3. März 2008
Philharmonie

"Hymn is it!"

Ingo Metzmacher und das DSO

Programm

Charles Ives
Orchestral Set No. 2
Maurice Ravel
Klavierkonzert G-Dur
Igor Strawinsky
Le sacre du printemps

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Ingo Metzmacher- Dirigent
Hélène Grimaud - Klavier

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"Hymn is it!"

Ingo Metzmacher und das DSO

Von Fabienne Krause / Foto: Mathias Bothor

Rattle - Metzmacher: Nicht nur Chefdirigenten der beiden größten Klangkörper Berlins, sondern auch ein bisschen Kontrahenten. So hat es jedenfalls die Presse immer ganz gerne, wenn es in der Vergangenheit um einen Vergleich ging. Eigentlich sollte man meinen, dass Nischenbesetzung und unterschiedliches Repertoire für beide strategisch klug wären. Am Abend des 03.03.2008 in der Philharmonie hatte Ingo Metzmacher aber mit seinem Programm offensichtlich gerade das nicht im Sinn. Die Werkauswahl stand ganz unter dem Motto "Rhythm is it!" mit dem Orchestral Set No. 2 von Charles Ives, Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel und - wer hätte das gedacht - Le sacre du printemps von Igor Strawinsky. Vielleicht wollte Metzmacher aber auch die Beliebtheit, die dieses Stück seit Rattles Kinohit erreicht hat, für seine eigene Popularität nutzen. Das war aber nicht sein einziger Trumpf, um sich in die Köpfe des Publikums zu dirigieren. Denn nicht zuletzt sorgte Hélène Grimaud an diesem Abend für ausverkauftes Haus.

Ingo Metzmacher

Überraschender Weise schlug Ingo Metzmacher allerdings der Erwartungshaltung des Publikums ein Schnippchen, das sicherlich größtenteils wegen Grimaud gekommen war. Ganz so, als wollte er sagen: "Ich bin zwar an der Seite einer Starpianistin und schüttle das Steckenpferd Rattles aus dem Ärmel, überzeuge aber auch mit einem unbekannten Werk." Der Höhepunkt des Abends war nämlich bereits mit dem ersten Stück, Orchestral Set No. 2 von Charles Ives, erreicht. Seit der Spielzeit 2007/2008, als neuer Chefdirigent nach Nagano und Ashkenazy, verfolgt Ingo Metzmacher u.a. die Fokussierung auf die Klangfarbe des Orchesters. Gerade bei Charles Ives konnte er diesen Gedanken mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin eindrucksvoll unter Beweis stellen. Der erste Satz der Orchestersuite "An Elegy to Our Forefathers" schafft Klangillusionen und Tongebilde, die wie instrumentales Stimmengewirr und Geflüster aus nicht zu ortenden Richtungen kommen. Charles Ives bedient sich bei Volks- und Kirchenliedern, lässt diese in verschiedene Klangkostüme schlüpfen und zwischen wechselnden Zeitmaßen pendeln. Im zweiten und dritten Satz des Werkes bestimmen Ragtimes, Hymnen und bekannte Melodien die Komposition. Man sieht feiernde Menschenmengen, vorbeiziehende Mardi Gras-Paraden und dergleichen vor seinem geistigen Auge. Es entwickelt sich langsam eine Steigerung aus verschiedenen Tonarten und Rhythmen, die nach einem fulminanten, hymnischen Höhepunkt durch ein zweites "Fernorchester" abgelöst werden. Die Musik entfernt sich und es bleiben vereinzelte Instrumente wie z.B. Akkordeon übrig; die Menschenmenge zieht vorüber an einem sonnigen Festtag. Auch Ingo Metzmacher und das DSO verstanden es, ihr Publikum mitzureißen in ein rauschendes Klangspektakel. Ein euphorischer Moment, der sich vom Dirigenten auf jeden einzelnen Musiker zu übertragen schien und zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde. Metzmacher hat nicht nur das Publikum überzeugt, sondern war es von der eigenen Leistung wohl auch selbst, als er beim Abgang kurz vor der Saaltür zu sich selbst die Fäuste zum Sieg ballte.

Vielleicht erzählte er hinter der Kulisse Hélène Grimaud von dem Erfolg. Denn es dauerte ungewöhnlich lange, bis diese zum Flügel schritt. Sie meisterte das G-Dur Klavierkonzert von Maurice Ravel mit solider Brillanz, schaffte es aber nicht, ebenfalls eine solche Euphorie zu erzeugen. Emotionale Bewegtheit zeichnete sich zwar in ihrem Gesicht ab, übertrug sich aber kaum auf ihr Spiel, das an manchen Stellen den rauen, rotzigen Jazzton des Werkes vermissen ließ. Zu Beginn des zweiten Satzes, der von schlichter Einfachheit mit einem breit ausgesungenen Thema geprägt ist, zeigte sie allerdings vorher nicht dagewesene Intimität und Verletzbarkeit. Dennoch fehlte es insgesamt an ihrer sonst außergewöhnlichen Interpretationsgabe.

Zu guter Letzt verstand es Ingo Metzmacher sein Orchester unbeschadet durch Le sacre du printemps zu leiten, konnte an seinen Anfangssturm aber nicht wieder anknüpfen. Der bei Rattle faszinierend aus der Tiefe hervorbrodelnde Klang blieb beim DSO an der Oberfläche. Und auch der in den Wahnsinn treibende Rhythmus rollte eher ungefährlich dahin.



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