23. Mai 2008
Konzerthaus Berlin

Schwere Kost - die Ghetto-Oper

Das Konzerthaus zeigt den in Theresienstadt entstandenen Einakter von Viktor Ullmann

Programm

Viktor Ullmann
Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung, op.49

Mitwirkende

Christian Fröhlich - Musikalische Leitung
Cornelia Heger - Regie
Sabine Hilscher - Ausstattung
Jens Schubbe - Dramaturgie

Ein Orchester aus Studierenden der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin
Mike Keller - Bariton
Christoph Schröter - Tenor
Lisa Laccisaglia - Sopran
Markus Vollberg - Tenor
Gerald Michel - Sprecher
Uta Buchheister - Mezzosopran
Gary Jankowski - Bass
Ingo Witzke - Bariton

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Schwere Kost - die Ghetto-Oper

Das Konzerthaus zeigt den in Theresienstadt entstandenen Einakter von Viktor Ullmann

Von Beatrice Siering

Macht. Terror. Tod - ultimatives Instrument eines absoluten Herrschaftsanspruchs. Als der kaiserliche Tyrann Overall den "Krieg aller gegen alle" ausruft mit dem Ziel der Vernichtung allen menschlichen Lebens, weigert sich der Tod. Er will nicht als Bannerträger dieses Feldzuges vorgeschickt werden. Die Konsequenz: Niemand kann mehr sterben, weder durch Kugeln, Krankheiten oder Seuchen.

In Viktor Ullmanns "Quasi"-Oper in einem Akt steht die Welt Kopf. Die handelnden Figuren spiegeln die Perversion aller menschlichen Verhältnisse. Ein Kaiser, der mit dem Tod um das Leben spielt und am Ende selber untergeht, ein Harlekin, der sich beinahe zu Tode langweilt, zwei todgeweihte Soldaten, die sich ineinander verlieben und ein Trommler, der nicht ganz von dieser Welt ist.

Ganz schön starker Tobak. Dass es sich hierbei nicht um traditionelle Opernliteratur handelt, wird dem Zuschauer spätestens dann klar, wenn der Lautsprecher anfängt, ein Eigenleben zu entwickeln. Zunächst der Prolog, in dem die Figuren samt Leitmotiv vorgestellt werden. Danach vier Bilder - allerdings ohne dramaturgische Kontinuität. Stattdessen reihen sich instrumentale Sätze an liedartige Gebilde bis hin zu gesprochenen Passagen. Auffällig auch die Zahlensymbolik: Ullmann spielt insbesondere mit der Zahl sieben und deren Vielfachen. So sind es zunächst 7 Personen im Bannkreis des Kaisers, 13 Instrumentalisten plus ein Dirigent sowie 49 wahnwitzige Aussprüche des Diktators.

Erste Erfolge als Komponist erzielt Viktor Ullmann in den 20er Jahren. Noch ganz der expressionistischen Linie seines Lehrers Arnold Schönberg verpflichtet, wechselt er nach Prag, wo er unter Zemlinsky bis 1927 als Kapellmeister am Prager Neuen Deutschen Theater arbeitet. Weitere Stationen: Aussig, Zürich, Stuttgart. Als Jude, Anthroposoph und Schönberg-Schüler im Dritten Reich dreifach "entartet", sieht sich Ullmann gezwungen, Deutschland 1933 zu verlassen. Er geht zurück nach Prag und widmet sich ganz seinen musikalischen Studien, bis er 1942 von den Nazis ins Ghetto Theresienstadt deportiert wird. Hier komponiert er soviel wie nie zuvor.

Trotz Hunger und heftiger Probleme vollendet er in dem "Vorzeigelager" der Nazis 1943/44 die Oper Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung. Das Libretto stammt aus der Feder von Peter Kien. An der ab März 1944 einsetzenden Probenphase hat Ullmann wenig Freude. Musiker und Beteiligte ändern das Manuskript so rigoros, dass nur mehr eine "Rumpffassung" der eigentlichen Oper erkennbar ist. Er entscheidet sich gegen die Aufführung des Werkes. Bis heute ist die Oper in dem früheren Lager Theresienstadt nie erklungen, so der Musikwissenschaftler Dr. Ingo Schultz. Am 16. Oktober 1944 wird Viktor Ullman in einem Viehwagen nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Erst 21 Jahre nach Ullmanns Tod erlebt Der Kaiser von Atlantis in Amsterdam seine Uraufführung. Aus heutiger Sicht eine glatte Fehlinterpretation. Denn Dirigent Kerry Woodward stellt die Figur des Kaisers Overall auf eine Stufe mit Hitler und gibt dem Werk die Lesart einer antifaschistischen Widerstandsoper. Doch dafür gibt es keinerlei Verweise im Werk. Vielmehr abstrahiert Ullmann die im Konzentrationslager vorgefundenen menschenverachtenden Lebensbedingungen und setzt sich in seinem Einakter kritisch mit Grundfragen seiner künstlerischen Weltanschauung auseinander. Zentrale Momente: die innige Verbundenheit des Todes mit dem Leben und der Sieg der Liebe über die totale Barbarei.

Doch warum nun diese ausschweifende Vorrede? Ohne ein Mindestmaß an Informationen ist der Zuschauer angesichts der Vielschichtigkeit der Oper in der Aufführung wohl ziemlich verloren. Das beginnt schon beim Bühnenbild: ein Meer aus weißen in die Luft gestreckten Händen oder Handschuhen das Schlachtfeld! Hätten Sie's erkannt? "Natürlich", sagt man sich im Nachhinein. "Klar. Das könnten die Hände der Unschuldigen sein, die beim Ertrinken nach dem letzten Grashalm greifen." Oder? Die Kostüme und Requisiten fast einheitlich in schwarz-braun-weißen Farbtönen. Doch damit hat sich die Originalität der Inszenierung fast schon erschöpft. Ein Harlekin, der mit einem Luftballon spielt und der Tod im schwarzen Mantel mit Pelzbesatz, dem der feine Sand wie Zeit durch die Finger rinnt. Ist das einfallsreich? Wo sind die sprühenden Ideen, die neuen Denkansätze?

Auch die immer gleichen, tausend Mal einstudierten Gesten der Sänger wirken angesichts des Stoffes eher nichtssagend und zum Teil sogar deplatziert. Eindringlich dagegen die stimmliche Leistung von Christoph Schröter. Der zeichnet sich höchst sonor in der Rolle des Harlekin aus. Das Orchester unter Christian Fröhlich tritt zugunsten der Geschichte gänzlich in den Hintergrund. Was fehlt sind Ober- bzw. Untertitel. Die hätten sich im Hinblick auf die Verständlichkeit sicher gut gemacht.

Alles in allem wirkt die Oper dank des fast 20-jährigen Quellenstudiums von Musikwissenschaftler Dr. Ingo Schultz sehr authentisch und glaubwürdig. Bisweilen erweckt die Inszenierung aber beim Zuschauer einen eher bemühten und angestrengten Eindruck.



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