8. August 2008
Admiralspalast

Ich hab gegähnt heut' Nacht

Peter Lund inszeniert My Fair Lady im Admiralspalast

Programm

Frederick Loewe
My Fair Lady

Mitwirkende

Inszenierung: Peter Lund
Musikalische Leitung: Adam Benzwi
Choreographie: Andrea Heil
Bühne: Jürgen Kirner
Kostüme: Daniela Thomas

Henry Higgins: Daniel Morgenroth
Eliza Doolittle: Franziska Foster
Colonel Pickering: Anton Rattinger
Alfred Doolittle: Udo Kroschwald
Freddie Eynsford: Dennis Jankowiak
Mrs. Higgins: Monika Lennartz
Mrs. Pearce: Dagmar Biener
Karparthy: Richard Nagy, Moses Ruge, Justine Rimke, Matti Seidel

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Ich hab gegähnt heut' Nacht

Peter Lund inszeniert My Fair Lady im Admiralspalast

Von Heiko Schon / Fotos: M. Heyde

Doch es gibt ihn. Einen Moment lang reißt man die Augen auf, macht das Herz Bum Budi Bum - und der langatmige Musical-Abend im Admiralspalast fängt endlich an zu Schweben: Eliza kann nicht ins Bett. Nicht jetzt. Sie tappst über die Dächer, greift voller Stolz nach den Sternen und tanzt, tanzt, tanzt heut' Nacht. Ohne Mann und nur für sich. Zwar ist an dieser Stelle Akt Nummer eins noch gar nicht rum, aber er fällt trotzdem, der große Rote, und schickt den Zuschauer mit dem gleichen abgenutzten Theatersatz in die Pause, wie er ihn später nach Hause schicken wird: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Inhaltlich dürfte es keine Unklarheiten geben. Warum sich aber Peter Lund für solch eine Interpretation entschied, was ihn überhaupt dazu bewegte, sich dieses Stückes anzunehmen, da gilt's im Trüben zu fischen. Lund ist in Berlin seit seiner Männer-Cosi und den Krötzkes kein Unbekannter mehr. An seiner künstlerischen Heimat, der Neuköllner Oper, gilt er als Zugpferd. Er ist Professor an der Universität der Künste und hat den Sprung vom sogenannten Off-Theater an die städtischen Bühnen von Bremen, Dresden und Erfurt geschafft. Alles subventionierte Häuser, die eine Berliner Schnauze auch dann verkraften können, wenn es mal an den Kassen nicht so klingeln sollte. Genau da scheint Lund am Admiralspalast jetzt auf Granit gebissen und sich zwischen Kunst und Kommerz ordentlich aufgerieben zu haben. Seine Inszenierung kommt viel zu altbacken daher, um modernisiert zu wirken, funktioniert aber auch weder als konservative Unterhaltung noch als aufgedonnertes Show-Entertainment à la Stage.

Nun möchte man wieder höflich sein und sich auf die Zunge beißen, schließlich ist es die erste große Eigenproduktion des Hauses seit der Eröffnung. Lund ließ in Interviews mehr als einmal die Hosen runter, man habe eben nicht ganz soviel Geld zur Verfügung wie ein staatlich unterstütztes Theater. Dumm ist nur, dass man es trotz Eintrittspreisen von bis zu 79 EUR an allen Ecken und Enden sieht. Und hört. Adam Benzwi müht sich mit seinem auf acht Instrumente abgespeckten Orchester redlich, aber die Nummern klingen immer wie eine Mischung aus Kurkapelle, Pianobar und Spielmannszug. Bei dem Anspruch, hier große Kunst verkaufen zu wollen, ist es mutig, solch eine musikalische Umsetzung anzubieten. Bei der Besetzung der Rollen sieht es nicht viel besser aus. Auf einem der Werbebanner im Hof lesen wir: "Daniel Morgenroth spielt Henry Higgins". Ja, spielen kann er den anmaßenden Phonetiker, aber singen? Da erinnert Morgenroth irgendwie an den verkrampft um Töne ringenden Pierce Brosnan in der zuletzt angelaufenen Musical-Verfilmung von Mamma Mia! Leider fällt Anton Rattinger (Colonel Pickering) kaum auf, verkauft sich Dagmar Biener (Mrs. Pearce) deutlich unter Wert, ist Udo Kroschwald (als polternder Alfred Doolittle) zumindest sympathisch.

My Fair Lady

Eine Überraschung gibt es dennoch: Ausgerechnet das Küken der Cast, der erst 20-jährige Dennis Jankowiak, lässt aufhorchen und singt als Freddie Eynsford auch die Titelinterpretin an die Wand. Wart's nur ab trällert Franziska Forster - und wir warten ab. Aber bis zuletzt bleibt die Kratzbürstigkeit ihrer Eliza zu aufgesetzt, zu kontrolliert und auch gesanglich kann der Part mehr Unterleib und bessere Technik vertragen. Ursprünglich sollte Franziska Lessing Amy Winehouse nachempfinden, doch mit der Erkrankung Lessings wurde auch das Winehouse-Konzept von Lund beerdigt. Stattdessen kommen nun Plüsch-Ratten, biedere Kostüme, tanzende Straßenfeger und ein sprechender Kakadu zum Einsatz. Somit ist was für die Kids dabei und Oma erkennt das Stück trotzdem wieder. Bei der Uraufführung des Schauspiels von George Bernard Shaw lösten die benutzten Schimpfwörter noch einen Skandal aus. Bei Lund glaubt man eher, sich in die Musicalfassung eines Rosamunde-Pilcher-Romans verirrt zu haben. Diese Lady ist ein altes Mädchen.



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