12. November 2008
Konzerthaus Berlin

Ein Geschenk an den Augenblick

Gabriela Montero rockt das Konzerthaus am Gendarmenmarkt

Programm

Johann Sebastian Bach
Flötensonate Es-Dur BWV 1031, II. Siciliano (Bearbeitung für Klavier von Wilhelm Kempff)
Präludium und Fuge a-Moll BWV 534 (Bearbeitung Franz Liszt)
Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 für Violine Solo (Bearbeitung für Klavier von Ferruccio Busoni)

Freie Improvisationen im Barockstil

Improvisationen über Themen aus dem Publikum

Mitwirkende

Gabriela Montero - Klavier

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Ein Geschenk an den Augenblick

Gabriela Montero rockt das Konzerthaus am Gendarmenmarkt

Von Beatrice Siering / Foto: EMI

A: "Die Montero kommt nach Berlin!"
B: "Ist das die, die zu allen möglichen Melodien abgefahrene Improvisationen erfindet?"
A: "Genau, die! Da muss ich unbedingt hin."

So oder ähnlich würden wohl Tausende Fans die Musik der Venezolanerin Gabriela Montero beschreiben. Und gekommen waren am vergangenen Mittwoch mehr als 1.200 Besucher ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Auf dem Programm... Tja, das wollte das Konzerthaus im Vorfeld wohl nicht verraten. Ein Blick in die Presseeinladung verrät: Bach und Barockes. Nun denn: auf zu einem Abend voller Erfindungsgeist!

Gabriela Montero

Doch bevor es an den Stegreifimprovisationen auf Zuruf geht, zunächst drei Werke von Bach in neuerer Bearbeitung und umgeschrieben für Klavier Solo. Programmpunkt Nummer eins: das Siciliano aus Bachs Flötensonate Es-Dur in einer Bearbeitung von Wilhelm Kempff. Sehr schlicht, verhalten, eine Reminiszenz an schöne, längst vergangene Tage. Bevor man die klaren Strukturen in sich aufsaugen und die Innerlichkeit des Satzes genießen kann, ist er auch schon zu Ende. Aber da gibt es ja noch das Präludium und die Fuge a-Moll von Bach, hier in einer eher selten gehörten Bearbeitung von Franz Liszt.

Im Präludium die erste Annäherung an Bach. Oder doch nicht? Viele Umspielungen, ein rasantes Auf und Ab der Klaviatur. Nicht wirklich schön, nichts Erhabenes, nichts Vergeistigtes. Wo bleibt die Bach'sche Seele? Wo die Tiefe und religiöse Prägung? Wohlgemerkt: die Melodielinien und Kontrapunktik sind sauber herausgearbeitet, aber bei einem "Barocken Abend à la Bach" erwartet der Zuhörer auch Bach. Und nicht Kempff, Liszt oder Busoni. Wo bleiben die schlichte Mehrstimmigkeit, die Erdverbundenheit, die Schönheit der Harmonien? An diesem Abend ist davon wenig zu spüren. Und auch die Stimmung des Kammertons a' scheint nicht ganz zu Bach zu passen. Die Mehrfachpreller wirken etwas angestrengt, ab und an mogeln sich falsche Töne unter und auch der Anschlag der Tasten - gänzlich jenseits alles majestätisch Barockem. Mit Erklingen der letzten Akkorde der Chaconne: sichtliche Erleichterung auf dem Gesicht von Gabriela Montero.

Von der Pflicht zur Kür. Auf Englisch verkündet die Pianistin, dass sie nun für das Publikum in barocker Manier improvisieren werde. Grundlage ist dabei kein spezifisches Motiv oder Thema. Das Publikum ist hin und her gerissen. Das könnte auch vorher einstudiert sein. Woher soll man wissen, ob da tatsächlich der situative Erfindungsgeist im Spiel ist. Artiger Applaus.

Um die Leute bei Laune zu halten, nun doch noch vor der Pause eine Improvisation über ein zugerufenes Thema. Sogleich findet sich ein Herr, der etwas vorsingt. Er tritt an die Bühne heran. Ein scheinbar unbekannter Song. Trotzdem sehr erheiternd, wenn sich Einzelne vor versammeltem Publikum so offenbaren. Und mit dieser beflügelnden und in sich konsistenten Improvisation kann Gabriela Montero auch den letzten Zweifler überzeugen. Da schlummert ein wirkliches Talent. Harmonische Vielfalt, rhythmisch einfallsreich und äußerst kurzweilig springt da der Funke über. Es entsteht ein interaktives Moment zwischen Publikum und Künstlerin. Und jetzt wird auch klar, warum all diese Menschen gekommen sind.

Im zweiten Teil des Konzerts widmet sich Montero ausschließlich der Improvisation. Die sie, wie sie sagt, in unbeschwerte Kindertage zurückversetzt. Und bei denen sie immer das Gefühl hat, von einer Klippe zu springen. Ohne Fallschirm und ohne Angst vor dem freien Fall. Sie muss nicht über die Akkorde und Harmonien nachdenken. Es ist eher eine Form der Intuition, der göttlichen Muse und Inspiration. Ohne sie kann sich die Pianistin eine musikalische Laufbahn nicht mehr vorstellen.

Mit acht Jahren zieht ihre Familie in die USA. Dort gerät sie an eine Lehrerin, die ihre Begabung nicht erkennt, sogar unterdrückt. Mit dem Ergebnis: Montero hängt die Pianistenlaufbahn an den Nagel. Stattdessen arbeitet sie als Krankenschwester und widmet sich der Familienplanung. Erst die Pianistin Martha Argerich ermutigt Montero, ihr Talent zu nutzen: auf die Bühne zurückzukehren und zu ihrer Gabe zu stehen. Am heutigen Abend sind diese Zweifel wie weggeblasen. Montero überzeugt mit einer unwahrscheinlich stilistischen Bandbreite - wirkt im Jazz- und Klassikmetier zuhause, liebt es auch mal schnulzig, den alten Casablanca-Klassiker As Time Goes By neu zu setzen oder das Hauptmotiv von Star Wars ins Klassische zu wandeln. Sagenhaft beeindruckend, unvorhersehbar und extrem sympathisch.

Einziger Fauxpas: der Song Pata Pata von Miriam Makeba. Den kennt Montero nicht. Auch als der halbe Saal bereits singt, kann sie die Melodie nicht aufnehmen. Und von Miriam Makeba hat sie auch noch nichts gehört. Aber das soll vorkommen. Aus einem kurzen Fetzen des Songs improvisiert sie so ergreifend, dass diese Episode mit dem Applaus vergessen ist. Jubelpfiffe, Füße-Getrappel und zwei Zugaben - das Publikum ist gänzlich aus dem Häuschen. Über eines allerdings kann es nicht hinweg täuschen. Der erste Teil wirkte etwas seelenlos, die Künstlerin angespannt und von den Strapazen ihrer Tournee gezeichnet. Ihrem unglaublichen Improvisationstalent allerdings tut das keinen Abbruch.



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