Deutsche Oper Berlin

Das Lächeln der Matrjoschka

Das Mariinsky-Theater zu Gast an der DOB

Programm

30. September 2008
Peter Iljitsch Tschaikowsky
Pique Dame

1. Oktober 2008
Dmitri Schostakowitsch
Die Nase

2. Oktober 2008
Modest Mussorgsky
Chowanschtschina

Mitwirkende

Musikalische Leitung: Valery Gergiev
Solistinnen, Solisten, Orchester und Chor des Mariinsky Theaters Sankt Petersburg

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Das Lächeln der Matrjoschka

Das Mariinsky-Theater zu Gast an der DOB

Von Heiko Schon / Fotos: N. Razina (Die Nase), V. Baranovsky (Chowanschtschina), Rieder Promotions (Pique Dame)

Früher war alles besser! Da bestand eine Kindheit nicht aus permanenter Reizüberflutung, sondern aus wohldosierten, pädagogisch wertvollen TV-Häppchen. Dazu knipste Opa am Sonntag den Fernseher fünf Minuten vor Filmstart an (damit die Bildröhre rechtzeitig warm wurde) und dann genoss man gemeinsam die heile Märchenwelt. Es jammerte das arme Mütterchen, zwirbelte der Räuber an seinem Rauschebart, strich sich der dicke König schmausend über den Schmerbauch. Ja, in punkto Spiellust, Herzblut und Ausstattung setzten diese alten russischen Produktionen Maßstäbe.

Chowanschtschina: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Wenn sich nun der Vorhang zum ersten Akt von Chowanschtschina hebt, sitzt man schlagartig wieder als Enkelkind vor Großvaters Flimmerkiste: Zwiebeltürme ragen empor, orthodoxe Symbole baumeln an den Wänden, die Paläste funkeln, die opulenten Kutten erst recht. Historischer Naturalismus - das ist heutzutage natürlich mal ganz was anderes. Man mag diesen Bauten und Kostümen eine gewisse Faszination auch gar nicht absprechen, denn so was Buntes ist eben was fürs Auge. Allerdings schaltet das Hirn schon nach fünf Minuten Bühnenpracht auf den Standby-Modus, da die Personenführung leider aus den gleichen Jahren zu kommen scheint.

Mussorgsky hinterließ ein unfertiges Werk, welches heute vorwiegend in der von Schostakowitsch vollendeten Fassung auf die Spielpläne gesetzt wird. Diese Überarbeitung feierte 1960 am heutigen Mariinsky Theater ihre Uraufführung. Und nun raten Sie mal, von wann die mitgebrachte Inszenierung stammt. Im Minutentakt wird gestikuliert, grimassiert, der Arm gehoben, das Auge gerollt. Der Sänger sitzt, steht oder kniet - selbstverständlich an der Rampe - und der Chor ist keine Ansammlung von Individuen sondern ein einzig abgeriegelter Block, der sich entweder geschlossen in Bewegung setzt oder eben gar nicht. Ferner kann Die Sache Chowanski im Heimatland sicher mehr begeistern als hierzulande. Konnte die Geschichte um Bojaren, Strelitzen und Petrowzen im westlichen Repertoire nie richtig Fuß fassen (im Gegensatz zu Boris Godunow), so wirkt sie heute, als ob eine dicke Schicht Patina auf ihr liegen würde.

Pique Dame: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Dagegen verliert eine Pique Dame nicht so schnell den Bezug zur Gegenwart. Selbst dann nicht, wenn sie als modisch verdummte Schmonzette inszeniert wird, wie von Alexander Galibin. Seine Deutung der Tschaikowski-Oper könnte auch "Vorgang hinter Vorhang" heißen, denn was hier an Stoffbahnen hin- und her-, auf- und wieder zugezogen wird, geht über ein subtil fallendes Leichentuch doch deutlich hinaus. Dafür hat sich Bühnenbildner Alexander Orlov eine extra Schnürkonstruktion einfallen lassen, die vom Zuschauerraum wunderbar einsehbar ist und surrend auf sich aufmerksam macht. Die Kostüme von Irina Cherednikova zitieren Biedermeier (Gehrock, Zylinder, Reifrock) oder zeigen russische Klischees (propellergroße Schleifen, bunte Rüschen und viel Spitze), die vor allem aus der Gräfin ein altes Zirkuspferd machen. Erneut mangelt es den Figuren an Psychologie und Bewegung, ist die Lichtregie (Gleb Filshtinsky) eine mittelschwere Katastrophe. Einzig Yuri Alexandrov bietet mit Schostakowitschs Nase eine szenisch akzeptable Umsetzung an. Er bringt dieses Stück Satire so auf die Bühne, wie es immer funktioniert: als durchgeknallte Trashrevue. Tumbe Polizisten, matronenhafte Witwen, ein Kamelreiter ("Nixe verstähän") und das haarige Männerballett sorgen für einen vergnüglich hohen Faktor an skurrilem Humor.

Die Nase: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die beste Sängerschmiede Russlands heißt Mariinsky. Hier werden Weltstars gebacken (Anna Netrebko, Vladimir Galouzine, Olga Borodina), versammeln sich die besten Solisten des Landes, besetzt man Hauptrollen mit jungen Künstlern. Davon kann vor allem Pique Dame profitieren. Mlada Chudoleij (Lisa), Maxim Axenow (Herman) und Kristina Kapustinskaja (Polina) heißen die aufgehenden Sterne, die durch unverbrauchtes, emotionsgeladenes Stimmmaterial auf sich aufmerksam machten. Zudem seien Nikolai Putilin (Tomski / Pique Dame), Andrei Popow (Wachtmeister / Die Nase) und Sergei Alexaschkin (Iwan Chowanski / Chowanschtschina) für die konstant hohe sängerische Qualität der drei Abende genannt. Auch aus dem Graben lässt sich Positives berichten. Maestro Valery Gergiev ist zwar kein Freund der leisen Töne, denn er liebt das Forte, den Sound im Breitwandformat, die starken Pinselstriche. Jedoch gewinnt gerade Die Nase durch diese dick aufgetragenen Farben. Da prahlt das Blech so herrlich übertrieben, schütteln sich die Streicher voll Entzücken, erfreut das knallige Schlagwerk - und wir haben unseren Spaß.



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