14. September 2008
Philharmonie

Verwobenes aus Österreich

Rattle und die Philharmoniker im Rahmen des Musikfestes 08

Programm

Franz Schreker
Kammersymphonie
Anton Bruckner
Symphonie Nr. 9 d-Moll

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Stipendiaten der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent

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Verwobenes aus Österreich

Rattle und die Philharmoniker im Rahmen des Musikfestes 08

Von Leyla Jasper

Zauberhaft schön und sehr zart fing der Abend an. Stravinski? Debussy? Unbekannte schmachtende Hollywood-Filmmusik? Nein, der österreichische Komponist Franz Schreker, der 1934 in Berlin verstarb. Im Halbkreis saßen die wenigen Musiker auf der Bühne und präsentierten dabei eine für solch eine kleine Besetzung erstaunliche Vielfalt der Instrumente. Ein sehr hedonistisches Stück, die Kammersymphonie von Franz Schreker: klein, aber fein - eine Mini-Symphonie in nur einem Satz. Dabei benahm sich der Komponist wie ein Geburtstagskind, das voller Freude seine Geschenke auspackt. "Überraschung!" ruft so ein Kind immer wieder begeistert aus. Und mit ähnlicher Freude, ja mit kindlicher Unersättlichkeit zeigte der Komponist in seinem 1916 entstandenen Werk Klangfarben von verschiedenen Instrumenten auf: Klavier, Celesta, Harmonium, Harfe und verschiedenes Schlagwerk. Und der Dirigent? Er wirkte wie die Weberin in einem Vers von Goethe:

Wie ein Tritt tausend Fäden regt
Die Schifflein hinüber herüber schießen
Die Fäden sich begegnend fließen
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt…

Zwei Landsmänner könnten kaum verschiedener sein als die Österreicher Franz Schreker und Anton Bruckner, dessen Neunte Symphonie nach der Pause aufgeführt wurde. Wie in der Kammersymphonie, hat der Dirigent auch hier den Nerv des Werkes getroffen: dort der unnachahmliche Wiener Charme, hier das musikalische Testament eines alten und kranken Menschen, der den Tod vorausahnt und sich vom Leben verabschiedet.

Die Interpretation von Simon Rattle bot eine eigene Sicht auf das unvollendete monumentale Werk. Bei Bruckner wiederholen sich manche Motive und rhythmische Figuren sehr oft, die z.B. in der Einspielung von Günter Wand mit den Münchner Philharmonikern (insbesondere vor dem Erscheinen des Hauptthemas des ersten Satzes) Assoziationen mit etwas Mechanischem erwecken. Etwas, was von Gott vorbestimmt ist - die Uhr tickt, die menschliche Zeit ist gleich um. Ganz anders ging an solchen Stellen Simon Rattle vor. Er achtete ganz besonders darauf, dass die Wiederholungen niemals mechanisch wiedergegeben wurden. Es waren eher quälende Schmerzen oder Gedanken, die einen hartnäckig verfolgen und einfach nicht loslassen. Umso beeindruckender, wie ein wahrer Sieg des Geistes über den Körper, das erschütternde Hauptthema des ersten Satzes. Es war, als ob ein gewaltiges Fortissimo nicht von der Bühne her, sondern direkt vom Dach niederbrach und eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Selten hört man bei einem Orchester solche vollen, einstimmigen Fortissimi, wie sie die Berliner Philharmoniker an diesem Abend zustande brachten. Dass die Streichinstrumente vom heftigen Reiben der Bögen über die Saiten nicht in Flammen aufgingen, grenzt an ein Wunder. Aber auch alle lyrischen Themen der Symphonie waren sehr eindringlich, biegsam und plastisch vorgetragen. Die Idee solcher Stellen wurde dem Publikum wunderbar offenbart: So schön ist sie, die Erde, dass der Abschied vom Leben einem so schmerzhaft wird. Wie in einem offenen Buch las der Dirigent in der Partitur, und es wurden nicht nur die großen Linien der Symphonie architektonisch perfekt aufgebaut, sondern auch jede einzelne musikalische Phrase fand bei jedem Orchestermitglied ihren einzigartigen, sinngemäßen Ausdruck. Insbesondere die Blechbläser sind zu loben. Sie spielen häufig fahl und metrisch - nicht aber hier! Das Blech war immer ausdrucksvoll und spielte (wie auch die übrigen Instrumente) ohne Taktstriche, allein dem musikalischen Gedanken folgend. Applaus, Applaus!



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