ensemble

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Tränen trägt man nicht!

Achim Freyer inszeniert Eugen Onegin an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

Eugen Onegin: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Schwarz, weiß - und nicht viel mehr. In Streifen, Karrees, Flecken, Applikationen. Verwaschen, zerlaufen, gesprenkelt. In der Palette von Pulverschnee bis Kohlrabe folgt Asche auf Staub, Stein auf Zement. Nanu, ist die große Depression auf die Opernbühne geschwappt? Mitnichten! Aber wieso ist er dann erloschen, der Schmelzofen der Gefühle? Weil Theater nicht dazu da ist, dir und deinen Emotionen eine Zuflucht vor der Wirklichkeit zu schaffen. Das Gegenteil ist der Fall. Achim Freyer zeigt uns in Eugen Onegin eine Gemeinschaft, die sich über liebesbriefschreibende Mädchen belustigt, die es sogar komisch findet, wenn sich einer für seine Liebe opfert. Mag der Regisseur auch Puppen auf- und künstlerische Bewegungsabläufe darstellen: Mit seinen konstruierten Welten meint er immer nur die nackte Wahrheit. Und diese scheint für Freyer mit jedem Tag ein Stückchen trostloser zu werden - so der Eindruck, der schon bei seinen letzten Arbeiten, wie beispielsweise der Mannheimer Traviata, gewonnen werden konnte.

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Im Zentrum des Onegins steht für Freyer gewissermaßen die Unschuld - und wie sie abhanden kommt. Da zerplatzt Tatjanas Traum von einer Braut in weiß, erlischt Lenkis Glaube an eine bessere Welt. Als Stilmittel setzt der Regisseur dafür Wiederholungsschleifen, sogenannte Loops, ein. Jeder Figur weist Freyer eine Sequenz von Bewegungen zu, die von Schleife zu Schleife - je nach Gefühlslage - variiert. Auch wenn einige Elemente erst im späteren Handlungsverlauf als Sinn bezwingend einleuchten: Freyer ist eine intelligente und überaus fantasievolle Umsetzung des Stoffes gelungen. Ein Ansatz, den auch Daniel Barenboim beeindruckt haben muss. Begeistert bläht der Maestro die Backen, pustet die warmen, lyrischen Streicheleinheiten aus Tschaikowskis Partitur, irritiert durch eine nicht ganz nachvollziehbare Wahl der Tempi und lässt in beständig hoher Lautstärke musizieren. Man bezeichnet es wohl am besten als temporäre Haken, die Barenboim da anfangs schlägt: Presto, Presto - und dann der Tritt auf die Bremse. Da kann es schon mal passieren, dass ein Instrument übers Ziel hinausschießt oder die Chöre arg ins Trudeln geraten. Zum Glück ging Barenboim über den Verlauf des Abends aber nochmal in sich, änderte seine Taktik und brachte mit der Staatskapelle wundervolle Walzer und eine scharfkantige Polonaise zu Gehör.

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Rolando Villazón gibt einen Lenski, der den Schmerz im Gesicht, das Herz auf der Zunge, das Gold in der Kehle und die Träne im Knopfloch trägt. Freyer hat aus dieser Rolle einen traurigen Harlekin geformt, der seine Arien als Plädoyers, als romantische Botschaften direkt ans Publikum richtet. Und Villázon singt nicht nur weich und strahlend in der Höhe, beweglich und ansprechend im Klang, sondern fügt dieser Partie eine Körpersprache hinzu, die so glaubhaft, so intensiv ist, dass man gebannt an ihr kleben bleibt. Mit freudiger Wucht stülpt Villazón sein Innerstes nach Außen, sendet Blicke, die die ganze Maskerade oftmals überflüssig machen, oder zeichnet Gesten, die mehr menschlich als künstlich anmuten. Gleich, so rechnet man beim Arioso im ersten Aufzug, wird dieser Lenski mit einem Riesensatz über den Orchestergraben springen, um wiederholend zum Kampfe aufzurufen: "Ya lyublyu tebya" - Ich liebe dich! Anna Samuil bezaubert mit ihrer Tatjana zwar im Spiel, singt aber - Salzburg hin oder her - einfach in einer anderen Klasse als ihr Tenorkollege. Die Stimme kann in keiner Lage wirklich berühren, die Tonhöhen schwanken und geraten schnell ins Flackern. Roman Trekel als fein nuancierender Onegin, René Pape als wahrlich fürstlicher Gremin und Stephan Rügamer als tänzelnder Triquet begeistern dagegen mit ihren Charakteren. Eine geschmeidig-gewandte Olga (Maria Gortsevskaya), eine höhenscharfe aber resolute Filipjewna (Margarita Nekrasova) und eine hingebungsvoll-satte Larina (Katharina Kammerloher) erweitern die geglückte Besetzungsliste. Und die Reaktion im Saal? Freyer ist es mit diesem Onegin gelungen, das Lager - egal ob Publikum oder Presse - in zwei Hälften zu spalten. Dass die Gleichgültigkeit darin keinen Platz findet, ist schon der erste Tupfer Farbe.



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