10. Mai 2008
Deutsche Oper Berlin

Mezzosoprane und andere Theatertiere

Götz Friedrichs Altinszenierung von Lohengrin an der DOB

Programm

Richard Wagner
Lohengrin

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Michael Schønwandt
Inszenierung: Götz Friedrich
Spielleitung: Gerlinde Pelkowski
Bühne und Kostüme: Peter Sykora
Chöre: William Spaulding

Heinrich der Vogler: Reinhard Hagen
Lohengrin: Stuart Skelton
Elsa von Brabant: Petra-Maria Schnitzer
Friedrich von Telramund: Sergei Leiferkus
Ortrud, seine Gemahlin: Jane Henschel
Der Heerrufer des Königs: Markus Brück
Vier brabantische Edle: Volker Horn, Peter Maus, Nathan Myers, Tomislav Lucic
Gottfried, Elsas Bruder: Lukas Groth
Edelknaben: Ines Schweizer, Maja Siebenschuh, Veronika Verebely, Mirjam Groth
Brautjungfern: Rosemarie Arzt, Constance Gärtner, Brigitte Höcht, Antje Obenaus, Gabriele Goebbels, Christa Werron, Brigitte Bergmann, Martina Metzler

Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin

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Mezzosoprane und andere Theatertiere

Götz Friedrichs Altinszenierung von Lohengrin an der DOB

Von Heiko Schon

Lohengrin, 2. Aufzug, 4. Szene. Soeben wurde dem gleißend weißen Unschuldsengel Elsa von Brabant der Brautschleier angeklammert. Krone, Lächeln: sitzt und blitzt. Dann auf zum Münster zur Märchenhochzeit! Wer denn der Bräutigam eigentlich ist, woher er kommt, weiß keiner so genau. Aber einen ritterlichen Strahlemann braucht man nicht auszuhorchen. Und außerdem hat die Zukünftige ja auch versprochen, penetrante Fragen in diese Richtung zu unterlassen. Alle freuen sich also für und mit Elsa, nur einer ist überhaupt nicht nach feierlicher Romantik zumute. Nein, weder Schwiegermutti noch Exfreundin stellen sich ihr in den Weg, sondern Kampfmaschine Ortrud, eine heidnische Kräuterhexe, bringt sich in Stellung, um Elsa den schönsten Tag im Leben so richtig zu vermiesen. Der Augenblick, den jeder Wagnerianer im Saal herbeigesehnt hat, ist da: Das innig geliebte Zickenduell zwischen Sopran und Mezzo startet - und dank Petra-Maria Schnitzer und Jane Henschel fliegen auch ordentlich die Fetzen. Schnitzer legt die Stirn in Falten, schüttelt ungläubig den blonden Schopf, reagiert konstatiert, irritiert, zuletzt fast traumatisiert auf soviel Bosheit, die ihr die Krallen wetzende Henschel dreckig grinsend entgegenschleudert. Da haben beide Damen merklich Spaß bei der Sache und überhaupt wirkt dieser Moment, als ob Joan Collins und Linda Evans in einer Folge des Denver Clans aufeinander losgehen.

Köstlich - wobei die Frage gestattet sein muss, ob Henschel ihre Partei deshalb gesangsstilistisch als Tremolobombardement serviert, weil sie die Ortrud so charakterisieren möchte oder weil die Stimmbänder in der Höhe nichts anderes mehr zulassen. Mitunter vibriert Henschel da fröhlich über gesangliche Grenzen einfach hinweg. Phrasen werden murmelnd gezischt oder sprechend ausgespuckt und oberhalb der Mittellage ist... Nein, das geht jetzt aber entschieden zu weit. Man muss zweifellos anerkennen, dass es Henschel versteht, mit dieser stimmlichen Hässlichkeit Emotionen zu erzeugen. Anders entsteht aus dieser Rolle nämlich kein fleischliches Bühnenwesen. Und so wie Henschel Ortrud IST, IST Schnitzer Elsa: Mit traumwandlerischer Sicherheit landet Schnitzer einen stimmlichen Treffer nach dem anderen - abgesehen von einem leichten Konditionsabfall im 3. Aufzug - und bringt damit die Frauenmannschaft deutlich in Rührung. Während Stuart Skelton mit stolz geschwellter Brust seinen metallisch noblen, textdeutlich schneidigen Heldentenor vorführt, entledigt sich Sergei Leiferkus des Telramunds mit dem Charme eines Playboys im Vorruhestand. Auch König Heinrich (Reinhard Hagen wurde nach der ersten Pause indisponiert angesagt), zwei der vier brabantischen Edlen sowie einige Solisten aus dem Männerchor hätte man gern ohne diese knorrigen, knurrenden, röhrenden Laute gehört. Kraftvoll und edel dagegen: der Heerrufer von Markus Brück.

Das Wagnergold - so richtig leuchten will es nicht. Größtenteils ist dies aber dem Klangapparat, seiner musikalischen Leitung und der Inszenierung zuzuschreiben. Das Orchester der Deutschen Oper verfällt in eine fahrige Passivität (gerade beim Einsatz der Königstrompeten bleibt ein schmerzhaftes Zusammenzucken nicht aus), der Michael Schønwandt nichts entgegenzusetzen hat. Nun muss man ja Lohengrin nicht Karajan-schwelgerisch oder Kempe-widerborstig dirigieren, aber eine eigene Interpretation wäre schon schön gewesen. Doch davon nichts zu hören - dieser Wagner verschwindet im Treibsand der Beliebigkeit. Regiehandwerklich ebenso, denn Götz Friedrich tat im Juni 1990 nicht mehr, als in kantig-eckigen Bühnenbildern kantig-eckig zu führen. Eins, zwei - der Chor von rechts nach links, drei, vier - die Fahnenschwenker - wie mit dem Maßstab genormt - von hinten nach vorn. Graue Massen, vorgestrige Gesten, vorvorgestrige Kostüme. So ist es erst einmal zu begrüßen, dass sich die Deutsche Oper endlich dazu durchgerungen hat, den heiligen aber verstaubten Götz-Friedrich-Gral aus der Vitrine zu nehmen, sprich, das Wagner-Repertoire zu erneuern. Den Anfang macht Der fliegende Holländer am 08. Juni, gefolgt vom Tannhäuser am 30. November 2008. Und da der neue GMD des Hauses, Donald Runnicles, keinen konzertanten Parsifal mit José Cura machen wollte, wird es auch von diesem Bühnenweihfestspiel eine szenische Neuproduktion geben - ohne Cura. Dieser statische Lohengrin hätte als erster die Ablösung verdient, aber nach den Regeln der Opernstiftung ist das für die nächsten Jahre ausgeschlossen. Da war die Staatsoper - mal wieder - schneller.

(Leider stellt uns die Deutsche Oper Berlin für diese Inszenierung keine Fotos zur Verfügung)



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