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2. Mai 2008 Deutsche Oper Berlin Himmlische EruptionenSchlingensief inszeniert Jeanne d'Arc an der DOB |
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ProgrammWalter BraunfelsJeanne d'Arc |
MitwirkendeDeutsche Oper BerlinMusikalische Leitung: Ulf Schirmer Idee, Konzeption: Christoph Schlingensief Regieteam nach Aufzeichnungen von Christoph Schlingensief: Anna-Sophie Mahler, Carl Hegemann, Søren Schuhmacher Bühne, Konzeption: Thomas Goerge, Thekla von Mülheim Kostüme: Aino Laberenz Film / Video: Kathrin Krottenthaler Videotechnik: Konstantin Hapke Dramaturgie: Carl Hegemann, Katharina John Chöre: William Spaulding Einstudierung Staats-und Domchor Berlin: Kai-Uwe Jirka Hl. Michael: Paul McNamara Hl. Katharina: Anna Fleischer Hl. Margarete: Julia Benzinger Karl von Valois, König: Daniel Kirch Erzbischof von Reims: Nathan Myers Cauchon Bischof von Beauvais: Peter Maus Vicar-Inquisitor: Simon Pauly Johanna: Mary Mills Jacobus von Arc: Ante Jerkunica Colin: Paul Kaufmann Gilles de Rais, Blaubart: Morten Frank Larsen Herzog de la Trémouille: Lenus Carlson Herzog von Alencon: Jörg Schörner Ritter Baudricourt: Markus Brück Lison: Nicole Piccolomini Bertrand de Poulengy: Clemens Bieber Florent d'Illiers: Nathan Myers Page: Laura Bogwardt Salisbury, Hauptmann: Nathan Myers Hohepriesterin: Karin Witt Tänzer: Marcos Abranches Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin Staats-und Domchor Berlin |
Himmlische EruptionenSchlingensief inszeniert Jeanne d'Arc an der DOBVon Beatrice Siering Wow! Das hat der Deutschen Oper noch gefehlt: ein Erdbeben à la Schlingensief. Eine phantastische, szenisch opulent gestaltete und bisweilen ironisch anmutende Uraufführung von Walter Braunfels' Oper Jeanne d'Arc. Eine Großbildleinwand. Darauf Filmaufnahmen einer nepalesischen Tempelanlage am heiligen Fluss Bagmati. Dem Gott Shiva zu Ehren werden hier die Toten aufgebahrt und anschließend verbrannt. Ihre Asche wird in den Fluss gestreut. Ein weiß gekleideter Priester betreut die Angehörigen. Weiß für die Farbe der Trauer und des Todes. Weiß und unschuldig auch wie die Jungfrau von Orléans. Was zunächst ein mulmiges Gefühl verursacht, entpuppt sich bald als erste Analogie auf den Leidensweg dieser französischen Nationalheldin. Das Bewegtbild rückt in den Hintergrund und macht Platz für das eigentliche Geschehen. In acht Szenen schildert Braunfels die Berufung, den Triumph und das Leiden der Heiligen Johanna und orientiert sich dabei an den deutschen Prozessakten. Doch wer eine hyänenartige Frauengestalt in Kriegsmontur erwartet, der sucht vergebens. Stattdessen eine Frauengestalt, hin und her gerissen zwischen ihrer Rolle als liebende Tochter und ihrer Vorherbestimmung, Frankreich vom englischen Joch des Hundertjährigen Krieges zu befreien. Eine normale Sterbliche, die mit 13 Jahren erstmals die Stimmen der Heiligen hört. Die Heilige Katharina und Margarete im trashig, schwarz glitzernden Kostüm mit Mireille Mathieu-Verschnitt geben bereits einen Vorgeschmack auf das, was kommt: ein Vater im Gewand des Hl. Petrus und Rentierschlitten, Transparente mit Aufschriften wie "Hier fehlt ein Ritual" oder echte, bockige Schafe, Ziegen und sogar eine Kuh. Fast wie in einem Aquarium, mit vielen Wassersäulen und einem Tiefgang, dass einem schwindelt. Und Stoff genug, um die anschließende Pause mit mehr zu füllen als Phrasen wie "War doch ganz schön …" oder "Das Bühnenbild war aber ziemlich gewagt!" Stattdessen Diskussionsstoff: "Warum haben die Engel im Schlussbild der dritten Szene den sich schließenden Vorhang immer wieder geöffnet?" oder "Welche Funktion hat der Tänzer mit den spastischen Bewegungen, der König Karl von Valois zur Seite gestellt wurde?" Auch wenn die Szenerie ab und an etwas überladen scheint und ins Groteske abzudriften droht, stecken doch so viele verspielte Einfälle im Detail - ob im Kostüm, der Requisite, der Personenregie, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als sich mitreißen und immer wieder neu inspirieren zu lassen. Auch die ständigen Umbauten auf der Drehbühne stören keineswegs, reflektieren sie doch nur das unruhige, aufregende Leben des bodenständigen Bauernmädchens aus Lothringen. Stimmlich brilliert die amerikanische Sopranistin Mary Mills ganz im Sinne ihrer Rolle der Johanna von Orléans -- ohne Starallüren und großes Brimborium. Ähnlich stark die beiden Heiligen Katharina und Margarete à la Anna Fleischer und Julia Benzinger. Aber auch Daniel Kirch als französischer König Karl von Valois und Morten Frank Larsen, Jeanne d'Arcs enger Vertrauter Gilles de Rais, stehen dem stimmlich und schauspielerisch in nichts nach. Doch alles wäre nur Makulatur ohne das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Ulf Schirmer. Mühelos beherrschen sie die herausfordernden Bläser- und Streicherpartien, die bisweilen gar nicht so ohne sind. Hinzu kommt der klangstarke Opernchor, der unter die Haut geht. Ganz besonderes Schmankerl: die gut 30 Sängerknaben des Staats-und Domchores Berlin. Beinahe 70 Jahre nach Entstehung, verhilft die Deutsche Oper Berlin und Regisseur Christoph Schlingensief der Oper Jeanne d'Arc zu spätem Ruhm. Unter den Nazis als "Halbjude" verfemt, ging der Komponist Walter Braunfels in die innere Emigration und widmete sich ganz seinen Kompositionen. Die Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna spiegeln seine Auseinandersetzung mit dem Katholizismus wieder, zu dem er bereits 1917 konvertierte. Ist es die Vielschichtigkeit des Werkes, der provokative und verspielte Bruch mit alten Konventionen, die kreative Ideenflut oder einfach eine moderne Auffassung von Gesamtkunstwerk, die so faszinieren? Um das zu verstehen, bedarf es wohl eines weiteren Besuchs der Oper. Bravo! (Leider stellt uns die Deutsche Oper Berlin für diese Inszenierung keine Fotos zur Verfügung) |