11. Februar 2008
Deutsche Oper Berlin

Adieu tristesse, bonjour Natalie

Ein seltenes Gastspiel an der Deutschen Oper

Programm

Édouard Lalo
Le Roi d'Ys (Der König von Ys) - Ouvertüre

Jules Massenet
Manon - Arie der Manon und Gavotte, 3. Akt

César Franck
Le chausseur maudit - Symphonische Dichtung nach der Ballade Der wilde Jäger

Ambroise Thomas
Hamlet - Wahnsinnsszene der Ophélie, 4. Akt

Giuseppe Verdi
La Battaglia di Legnano (Die Schlacht von Legnano) - Ouvertüre

Gaetano Donizetti
Lucia di Lammermoor - Wahnsinnsszene der Lucia, 3. Akt

Giuseppe Verdi
La Traviata - Ouvertüre, Szene und Arie der Violetta, 1. Akt

Mitwirkende

Natalie Dessay - Sopran
Orchester der Deutsche Oper Berlin
Pinchas Steinberg - Dirigent

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Adieu tristesse, bonjour Natalie

Ein seltenes Gastspiel an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon / Foto: Simon Fowler

Über 10 Jahre ist es her, als Natalie Dessay das letzte Mal deutsche Bühnenbretter betrat. Seit diesem Gastspiel an der Berliner Staatsoper galt es nicht nur Erfolge zu feiern, sondern auch die eingelegten Zwangspausen in Form zweier Stimmband-OP's zu überwinden. Dabei bewies die zierliche Französin die Qualitäten eines Stehauffräuleins: Intelligent, unermüdlich und willensstark kämpfte sich Dessay erneut nach oben, um dort zu stehen, wo sie heute zweifelsfrei dazugehört - in der Top-Liga der Koloratursoprane. Dessay kann sich die Häuser wieder aussuchen, an denen sie auftritt. Egal ob Wien, Barcelona oder London: Mademoiselle Natalie bezaubert in der französischen und deutschen Romantik gleichermaßen wie in ihren Belcanto-Rollen. Selbst die sonst so lässigen New Yorker bejubelten euphorisch Dessays Braut von Lammermoor zum diesjährigen Saisonstart an der Met. In ihren letzten Interviews betonte Dessay immer wieder, dass Liederabende nicht so ihr Ding sind, weil dabei der szenische Kontext auf der Strecke bleibe. Zudem nehme sie nur noch Rollenangebote für Neuinszenierungen an, da ihr die intensive Probenarbeit mit dem Regisseur sehr wichtig sei. Klare Standpunkte, die natürlich eher ungeeignet und demzufolge schade für die deutsche Musiktheaterlandschaft mit ihren Repertoirebetrieben sind. Nur gut, dass echte Künstlerinnen Prioritäten setzen - um davon Ausnahmen zu machen. Schon zu Silvester 2003/04 sollte Dessay ihr Debüt an der DOB geben und musste dann wegen dem angeschlagenen Zustand ihrer Goldkehle absagen. Nun kam doch ein Arien-Konzert im Hause an der Bismarckstraße zustande, so dass man wahrlich von Glück sprechen kann. Aber auch von einem Plattenvertrag, den es zu erfüllen gilt. Folglich ist die Auswahl der Stücke zwischen Programm und neuer CD nahezu identisch.

Natalie Dessay

Freilich, es waren Wahnsinnsszenen im doppelten Sinne: Wo sonst Tage im Aufnahmestudio zur Verfügung stehen, galt es, die schwersten Arien nacheinander zu servieren. Das Orchester hatte davor und dazwischen im eigentlichen Sinne nicht mehr zu tun, als der Sängerin (und manchmal auch dem Zuhörer) einen Moment des Durchatmens, der inneren Sammlung zu verschaffen. Pinchas Steinberg am Pult des DOB-Orchesters begriff dies aber als große Chance und verpasste den Ouvertüren und Zwischenspielen akkuraten Feinschliff. Wie ein Warm-Upper brachte er den Saal in Stimmung, legte Lalos spanische Wurzeln ebenso frei wie den polyphonen Stil Francks und offenbarte Verdis revolutionäres Temperament in zackigen Tempi, dass es schon allein eine wahre Freude war, ihm bei Dirigieren zuzusehen. Dessay trat auf, räumte erst einmal einen Notenständer beiseite, klebte den vergessenen Kaugummi auf einen Standfuß und demonstrierte in ihrem kleinen, bescheidenen Schwarzen: Ich benötige sowieso keine Etikette. Damit hatte Dessay ihr Publikum gewonnen, noch bevor sie überhaupt ihre erste Phrase gesungen hat. Massenets Manon gestaltet Dessay weit weniger süßlich als zuletzt Anna Netrebko. Vielmehr liebt sie es, die Spitzentöne mächtig und kraftvoll anzusteuern. Glockenklar, fragil, ja fast gläsern entschwindet ihre Ophélie dem irdischen Dasein. Lucias Wahnsinnsarie - durch eine Glasharmonika (Sascha Reckert) begleitet - beeindruckte vor allem durch eine akzentfreie, technisch ausgereifte, perfekt schattierte Wiedergabe. Mit ihrer La Traviata, der nächsten szenischen Hürde 2009 in Santa Fé / New Mexico, übte Dessay Selbstkritik. Zunächst unzufrieden über die eigene Leistung gab sie eine doppelte, hoch virtuos ausschmückende, bis zum dreigestrichenen Es hinauf schwingende Violetta zum Besten.

Im Unterbewusstsein treten butterweiche Knie den Weg nach Hause an. Verzückt, verschwitzt sinkt man auf die Polster im U-Bahn-Wagon. Ein toller Abend! Merci beaucoup.



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