6. Februar 2008
Staatsoper Unter den Linden

Heroinen-Dramatik versus Schöngesang

Wiederaufnahme der Norma an der Staatsoper

Programm

Vincenzo Bellini
Norma

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Paolo Arrivabeni
Inszenierung: Annegret Ritzel
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Kostüme: Katharina Eberstein
Chöre: Eberhard Friedrich

Pollione: Andrew Richards
Oroveso: Diogenes Randes
Norma: Silvana Dussmann
Clotilde: Brigitte Eisenfeld
Adalgisa: Carmen Oprisanu
Flavio: Florian Hoffmann

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Heroinen-Dramatik versus Schöngesang

Wiederaufnahme der Norma an der Staatsoper

Von Axel Göritz / Fotos: Monika Ritterhaus

Norma: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Bellinis Werk mit den unglücklichen Lieben der beiden gallischen Priesterinnen Norma und Adalgisa in den römischen Statthalter und Erzfeind Pollione zählt zu den zentralen Stücken des romantischen Belcanto. Beide sind mit reichen melodischen Erfindungen bereit für diese unmögliche Liebe alles zu geben, selbst ihre Heimat zu verraten. Als Oberpriesterin Norma entdeckt, dass Pollione, von dem sie zwei Kinder hat, sich inzwischen Adalgisa zugewandt hat, beherrscht sie nur noch ein Gedanke: Rache. Diese archaische Geschichte heutzutage glaubhaft auf die Bühne zu bringen, ist nicht einfach. Vertraut man auf die beispielhafte Kraft des kruden Geschehens, wird man es wagen und die Tragödie in der römisch-gallischen Zeit belassen. Oder man hält dies für nicht mehr glaubwürdig und verlegt die Handlung in ein wie immer geartetes modernes Umfeld.

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Annegret Ritzel entschied sich in ihrer Inszenierung weder für das eine, noch für das andere. In dem Einheitsbühnenbild (Johannes Leiacker) des angedeuteten römischen Landhauses mit Portalen links und rechts, einer hochziehbaren gläsernen Rollo-Wand als Hintergrund und dem religiösen Druiden-Symbolstamm inmitten, bewegen sich gallische Priesterinnen, die in ihren weiten Röcken und roten Turbanen eher an türkische Derwische erinnern, ruft der Druidenführer speerbewaffnet zum Kampfe, während seine Mannen zugleich mit Taschenlampen sowie Sturmgewehren hantieren und sich schusssichere Westen anlegen. Agiert wird, was noch schwerer wiegt, in den herkömmlichen Operngesten. Eine bewusste und sinnfällige Personenregie ist nicht zu erkennen, die Darsteller sind weitgehend alleingelassen und reproduzieren die hundertmal eingeübten inhaltsleer erscheinenden Posen.

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Mit der Folge, dass die Hauptarie des eigentlichen schönen Gesanges, Casta diva, fast wirkungslos, wie beiläufig verpufft. Daran war allerdings auch die Norma-Protagonistin Silvana Dussmann maßgeblich beteiligt. Das war kein Belcanto, ihre Stimme schwelgte nicht in Schönheit, floss nicht in vollen Legato-Bögen dahin. Intonationsunsicherheiten kamen dazu. Entsprechend zurückhaltend reagierte das Publikum mit eher kleinem, kümmerlichen Beifall - was für diese Bravourarie zu wenig ist. Vielleicht hatte sie ja nur einen rabenschwarzen Tag, denn im zweiten Aufzug, wenn das Geschehen immer dramatischer wird, versuchte sie es mit Kraft, viel Kraft, setzte voll auf die dramatische Heroinen-Rolle. Wie eine wildgewordene Furie beherrschte jetzt Silvana Dussmann die Bühne, übertönte alle - aber überstrahlte nicht. Diese Verengung der Norma-Partie auf hochdramatische Ausbrüche war zwar beeindruckend, blieb der Rolle aber doch vieles schuldig. Wesentlich näher kam dem scheinbar mühelosen Schöngesang die von Carmen Oprisanu verkörperte Priesterin Adalgisa. Mit ihrem schön timbrierten vollen und unverbrauchten Mezzo wusste sie nicht nur stimmlich zu überzeugen. Bei Andrew Richards als dem römischen Gegenspieler Pollione vermisste man am deutlichsten eine leitende Personenregie. Mit seinem kräftigen, wenn auch etwas einförmigen Heldentenor konnte er stimmlich durchaus für sich einnehmen.

Die Staatskapelle unter der Leitung von Paolo Arrivabeni war den Sängern eine gute, eher unauffällige Begleitung. In den orchestralen Vor- und Zwischenspielen gewann sie eigenständigen Charakter mit spannungsvoller dramatischer Dynamik. Kräftiger, nicht allzu langer Schlussbeifall für alle.



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