31. Mai 2008
Komische Oper Berlin

Wir geben 'ne Party

Barrie Kosky inszeniert Kiss me, Kate an der Komischen Oper

Programm

Cole Porter
Kiss Me, Kate

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Koen Schoots
Inszenierung: Barrie Kosky
Choreographie: Otto Pichler
Bühnenbild: Klaus Grünberg
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Dramaturgie: Ingo Gerlach
Chöre: Daniel Mayr
Licht: Franck Evin
Sounddesign: Gerd Drücker

Lilli Vanessi / Katharina: Dagmar Manzel
Fred Graham / Petruchio: Roger Smeets
Lois Lane / Bianca: Sigalit Feig
Bill Calhoun / Lucentio: Danny Costello
Erster Ganove: Christoph Späth
Zweiter Ganove: Peter Renz
Harrison Howell: F. Dion Davis
Gremio: Miha Podrepsek
Hortensio: Robin Poell
Harry Travour / Baptista: Hans-Martin Nau
Paul, Garderobier: Thomas Ebenstein
Hattie, Garderobiere: Barbara Sternberger
Ralph, Inspizient: Matthias Spenke

Artist, Tanzensemble, Rhythmusgruppe

Chorsolisten, Komparserie und Orchester der Komischen Oper Berlin

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Wir geben 'ne Party

Barrie Kosky inszeniert Kiss me, Kate an der Komischen Oper

Von Heiko Schon / Fotos: Monika Ritterhaus

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Ding Dong! Barrie Kosky steht mit einer großen, bunten, oh ja, kunterbunten Marzipantorte vor der Tür. Sieht schon extrem lecker aus, das Ganze. Und jedes Stück ist für sich genommen eine köstlich zuckersüße Sünde. Da greift man gerne zu. Fragt nicht nach. Lässt es sich schmecken. Ein Stück. Zwei. Na gut, ein drittes geht auch noch, aber dann ist genug. "Nein, nein", sagt Barrie, während er den Revolver aus dem Paillettenhöschen zieht, "das wird alles aufgegessen!" Das ist natürlich eine freche Übertreibung - aber He! - Spaß muss sein. Davon gibt's bei Koskys Kätchen nämlich reichlich. Drei Stunden lang. Wie viel man davon verträgt, ohne dass sich ein gewisses Völlegefühl einstellt, mag dann doch bitte jeder für sich selber entscheiden, denn ein Besuch im schwül-schwul-bi-hetero-erotischen Vergnügungspark lohnt allemal. Dort geht's heiß her: Ansehnliche Halbnackte, Männer in Frauenkleidern, Frauen, die aussehen wie Männer in Frauenkleidern und ganz normale Theater-Choleriker bringen bereits mit Premierenfieber, dem ersten Song, das Musical-Karussell in Rotation. Was auch sofort ins Auge fällt, ist die ungewöhnliche Aufteilung der Bühne: Klaus Grünberg hat die linke Grabenhälfte abgedeckt und dahinter eine gigantische, halbrunde Metallkonstruktion auf die Plattform gehievt, welche sich nach hinten weg dreht. Rechts, hintereinander aufgetürmt und bis auf die violetten Fez-Käppis ganz in weiß: die Musiker. Kosky bringt sie wie ein skurriles Palastorchester mitten in der Szene unter, und eine Showtreppe gibt es auch noch...

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Die Kostüme von Alfred Mayerhofer bieten grellbunte Stoffe, toupierte Turmfrisuren, sexy Miederware (aber auch unappetitliche Feinrippunterwäsche) und Cowboys wie -girls in wirklich allen erdenklichen Glitzerfarben. Da trifft Dr. Frank-N-Furter auf den Käfig voller Narren. Die Maske leistet ihren kolossalen Beitrag. Kitsch as Kitsch can. Auf beachtliche Weise zeigt dies, wie fabelhaft die Werkstätten der Opernstiftung in Schuss sein müssen. In tadelloser Verfassung zeigt sich auch das Orchester der Komischen Oper. Koen Schoots hatte schon mit Sweeney Todd bewiesen, dass er diesen Klangkörper mit dem Musical-Virus infizieren kann. Wie pfiffig und zackig Schoots die Nummern zum Klingen bringt, wie er es schafft, dass diese Musik durch die Ohren über Hirn und Herz sofort in die Beine geht und welche Begeisterung sie auslöst, die Zuhörer mitreißt und aufregt - das beglückt. Otto Pichler würzt das Treiben nicht nur mit lüsternen, rasant choreographierten Schritten und Sprüngen, sondern lässt in diesem Genre endlich wieder einmal richtig viel tanzen. Er schenkt dem zusätzlich gecasteten, zwölfköpfigen Ensemble nichts, verlangt eine Menge ab - und die Tänzer schlagen sich mit Bravour.

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Der eigentliche Grund für diese Neuproduktion hat aber einen ganz anderen Namen: Dagmar Manzel. Sie ist der ideale Besetzungscoup aus einem einfachen Grund: Die Geschichte spielt im Theater. Und von dort kommt Manzel schließlich. Sie ist also keine Musicalsängerin sondern Schauspielerin, die weiß, wie eine Lilli Vanessi mit Leben erfüllt wird. Dass Manzel daneben noch über eine beachtliche Gesangsstimme verfügt, macht sie praktisch unersetzbar für diesen Abend. Sie hopst zwischen den einzelnen Plateaus, schäkert, terrorisiert und albert rum, geht einem in ihrer Aufgekratztheit auch mal auf die Nerven, aber es passt alles zu ihrem Part - und Manzel erobert damit ihr Publikum im Sturm. Schade dass es sich der Regisseur mit der Katharina im Shakespeare-Stück zu einfach macht und sie als kindischen Rüpel mit Besen-Perücke über die Rampe hetzt. Da hätte Manzel sicher mehr drauf gehabt. Roger Smeets kommt gegen ein solches Energiebündel natürlich schwer an; Sigalit Feig und Danny Costello stellen ihre hohe Professionalität in der Musical-Sparte singend (Aber treu bin ich nur dir Schatz) und tanzend (Costellos Steppnummer) unter Beweis. Und Barrie Kosky? Für ihn ist Kiss me, Kate eine schrille Parade. Wer sich nicht daran stört, dass der Plot nun flacher ist als eine Flunder, wird auf seine Kosten kommen.



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